Am Morgen kommt die Kommission nicht mit Geschrei, sondern mit einem Maßband.
Das war schlimmer.
Geschrei kann man aussitzen. Ein Maßband dagegen verwandelt alles Lebendige in eine Entfernung zum nächsten Unglück. Vom Kassenhäuschen bis zum Ausgang. Vom alten Kabel bis zur Holzwand. Vom Teich bis zum Kinderweg. Vom Menschen bis zu jener Formulierung, nach der ein Mensch kein Zeuge, Besucher oder Nachbar mehr ist, sondern eine „Person im möglichen Gefahrenbereich“.
Roman Sujew steht in einem grauen Mantel neben der Kommission und sagt fast nichts. Das muss er auch nicht. Die Leute mit den Akten reden für ihn.
Der Brandschutzinspektor betrachtet das Gruselkabinett, als würde der Pavillon bereits brennen und hätte es nur noch nicht begriffen. Der Elektriker von der Stadt öffnet den Schaltraum, schnalzt mit der Zunge und fordert Warja Gordejewa auf, ihre Zulassung vorzuzeigen. Eine Frau von der Verwaltung hält alles gleich in zweifacher Ausfertigung fest. Maja Krajewa hält sich etwas abseits, als wäre sie nicht gekommen, um zu helfen oder zu stören, sondern um sich zu merken, wer als Erster die Wahrheit zum Verstoß erklärt.
Ilja Lasarew hält das Kassenbuch unter seiner Jacke. Seit der Nacht ist es schwerer geworden, obwohl keine Seiten hinzugekommen sind.
„Wir schließen Ihren Park nicht“, sagt Roman Sujew, als der Inspektor das erste rote Absperrband über den Eingang zum Schaltraum klebt. „Wir sperren den Zugang zur Gefahr. Das ist nicht dasselbe.“
Er sagt es sanft, beinahe fürsorglich. Ilja begreift, dass genau darin seine wahre Stärke liegt. Roman Sujew nimmt niemandem das Grundstück weg. Er rettet die Menschen vor dem Grundstück. Er wirft Warja nicht hinaus. Er hält eine ungeprüfte Fachkraft von einem Risiko fern. Er verbietet niemandem, sich an die Toten zu erinnern. Er bittet lediglich darum, Tragödien bis zur Klärung der Umstände nicht als Attraktion zu benutzen.
Jeder Satz ist so gebaut, dass jeder vernünftige Mensch nicken muss.
Genau deshalb wird Warja blass.
Der städtische Elektriker legt ihr ein Protokoll vor.
„Unterschreiben Sie, dass sich die Anlage unbemerkt in einem gefährlichen Zustand befindet und Sie den Eigentümer informiert haben.“
„Habe ich nicht“, sagt Warja.
„Dann unterschreiben Sie, dass Sie ihn nicht informiert haben, weil Ihnen die Zulassung fehlte.“
„Ich hatte eine Zulassung.“
„Wo ist sie?“
Sie öffnet den Mund und schließt ihn wieder.
Semjon Iljitsch Lasarew hat sämtliche Papiere überall aufbewahrt, nur nicht dort, wo man sie schnell finden kann. Warja kennt jede Klemme im Schaltraum, doch ihr Recht, diese Klemme anzufassen, liegt irgendwo im Chaos des Großvaters, zwischen Rechnungen für Glühbirnen und alten Eintrittskarten.
Roman Sujew lächelt nicht. Er sieht Ilja nicht einmal an. Er sagt nur:
„Warja, ich verlange nicht von Ihnen, die Erinnerung zu verraten. Ich bitte Sie nur, keine fremde Schuld auf sich zu nehmen.“
Das ist ein schöner Satz. So schön, dass Ilja ihn am liebsten am Tresen des Kassenhäuschens zerschmettern würde.
Warja nimmt den Stift.
Ilja macht einen Schritt nach vorn, doch sie sieht ihn nicht einmal an. Sie streicht nur mit einem kurzen Strich das leere Unterschriftsfeld durch.
„Fremde nehme ich nicht auf mich“, sagt sie. „Und meine eigene gebe ich Ihnen auch nicht.“
Der städtische Elektriker nimmt ihr die Schlüssel zum äußeren Verteilerkasten ab. Nicht zu dem Schaltraum des Parks, den man noch mit dem Schlüsselbund des Großvaters öffnen kann, sondern zu dem großen städtischen Schrank hinter dem Zaun. Dort verläuft die Leitung, ohne die abends nur die Hälfte der Lampen im Park leuchten kann.
Roman Sujew seufzt.
„Dann ist der allgemeine Zutritt bis zu einer gesonderten Entscheidung verboten. Ein Eigentümer, eine technische Fachkraft, ein Vertreter der Polizei. Nicht mehr.“
Maja Krajewa hebt den Blick.
„Und die Polizei vertrete ich?“
„Wenn Sie möchten“, sagt Roman Sujew. „Ich dachte, Sie mögen es nicht, wenn Kinder durch gefährliche Anlagen laufen.“
„Ich mag es nicht, wenn Erwachsene einen alten Fall hinter dem Wort ‚Anlage‘ verstecken.“
Zum ersten Mal an diesem Morgen sieht er sie an. Nicht böse. Aufmerksam.
„Dann sind wir beide für Sicherheit.“
Gegen Mittag ist der Park leer. Die roten Absperrbänder rascheln im Wind. Das Karussell steht wieder still. Der Schießstand schweigt. Nur das Gruselkabinett hinter dem versperrten Eingang wirkt nicht geschlossen, sondern so, als hielte es den Atem an.
Ilja, Warja und Maja bleiben zu dritt am Kassenhäuschen zurück.
Unten in der Schublade liegt ein Messingschlüssel mit einem Anhänger, auf dem Nina Pachomowas Name steht.
Maja sieht ihn an.
„Ist das ein Beweisstück?“
„Ich weiß es noch nicht“, sagt Ilja.
„Schlechte Antwort.“
„Ich habe fast keine anderen.“
Maja geht nicht sofort. Zuerst betrachtet sie den Anhänger, als wäre der Nachname kein Beweis, sondern eine Adresse.
„Nina Pachomowa?“, fragt sie.
„Kennen Sie sie?“
„Jeder Bezirkspolizist kennt die Leute, die sich wegen jeder Rechnung mit der Sozialarbeiterin streiten. Sie wohnt beim Markt. Falls das wieder nur Zufall ist, lache ich später selbst darüber.“
Sie geht zum Tor und ruft an. Sie spricht knapp und trocken, ohne Amtsdeutsch, als hätte sie Angst, das Gruselkabinett könnte etwas anderes heraushören, als sie meint.
„Nina Stepanowna, hier ist Krajewa. Erschrecken Sie nicht. Es ist etwas mit Ihrem Namen darauf gefunden worden. Ja, im Park. Nein, am Telefon sage ich nichts. Wenn Sie möchten, schicke ich einen Wagen. Wenn Sie nicht möchten, darf ich Sie nicht zwingen.“
Dann kehrt Maja zum Kassenhäuschen zurück und steckt das Telefon weg.
„Sie hat gesagt: Wenn es das Kassenhäuschen ist, kommt sie.“
Der Schlüssel passt nicht zum Kassenhäuschen. Nicht zur Tür. Nicht zum Schaltraum. Er passt zu einem kleinen Eisenkasten unter dem Tresen, den Ilja bisher für einen verschlossenen Tresor gehalten hat. Der Kasten öffnet sich ohne ein Knarren.
Darin liegen Münzen.
Keine alten, keine wertvollen. Rubel, Kopeken, Spielmarken, Kinderknöpfe, zwei Knöpfe von einer Werksuniform und eine kleine Haarspange in Form eines gelben Kükens. Darunter liegt eine Quittung.
Fehlbetrag: siebenundvierzig Rubel und sechzehn Kopeken.
Unterschrift: Nina Pachomowa.
Ilja berührt die Quittung, und die Kasse klingelt.
Nicht wie in der Nacht.
Sie klingelt lange, hell und demütigend. So klingt Kleingeld, das vor Zeugen nachgezählt wird, während die Schlange einem in den Rücken starrt.
Das Gruselkabinett öffnet von selbst die Seitentür.
Dahinter ist keine Werkhalle. Dort steht ein altes Kassenhäuschen. Schmal, mit trübem Glas, einem niedrigen Stuhl und einer Leuchtstofflampe. An der Wand hängt ein Schild: „Kein Wechselgeld“. Darunter befindet sich eine Uhr, doch ihre Zeiger bewegen sich nicht. Sie zittern, als wäre ihnen kalt.
„Das ist also doch kein Projektor?“, fragt Maja.
Warja sieht Ilja an.
„Fragen Sie den Experten für falsche Töne.“
Ilja lauscht. Die Lampe summt. Die Uhr tickt. Irgendwo hinter dem Glas atmet eine Warteschlange.
„Nein“, sagt er. „Die Schlange erinnert sich an das Geräusch.“
Maja sagt trocken:
„Warteschlangen erinnern sich nicht.“
Die Kasse antwortet für ihn.
Hinter dem trüben Glas ertönt eine Frauenstimme:
„Der Nächste.“
Sie sehen Nina Pachomowa als junge Frau. Nicht leibhaftig, sondern als Spiegelbild. Sie sitzt in einem blauen Pullover hinter dem Glas, das Haar ordentlich frisiert, mit dem Gesicht eines Menschen, der bereits begriffen hat: Heute wird man ihn nicht mit Gewalt brechen, sondern mit den richtigen Fragen.
Vor dem Glas stehen drei Männer. Ihre Gesichter zeigt das Gruselkabinett nicht. Nur die Hände. Eine Hand hält ein Protokoll. Die zweite dreht einen Bleistift. Die dritte klopft mit zwei Fingern gegen das Glas.
„Siebenundvierzig Rubel und sechzehn Kopeken“, sagt die gesichtslose Stimme. „Unterschreib, Nina. Eine Kleinigkeit. Jeder macht mal einen Fehler.“
Die junge Nina schweigt.
„Wenn du nicht unterschreibst, sehen wir uns die Schichten deines Sohnes an. Der arbeitet doch auch im Werk, oder? Nur befristet? Bei solchen Leuten kann man leicht übersehen, dass einer fehlt.“
Warja flucht leise.
Maja hört auf zu schreiben.
Ilja begreift, dass er sich geirrt hat. Bei der Schuld geht es nicht um Geld. Das Geld ist nur ein Mittel, um zu messen, wie viel Lebenszeit man einem Menschen stehlen kann, bevor er zerbricht und mit seiner eigenen Unterschrift den Diebstahl eines anderen bestätigt.
Auf dem Glas erscheint eine Regel.
Das Wechselgeld bringt nicht das Geld zurück.
Die erste Münze fällt in die Ausgabeschale.
Das Gruselkabinett verändert sich.
Ein Rubel wird zu einer Stunde. Fünf Kopeken werden zu Minuten vor einem verschlossenen Büro. Zehn Kopeken werden zu Schritten vom Kassenhäuschen bis zum Werkstor, wo niemand Nina Pachomowa mehr beim Namen nennt, nur noch „die da“. Jede Münze klingelt und gibt ihr keinen Geldbetrag zurück, sondern ein Stück ihres Lebens, in dem man sie gezwungen hat, eine Diebin zu sein.
Ilja will das Klingeln stoppen.
Doch Warja packt ihn am Ärmel.
„Nicht anfassen. Sie muss es bis zum Ende hören.“
„Sie?“
Warja deutet mit dem Kopf zum Glas.
Im Spiegelbild hebt die junge Nina den Kopf.
Und draußen, am Eingang zum Pavillon, steht die alte Nina Pachomowa.
Maja hat sie nach dem Anruf herbringen lassen. Nicht nachts, nicht mit Gewalt, nicht per Vorladung. Die alte Kassiererin hat selbst angeordnet, ihr beim Aussteigen nicht zu helfen, und ist am Stock bis zum Pavillon gegangen, als ginge sie nicht zu Geistern, sondern zu einem Vorgesetzten, der sich zu lange geweigert hat, ihre Beschwerde anzuhören.
Maja glaubt nicht an das Gruselkabinett. Aber sie glaubt an Zufälle, von denen man allzu lange verlangt, sie nicht zu überprüfen.
Die alte Nina sieht ihr jüngeres Ich ohne Angst an.
„Ich dachte, ich verrecke, bevor diese Kasse wieder öffnet“, sagt sie.
Ilja fragt:
„Haben Sie unterschrieben?“
„Habe ich.“
„Haben Sie das Geld genommen?“
„Ob ich Wechselgeld mit nach Hause genommen habe, wenn jemand eine Kopeke hat liegen lassen? Ja. Für den Bus. Für Brot. Für meinen Sohn. Aber siebenundvierzig Rubel und sechzehn Kopeken habe ich nicht genommen. So ein Betrag ist bei uns nur dann in der Kasse aufgetaucht, wenn jemand oben wollte, dass sich bei jemandem unten eine Schuld findet.“
Sie geht zum Glas und legt die Handfläche auf die trübe Scheibe.
„Ich habe unterschrieben, damit sie Ljoschka nicht auf eine andere Liste setzen. Man hatte ihn damals im Lager gesehen. Und wer etwas gesehen hatte, konnte bei der nächsten Schicht einfach nicht mehr auftauchen.“
Maja fragt leise:
„Wer hat Sie gezwungen?“
Nina Pachomowa antwortet nicht sofort.
Hinter dem Glas hört die Hand mit dem Bleistift auf zu klopfen. Der ganze Raum scheint sich ihr entgegenzuneigen.
„Der, der gezählt hat“, sagt Nina. „Kein Buchhalter. Kein Vorgesetzter. Da war so ein Mann. Erst hat er Geld gezählt. Dann Menschen. Dann haben sich alle daran gewöhnt, dass es dasselbe ist.“
Die Kasse klingelt ein letztes Mal.
Unten in der Ausgabeschale liegt keine Münze mehr, sondern ein kleiner Schlüssel. Derselbe Messingschlüssel, nur steht auf seinem Anhänger jetzt nicht mehr Ninas Name, sondern das Wort „Erinnerung“.
Das Buch öffnet sich auf der rechten Seite.
Nina Pachomowa. Fehlbetrag. Beglichen.
Darunter, ganz am Rand der Seite, erscheinen zwei Buchstaben und ein Nachname.
A. Gordejew.
Warja sieht es als Erste.
Sie fragt nicht, was es bedeutet. Das muss sie nicht. Alle Farbe weicht so schnell aus ihrem Gesicht, als hätte das Gruselkabinett ihr die Lampe weggenommen.
„Andrej Gordejew“, sagt sie.
Ihr Patronym spricht sie nicht aus.
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