ОттискOriginalromane
DAS GRUSELKABINETT HAT BIS MITTERNACHT GEÖFFNET

Kapitel 7. Der Appell ohne Gruppe

Nach der Kasse wird der Park stiller.

Nicht leerer. Tatsächlich stiller.

Selbst die roten Absperrbänder am Eingang rascheln vorsichtiger. Maja Krajewa lässt für den Abend eine Vertretung kommen, geht aber selbst nicht. Sie setzt sich in das alte Kassenhäuschen, klappt das Einsatzprotokoll zu und sagt, sie werde gesonderte Notizen von Hand führen.

„Warum von Hand?“, fragt Ilja.

„Weil das System so tun wird, als wäre ich krank, wenn ich das dort eintrage.“

Warja steht vor den Türen des Gruselkabinetts und betrachtet den Namen ihres Vaters im Kassenbuch. Den ganzen Tag spricht sie nur über das Nötigste. Kabel, Hauptschalter, Absperrband, Schlüssel. Keine einzige Frage über Andrej Gordejew. Ilja drängt sie nicht. Zum ersten Mal begreift er, dass man an einem solchen Ort kein Vertrauen mit Worten aufbaut. Hier bedeutet Vertrauen manchmal einfach, nicht mit der Hand in eine frische Wunde zu greifen.

Am Abend kommt Roman Sujew.

Er bringt keine Drohung mit, sondern einen tragbaren Scheinwerfer, zwei Feuerlöscher und provisorische Schilder mit der Aufschrift „Zutritt verboten“. Er stellt alles am Tor ab und sagt:

„Wenn Sie sowieso nicht gehen, sorgen Sie wenigstens dafür, dass hier niemand auf dumme Weise stirbt.“

Ilja rechnet mit einem Haken.

Der Haken ist, dass die Hilfe echt ist.

Roman Sujew versteht es, genau dann hilfreich zu sein, wenn ihn das noch gefährlicher macht. Nach Warjas Weigerung setzt er sie nicht unter Druck. Er streitet nicht mit Maja. Er fotografiert nur die roten Absperrbänder, notiert die Uhrzeit und sagt, morgen werde die Stadt von einem neuen Verstoß erfahren.

„Von welchem?“, fragt Ilja.

„Unbefugtes Betreten einer gesperrten Anlage unter Beteiligung einer älteren Zeugin.“

„Sie meinen Nina?“

„Ich meine Verantwortung. Sie nennen es Wahrheit, Ilja. In den Akten wird es die Ausnutzung eines schutzbedürftigen Menschen in einem gefährlichen Pavillon heißen. Akten können sich nicht vor Geistern fürchten. Vor Strafverfahren fürchten sie sich dagegen ausgezeichnet.“

Er geht noch vor Mitternacht.

Und fast unmittelbar danach ertönt im Park ein Horn.

Nicht das Schichtsignal. Nicht die Kasse. Ein helles Pionierhorn, so sauber und munter, dass einem davon kälter wird als von jedem Knarren. Das Gruselkabinett öffnet den Haupteingang. Hinter der Tür ist weder die Werkhalle noch das Kassenhäuschen. Dort findet ein Schulappell statt.

Der Asphalt ist nass. Am Fahnenmast hängt eine rote Fahne, obwohl kein Wind geht. Auf beiden Seiten des Weges stehen Kinder in weißen Hemden. Ihre Gesichter sind nicht zu sehen. Nur Hinterköpfe, nasse Kragen und rote Halstücher, die zu schwer herabhängen, als hätte man sie gerade erst aus dem Wasser gezogen.

Maja Krajewa geht als Erste hinein.

„Wenn das hier für irgendein Video inszeniert ist, schlage ich jemanden mit dem Protokoll.“

„Für Videos schreit man hier normalerweise lauter“, sagt Warja.

Ilja lauscht dem Horn.

Dem Horn fehlt der Atem. Der Ton hält sich gleichmäßig, doch dahinter steckt die Angst eines Kindes, zusammengepresst zu einem einzigen Laut.

Auf dem Platz steht eine Lehrerin. Ihr Gesicht ist schlecht gezeichnet, wie auf einer alten Lehrtafel: Lächeln, Augen, rote Wangen. Aber ihre Hände sind echt. Darin hält sie ein Anwesenheitsbuch.

„Gruppe“, sagt sie mit einer Stimme, in der kein erwachsener Mensch steckt. „Zum Appell.“

Der erste Nachname.

Stille.

Der zweite.

Stille.

Der dritte.

Irgendwo in der Reihe zuckt ein nasses Halstuch.

Maja sagt:

„Hier ist niemand.“

Die Lehrerin dreht den Kopf zu ihr. Das aufgemalte Lächeln bleibt an seinem Platz.

„Dann antworten Sie für die Abwesenden.“

Warja flüstert:

„Tu’s nicht.“

Maja öffnet schon den Mund.

Ilja schafft es noch, das Anwesenheitsbuch mit der Hand zuzudecken. Nicht weil er die Regel ganz begriffen hat. Er weiß nur seit der Werkhalle: Wenn das Gruselkabinett nach einem Namen fragt, darf man nicht mit einem fremden Namen antworten.

Das Horn verstummt abrupt.

Auf der ersten Seite des Anwesenheitsbuchs erscheinen Worte:

Für einen Abwesenden darf man nicht antworten.

Die Lehrerin beginnt erneut mit dem Appell.

Diesmal versucht Ilja nicht, alles zu lesen. Er lauscht. Nach jedem Nachnamen entsteht ein kleines Geräusch in der Luft: ein Tropfen auf Asphalt, das Quietschen einer Bustür, das Klacken eines Absatzes, ein kurzer Atemzug. Jeder Abwesende hat seine eigene Spur.

Dann wird ein Name aufgerufen:

Olja Melnik.

Und vom Ende der Reihe antwortet die Stimme einer erwachsenen Frau:

„Hier.“

Alle Kinder drehen gleichzeitig den Kopf.

Dort, wo ein Kind stehen müsste, steht eine ältere Frau im Hausmantel. Kein Geist. Sie lebt. Über dem Mantel trägt sie ein nasses rotes Halstuch, und ihr Gesicht gehört einem Menschen, der viele Jahre lang jede Nacht bei diesem Appell aufgewacht ist.

Maja haucht:

„Klawa Sinizyna.“

Die Frau schlägt die Hände vor den Mund, als hätte sich die Antwort gegen ihren Willen aus ihr gelöst.

Das Lächeln der Lehrerin wird breiter.

„Antwort angenommen.“

Klawa Sinizyna verliert ihre Stimme.

Sie versucht, etwas zu sagen, doch aus ihrer Kehle kommt nur das Flüstern eines Kindes. Nicht ihres. Das des Mädchens, für das sie einst geantwortet hat.

Das Anwesenheitsbuch blättert von selbst um.

Auf der neuen Seite befindet sich der Stempel einer Kommission, die es laut Maja im Stadtarchiv nie gegeben hat.

Im Reader öffnen