OttiskOriginalromane
DIE KARTE, AUF DER ES UNS NICHT GIBT

Kapitel 6. Die Namenskette

Hinter der Trockenen Trage gibt es keine Menschen mehr, die in den staatlichen Listen stehen; dort beginnt das Land, das diese Listen als leer bezeichnen.

Das Land, das sie leer nennen, ernährt Menschen. Morgens ist der Schnee von Hasenspuren übersät, an den offenen Wasserstellen stehen Elche. Zweimal kommt der Trupp an Winterhütten vorbei, unter deren Dächern Trockenfisch hängt und deren Türen mit einer Schaufel abgestützt sind: Die Bewohner sind fort, um ihre Fallen zu kontrollieren, und fürchten nicht, dass ein Reisender mehr nimmt, als er braucht.

„Ödland“, diktiert der zweite Vermesser und blickt durch sein Fernrohr. „Nutzwald, Moor, herrenlose Jagdgründe.“

Prokop trägt die Messstäbe und schweigt.

Diese Jagdgründe haben Besitzer. Eine von ihnen geht in einem Männerpelz vor dem Trupp her und entscheidet, welche Namen ins staatliche Journal gelangen.

„Flur Gänsefurt“, sagt Aiga und deutet mit dem Peitschenstiel auf den weißen Fluss. „Dahinter die Schlucht der Stille. Und dann der Hügel Kahle Stirn, habe ich doch gesagt.“

Sotik schreibt auf: Gänsefurt, Schlucht der Stille.

Prokop hört zu und kann das Gehörte nicht als Lüge bezeichnen. Aiga erfindet nichts, sondern wählt jeweils einen von zwei Namen aus: Den wahren behält sie für die Ihren, den Fremden gibt sie einen einfachen Namen, der nichts bedeutet.

Am dritten Tag, an der Furt, begreift er es.

Der Trupp macht Mittagspause. Die Pferde dampfen. Aiga geht voraus, um die Eisränder zu prüfen, und als Prokop die Kiste zur Feuerstelle schleppt, sieht er am anderen Ufer einen dünnen Rauchfaden hinter einem mit Fichten bewachsenen Höhenrücken.

Dichter Rauch steigt gleichmäßig aus einem guten Ofen.

Er schaut zu Aiga. Sie steht mit dem Rücken zum Rauch und erzählt Kapiton ungewöhnlich ausführlich von den Aufeisflächen in der Schlucht der Stille, um ihn vom Fichtenwald am anderen Ufer abzulenken.

Dort hinter dem Rücken liegt der Lagerplatz der Sippe. Eine Tagesreise vom Vermessungsstreifen entfernt, vielleicht weniger.

Prokop nimmt den Kessel und geht an dem zweiten Vermesser mit dem Fernrohr vorbei zum Eisloch.

„Geh nicht über den Eisrand“, sagt er laut. „Unter dem Schnee ist fließendes Wasser, ich bin schon eingebrochen.“

Der Vermesser nimmt das Fernrohr herunter und tritt vom Ufer zurück. Der Rauch hinter dem Rücken gelangt nicht ins Journal.

Am Abend, als der Trupp schläft und Prokop beim Licht eines Kerzenstummels den Riemen an der Kiste flickt, setzt Aiga sich ihm gegenüber. Lange sagt sie nichts.

„Die Gänsefurt gibt es nicht“, sagt sie schließlich.

„Das habe ich mir gedacht.“

„Ihr wahrer Name ist Furt des Hungerfrühlings. In jenem Jahr sind die Rentiere verendet, und die Sippe hat sich mit Fischen aus dieser Furt gerettet. Großvater sagt: Solange wir den Namen im Gedächtnis behalten, wissen wir, dass man hier überleben kann.“ Sie blickt ins Feuer. „So einen Namen gibt man Fremden nicht. Fremde machen daraus einen Rastplatz.“

Prokop schweigt.

„Warum hast du ihn mir gesagt?“

„Weil du das Fernrohr heute vom Rauch weggelenkt hast.“

„Ich weiß nicht, von welchem Rauch du redest.“

„Genau deshalb habe ich es dir gesagt.“

Sie steht auf. Dann ist aus der Dunkelheit bei den Schlitten ihre Stimme zu hören:

„Du hörst die Namen, Papiermensch. Das ist gefährlicher, als Messfehler zu sehen.“

Sie hat recht. Ein Messfehler ist ein Fehler in den Zahlen, den man berichtigen kann. Doch wer einmal einen wahren Namen gehört hat, kann das Land nicht mehr für leer halten.

Von nun an lernt er zuzuhören.

Die Namenskette ist keine Liste, sondern eine mündliche Wegbeschreibung. Jeder Name erinnert daran, wie lange man gehen muss und wo Wasser, Futter oder Gefahr zu finden sind. Die Drei-Elche-Quelle bedeutet eine Tagesreise, Wasser, das nicht zufriert, und Elchgründe. Die Brandfläche des Alten Feuers bedeutet einen weiteren Tagesmarsch, junge Rentierflechte und bis zum Abend kein Wasser. Der Name eines Übergangs ist so alt, dass Aiga ihn unübersetzt ausspricht.

Das Kartenblatt der Gesamtvermessung teilt dasselbe Land in Werst und Zoll ein, sagt aber nichts über Wasser, Futter und gefährliche Orte.

Prokop geht hinter Aiga her und trägt die staatlichen Messstäbe durch ein Land, in dem jede Biegung zwei Namen hat. Im Dienst ist er ein bezahlter Träger. Doch der Sohn eines Lehrers aus einem ausgelöschten Dorf stellt sich immer öfter auf die Seite derer, die ihre Namen verbergen.

Inzwischen bemerkt Prokop den Unterschied selbst in Kleinigkeiten. Als der zweite Vermesser nach dem See vor ihnen fragt, antwortet Aiga: „Lang.“ Vor der Antwort zögert sie einen kaum merklichen Augenblick.

Am Abend fragt er sie auch danach.

„Bei der Sippe gibt es eine Regel“, sagt Aiga. „Fragt ein Fremder nach einem Namen, zähl bis eins und gib ihm einen glatten. Wer ihn sofort hergibt, gibt eines Tages den wahren her. Großvater hat mich gelehrt: Ein Name ist wie ein Messer. Dem Fremden reichst du den Griff, die Klinge behältst du selbst.“

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