Im Sommer hört die Taiga auf, so zu tun, als wäre sie leer.
Die Mückenschwärme erwachen. Sie hängen wie graue Säulen über dem Trupp, kriechen in Augen und Ohren und unter die Kragen, und Frol, der sich seit dreißig Jahren über nichts mehr wundert, gibt zu, seit seiner Vereidigung keine solchen Schwärme erlebt zu haben. Abends sind die Pferde blutig. Die Menschen schmieren sich mit Teer ein und fluchen im Flüsterton, weil ihnen zum Schreien die Kraft fehlt.
Prokop misst.
Sein Streifen führt vom See nach Osten. Prokop legt ihn sorgfältiger an als jeder andere im Trupp. Jeden Messpunkt setzt er in Gegenwart eines Zeugen, jeden Bezugspunkt prüft er zweimal, jede Berichtigung im Entwurf unterschreibt er mit vollem Namen. Sobald auch nur der geringste Zweifel an einer Messung aufkommt, kehrt er um und misst noch einmal. Frol stöhnt, die Mücken surren über ihren Köpfen, und die Kette legt sich wieder auf den Boden.
Nicht für den General misst er so gewissenhaft.
Er misst so, weil er glaubt, Genauigkeit allein schütze vor Willkür. Wenn alles fehlerfrei vermessen und verzeichnet ist, kann niemand das Ergebnis zu seinen Gunsten verfälschen.
Prokop hält diesen Gedanken für reif und vernünftig. Er stammt aus seinem früheren Leben, aus einer Welt, in der eine genaue Karte und das Gesetz das Land vor der Feder eines anderen schützen konnten.
Dieser Tag kommt am Ende des Sommers, mit dem Jäger Pankrat.
Pankrat lebt schon lange am Schwarzen Rücken. Dort steht sein Winterlager, von dem in drei Richtungen Fallenpfade abgehen; daneben befinden sich Vorratsspeicher und eine Räucherkammer. Prokop hat den ganzen Besitz gewissenhaft ins Kartenblatt eingetragen: das solide Blockhaus, die ausgetretenen Pfade und die Jagdgründe. Zwei Tage lang hat Pankrat ihn über die Fallenpfade geführt und war stolz darauf, dass das amtliche Kartenblatt endlich sein Recht auf diese Orte bestätigen würde. Er hat ihm die unteren Balkenkränze gezeigt, die sein Großvater auf Steine gesetzt hat, damit die Stämme nicht faulen. Er hat Prokop mit gefrorenen Fischspänen bewirtet, ihm Preiselbeerwasser eingeschenkt und immer wieder gefragt: Trägst du die Vorratsspeicher und die Räucherkammer auch ein? Der Herrscher soll wissen, dass es hier nicht leer ist.
Prokop hat alles eingetragen.
Jetzt steht Pankrat vor dem Trupp und hält mit ausgestrecktem Arm ein Papier von sich, als wäre es eine Kreuzotter.
„Lies“, sagt er. „Ich kann nicht lesen. In der Festung haben sie es mir vorgelesen, aber ich habe es nicht geglaubt.“
Prokop nimmt das Papier.
Es ist ein amtliches Schreiben in gleichmäßiger Schreiberhand. Meschenzews Kontor teilt mit: Laut dem Kartenblatt des Vermessers Werschinin mit der und der Nummer befindet sich auf dem staatlichen Streifen ein ohne Eintragung und Rechtsanspruch errichtetes, mithin eigenmächtiges Bauwerk. Der Eigentümer des eigenmächtigen Bauwerks hat den staatlichen Streifen bis zur Erstellung des winterlichen Kartenwerks zu räumen. Oder er hat sich zu den allgemeinen Bedingungen beim Kontor anstellen zu lassen.
Grundlage: das Kartenblatt des Vermessers Werschinin.
„Hier liegt ein Fehler vor“, sagt er.
„Wo?“, fragt Pankrat.
Prokop schweigt.
Der Form nach stimmt alles. Das Winterlager steht dort, wo Prokop es eingezeichnet hat. Einen schriftlichen Rechtsanspruch darauf gibt es nicht: Pankrats Großvater hat es errichtet, als noch niemand die Taiga durch staatliche Einträge aufgeteilt hat. Jetzt gilt dieses Land nur deshalb als staatlich, weil Prokop den Streifen genau hindurchgezogen hat.
„Ich habe deinem Großvater nichts genommen“, sagt Prokop leise. „Ich habe eingetragen, dass es das Winterlager gibt. Dass es gut gebaut ist. Dass die Fallenpfade dir gehören.“
„Hast du“, stimmt Pankrat ihm zu. „Und so haben sie gelesen, dass es mich gibt. Früher hat mich keiner gesehen, und ich habe hier gelebt. Jetzt bin ich zu sehen, und man befiehlt mir, den Platz zu räumen.“ Er nimmt das Papier zurück und faltet es sorgfältig entlang der alten Knicke. „Sei mir nicht böse, Vermesser. Ich mache dir keinen Vorwurf. Ich will nur verstehen: Wie kann es sein, dass ich, solange ich nicht auf dem Papier gestanden habe, ein Mensch gewesen bin, und jetzt, wo ich auf dem Papier stehe, zum unrechtmäßigen Siedler geworden bin?“
Prokop antwortet nicht. Er hat keine Antwort mehr.
Der zweite Vermesser, der vom Feuer aus zugehört hat, zuckt mit den Schultern: Gesetz ist Gesetz, die Vermessung kann nichts dafür, dass die Papiere der Leute nicht in Ordnung sind. Er sagt es ohne Bosheit, zwischen zwei Löffeln Brei, und empfindet nicht die geringste Schuld.
Pankrat geht hinaus in die Dunkelheit, zu seinem Winterlager, das von diesem Tag an auf fremdem Land steht, ohne sich auch nur um einen Zoll bewegt zu haben.
Am Abend sitzt Prokop über seinem Kartenblatt und betrachtet das saubere Zeichen am Schwarzen Rücken: Bauwerk, Pfade, Jagdgründe. Alles ist richtig verzeichnet, bis zum letzten Strich.
Aiga kommt herüber und bleibt neben ihm stehen. Inzwischen spricht sie nur noch selten mit ihm, deshalb wartet Prokop auf ihre Worte.
„Ich habe dir von dem Messer erzählt“, sagt sie. „Du hast nicht bis zum Ende zugehört. Dein ehrliches Kartenblatt ist gefährlicher als ein verlogenes. Eine Lüge kann man anfechten. Aber ein genaues Kartenblatt wird niemand nachprüfen.“
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