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DAS GRUSELKABINETT HAT BIS MITTERNACHT GEÖFFNET

Kapitel 4. Der leere Umschlag

Am Morgen wacht Ilja auf der Bank am Kassenhäuschen auf, weil Warja Gordejewa ihm mit dem Griff eines Schraubenziehers gegen die Schulter klopft.

„Lebendig?“

„Sieht so aus.“

„Dann stehen Sie auf. Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder haben wir uns letzte Nacht am Schimmel vergiftet, oder Ihr Großvater hat hier im Park kein Fahrgeschäft gehütet.“

„Welche Möglichkeit ist Ihnen lieber?“

„Mir ist die dritte lieber, bei der ich kündige und nach Sotschi ziehe. Aber ich habe einen Kredit und eine Mutter mit hohem Blutdruck.“

Dieser trockene Satz bewahrt den Morgen vor der Panik. Ilja lächelt sogar beinahe. Dann sieht er das Kassenbuch, und das Lächeln verschwindet.

Der Eintrag von Tolik Scharow ist nicht abgeschlossen.

Daneben ist ein neues Wort erschienen: „Zeuge“.

Unter dem Wort liegt ein alter Umschlag. Grau, dünn, mit dem Stempel des Werks und einem leeren Rechteck dort, wo der Betrag stehen müsste. Ilja hat nicht gesehen, wie der Umschlag ins Kassenhäuschen gekommen ist. Warja auch nicht. Gestern Abend war er noch nicht da.

Auf der Rückseite steht in Kinderschrift: „Für Papa, wenn er zurückkommt.“

Ilja betrachtet die Worte lange. Dann fragt er:

„Wissen Sie, wo wir die Tochter suchen können?“

Warja nimmt den Umschlag mit zwei Fingern, als könnte er sie verbrennen.

„In Saretschensk verschwindet niemand vollständig. Unsere Stadt ist klein. Die Leute behaupten einfach, sich an nichts zu erinnern.“

Sie fangen beim ehemaligen Wohnheim des Werks an. Dann gehen sie zum Archivhäuschen am Werkstor. Danach zu einer Frau, die an der Haltestelle Sonnenblumenkerne verkauft und über jede Scheidung, Beerdigung und jeden Umzug besser Bescheid weiß als jedes Register. An den Namen von Tolik Scharows Tochter erinnert sie sich nicht sofort. Dafür weiß sie noch, dass das Mädchen sich als Kind mit allen geprügelt hat, die ihren Vater einen Säufer genannt haben.

„Später hat sie aufgehört“, sagt die Frau. „Hat wohl keine Kraft mehr gehabt. Irgendwann kann keiner mehr.“

Tolik Scharows Tochter wohnt in einem Plattenbau hinter dem Markt. Nicht sie öffnet die Tür, sondern ihr erwachsener Sohn. Er hört Ilja zu, schaut auf den Umschlag und sagt:

„Über so etwas spricht meine Mutter nicht.“

„Es geht nicht um das Geld“, sagt Ilja.

„Das sagen alle, die wegen Geld kommen.“

Die Tür fällt beinahe zu. Doch aus dem Inneren der Wohnung ist eine Frauenstimme zu hören:

„Zeig her.“

Sie kommt im Bademantel heraus, klein, grauhaarig, mit trockenen Händen. Den Umschlag nimmt sie ohne Überraschung. Sie betrachtet die Kinderschrift lange, weint aber nicht.

„Wo haben Sie den gefunden?“

Ilja versucht nicht, sie mit einer schönen Lüge abzuspeisen. Er sagt nur:

„In der Kasse Ihres Vaters. Im Park.“

Die Frau hebt den Blick zu ihm.

„Mein Vater hatte keine Kasse. Er hatte eine Werkhalle.“

Diese Berichtigung ist wichtiger als jede Erklärung. Ilja nickt.

„In der Werkhalle.“

Da lässt sie sie herein.

In der Wohnung riecht es nach Medikamenten, gebratenen Zwiebeln und alten Möbeln. An der Wand hängt das Foto eines jungen Mannes in einer wattierten Jacke. Tolik Scharow lächelt darauf anders als in der Nacht. Auf dem Foto weiß er noch nicht, dass die Stadt einen Menschen aus einer Schicht herausrechnen kann.

Die Tochter erzählt wenig. Von den Unterlagen weiß sie nichts. Sie weiß nur: Ihr Vater ist zur Schicht gegangen, danach hat man ihn nicht gefunden, dann sind Leute gekommen und haben ihrer Mutter gesagt: Er ist auf keiner Stempelliste vermerkt. Kein Eintrag, kein Lohn. Kein Lohn, kein Grund, Aufhebens zu machen. Ihre Mutter ist damals krank geworden. Das Mädchen hat den leeren Umschlag mit in die Schule genommen, weil er die Handschrift ihres Vaters getragen hat und ihr sonst nichts von ihm geblieben ist.

„Und Ihr Großvater …“, sagt sie und sieht Ilja an. „Semjon Iljitsch. Er ist einmal im Jahr gekommen. Im Mai. Er hat Lebensmittel gebracht. Er hat nie gesagt, von wem.“

Ilja spürt, wie sich etwas Altes in ihm unangenehm verschiebt.

„Mein Großvater?“

„Mit Worten hat er niemanden verteidigt. Seine Worte waren schwer. Aber Kartoffeln hat er gebracht. Und Zucker.“

Warja Gordejewa schaut aus dem Fenster und schweigt. Dieses Schweigen ist nicht leer. Es ist, als füge sie in Gedanken zwei Bilder zusammen: den alten Mann, der jede Nacht die Plombe vom Gruselkabinett entfernt, und denselben alten Mann mit einem Sack Kartoffeln vor einer fremden Tür.

Sie gehen, ohne etwas zu versprechen. Tolik Scharows Tochter fragt nicht, ob ihr Vater zurückkommen wird. Sie fragt nicht, ob die Erscheinung echt gewesen ist. Sie nimmt nur den Umschlag und sagt:

„Wenn Sie ihn noch einmal sehen, sagen Sie ihm: Ich habe ihnen nie ganz geglaubt. Ich war müde, aber ich habe ihnen nicht geglaubt.“

In der Nacht kehren sie in die Werkhalle zurück.

Diesmal wartet Ilja nicht, bis der Raum von selbst die Glocke schlägt. Er legt den Umschlag auf die Stempelkartentafel und spricht den vollständigen Namen aus:

„Anatoli Pawlowitsch Scharow. Die Schicht ist anerkannt.“

Das Gruselkabinett antwortet nicht sofort.

Zuerst beginnt die ferne Maschine zu dröhnen. Dann klicken nacheinander die Haken an der Stempelkartentafel. Eine Karte nach der anderen hebt sich und gelangt wie von unsichtbaren Händen an ihren vorgesehenen Platz. Zuletzt richtet sich die leere Karte auf. Jetzt steht ein Name darauf.

Tolik Scharow tritt aus der Dunkelheit.

Er sieht noch genauso aus. Wattierte Jacke, nasse Haare, Stempelkarte. Nur verschwindet das Wasser nicht mehr an seinem Kinn. Es fällt zu Boden und hinterlässt gewöhnliche dunkle Tropfen.

„Ist er angekommen?“, fragt er.

„Er ist angekommen“, sagt Ilja. „Sie hat gesagt, dass sie ihnen nie ganz geglaubt hat.“

Tolik Scharow schließt die Augen.

Die Werkhalle atmet aus.

Es ist kein Wind. Es ist das Geräusch von Menschen, die viel zu lange nach Ende ihrer Schicht an den Maschinen gestanden haben und endlich hören, dass sie gehen dürfen.

Auf der rechten Seite des Kassenbuchs zittert die Tinte.

Tolik Scharow. Letzte Schicht. Beglichen.

Doch weiter unten, wo Ilja auf leeres Papier gehofft hat, tritt eine neue Zeile hervor.

Nicht alle.

Am Morgen sieht Warja es zuerst.

Sie schaut lange auf das Buch, dann sagt sie:

„Mir gefällt überhaupt nicht, dass ich allmählich die Handschrift Ihres Großvaters verstehe.“

„Was genau?“

„Das ist keine Liste der Toten. Das ist eine Liste derer, die jemand nicht mitgezählt hat.“

Ilja will antworten, doch draußen schreit ein Kind.

Sie laufen zum Gruselkabinett hinaus.

Am Eingang stehen drei Jugendliche mit ihren Handys. Hinter ihnen versammeln sich bereits Erwachsene. Manche lachen, manche schimpfen, manche filmen das Schild. In der schwarzen Fassade des Gruselkabinetts ist eine neue Tür erschienen. Gestern war sie noch nicht da. Sogar die Farbe ringsum ist frisch, obwohl sie nicht nach Farbe riecht, sondern nach Maschinenöl und nasser Arbeitskleidung.

Über der Tür hängt ein Schild.

„Die Werkhalle ohne Schicht“.

Der erste Jugendliche sagt bebend vor Begeisterung in die Kamera:

„Leute, das ist einfach krass. Die haben hier einen neuen Raum. Der ist wirklich wie lebendig.“

Ilja tritt vor, um den Eingang zu schließen.

Doch die Kasse klingelt.

Eine Tageskasse. Gewöhnlich. Laut. Für Geld.

Am Fenster steht bereits eine Frau mit einem Kind und fragt, wie viel eine Eintrittskarte kostet.

So wird die erste beglichene Schuld zum ersten Öffnungstag des Parks.

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