ОттискOriginalromane
DAS GRUSELKABINETT HAT BIS MITTERNACHT GEÖFFNET

Kapitel 13. Saubere Papiere

Gegen Mittag wird der Park offiziell geschlossen.

Es sieht nicht einmal wie ein Angriff aus. Deshalb wirkt es gefährlicher.

Roman Sujew kommt mit einer Kommission, zwei Arbeitern in sauberen Schutzhelmen, einem Brandschutzinspektor und einer Frau von der Stadtverwaltung, die ständig das Wort „Sicherheit“ wiederholt, als ließe sich damit jede Tür verschließen. Hinter ihnen kommt der Sicherheitsdienst. Dann trifft die Polizei ein. Dann tauchen die lokalen Sender auf.

Kein Mensch schreit.

Keiner droht.

Im Gegenteil, Sujew bringt Feuerlöscher, neues Absperrband und provisorische Scheinwerfer für die Wege mit. Er weist die Arbeiter sogar an, die morsche Stufe am Schießstand zu verstärken, damit niemand einbricht, während das Protokoll erstellt wird.

Die Hilfe ist wieder echt.

Der Haken ist derselbe geblieben.

„Wir bestreiten Ihr Eigentumsrecht nicht, Ilja Sergejewitsch“, sagt Sujew vor laufenden Kameras. „Wir bestreiten Ihr Recht, Menschen an einen Ort zu lassen, an dem gestern ein Minderjähriger zu Schaden gekommen ist.“

Gleb darf nicht vor die Kameras, doch die Aufnahmen von seinem Telefon sind bereits in der ganzen Stadt unterwegs. Nicht die ganze Übertragung. Nur Ausschnitte. Die, in denen er bleich und mit einer grauen Strähne zitternd an der Kasse steht. Die, in denen Ilja neben dem Nachtbuch steht. Die, in denen Warja schreit, niemand solle sich der Tür nähern.

Der Moment, in dem Gleb das Telefon ausschaltet, fehlt.

Maja sieht sich den Zusammenschnitt auf einem fremden Telefon an und presst langsam die Kiefer zusammen.

„Das ist nicht die ganze Datei.“

Sujew hört es.

„Natürlich nicht“, sagt er. „Deshalb beantrage ich ja, das Original sicherzustellen. Damit keine Spekulationen entstehen.“

Er sagt das Richtige. Allzu richtig.

Plötzlich begreift Ilja: Sujew muss das Gruselkabinett gar nicht leugnen. Es reicht, es zu einer Gefahrenquelle zu machen. Kein Wunder, kein Beweis, kein Ort, an dem Tote ihre Namen zurückbekommen. Nur ein baufälliger Pavillon, in den Erwachsene nachts ein Kind gelassen haben.

Und das ist die Wahrheit.

Ilja könnte nicht das Gegenteil behaupten.

Die Frau von der Stadtverwaltung verliest die Verfügung. Zutritt beschränken. Betrieb einstellen. Tageseinnahmen bis zur Klärung versiegeln. Den Pavillon des Gruselkabinetts gesondert versiegeln. Den Eigentümer auf seine Haftung hinweisen.

Jedes Wort ist trocken.

Doch hinter jedem stehen ein nasses Lineal, ein leerer Umschlag, ein Teich, den es nicht gegeben hat, und Gleb, der sich beim Klirren von Münzen die Ohren zuhält.

Als die Frau von der Stadtverwaltung die Kasse versiegelt, liegt der Siegelstreifen glatt auf. Der rote Stempel glänzt von frischer Farbe. Der Inspektor hat sich bereits abgewandt, doch fünf Sekunden später wölbt sich das Siegel von innen, als drückte jemand darunter einen Finger dagegen.

Auf dem roten Kreis tritt ein Wort hervor:

Beglichen.

Der Inspektor sieht es. Maja sieht es. Ilja sieht, wie der Uniformierte schweigend das Siegel abreißt, ein neues hervorholt und es auf dieselbe Stelle klebt, ohne jemanden anzusehen.

Auch die Bürokratie kann Angst haben. Sie zeigt es nur ordentlich.

Warja steht am Schaltraum und beobachtet die Arbeiter.

„Lasst sie nicht an den Hauptschalter“, sagt sie leise.

„Mit welcher Begründung?“, fragt Maja.

„Damit, dass das Gruselkabinett dann zwar keinen Tagesstrom mehr hat, der Nachtbetrieb aber weiterläuft, wenn sie den falschen Stromkreis abschalten.“

Maja gibt das an den Inspektor weiter. Der Inspektor sieht sie an, wie man Menschen ansieht, die schon zu lange mit baufälligen Fahrgeschäften arbeiten.

Sujew tritt zu Warja.

„Warwara Andrejewna, ich will nicht, dass Sie am Ende als Sündenbock dastehen.“

Sie schnaubt belustigt.

„Sie fangen immer mit den guten Nachrichten an.“

„Ich meine es ernst. Sie haben vor dem Schaltraum gewarnt. Sie haben sich geweigert, das Protokoll zu unterschreiben, weil Sie das Risiko nicht vertuschen wollten. Man kann es so festhalten, dass die Verantwortung beim Eigentümer bleibt.“

Ilja steht drei Schritte entfernt und hört jedes Wort.

Warja weiß ebenfalls, dass er zuhört.

Sujew senkt die Stimme nicht. Er muss sich nicht verstecken.

„Sie müssen mich nicht vor ihm retten“, sagt Warja.

„Ich rette Sie nicht. Ich ziehe klare Grenzen. Erwachsene Menschen verwechseln Loyalität manchmal mit Beihilfe.“

Dieser Satz klingt beinahe freundlich.

Und gerade deshalb trifft er genauer als eine Drohung.

Am Abend hängen sie eine Kette ans Tor. Das Gruselkabinett wird versiegelt. An der Kasse wird ein Siegel angebracht. Die alten Automaten werden mit Hüllen abgedeckt, als wäre der Park gestorben und würde nun für den Abtransport vorbereitet.

Am Zaun stehen Menschen.

Keine Menschenmenge. Ein paar Dutzend Leute. Dieselben, die gestern darum gebeten haben, Zettel in die Kasse zu legen, Namen geflüstert, alte Fotos gebracht und gewollt haben, dass das Gruselkabinett eigens für sie öffnet. Jetzt sehen sie auf das Absperrband und schweigen. Jeder schweigt anders: wütend, verängstigt, schuldbewusst, müde.

Nina Pachomowa kommt mit einem Hocker und setzt sich gegenüber dem geschlossenen Kassenhäuschen hin.

„Ich bleibe bis Mitternacht sitzen“, sagt sie.

„Wozu?“, fragt Ilja.

„Alte Gewohnheit. Eine Kasse ohne Kassiererin sieht nicht gut aus.“

Maja schickt sie nicht fort.

Warja geht als Erste. Sie verabschiedet sich nicht, schlägt keine Tür zu, macht aus ihrem Schmerz kein Schauspiel. Sie nimmt einfach ihre Arbeitsjacke vom Haken, faltet sie so ordentlich zusammen, als würde sie damit nicht ein Gespräch, sondern eine Schicht beenden, nimmt die Gordejew-Mappe und geht zum Eingang.

Ilja möchte sie aufhalten.

Doch vor seinen Augen stehen die Gordejew-Mappe und der Schuldschein seines Großvaters.

Gegen elf Uhr abends ist der Park leer. Sujews Scheinwerfer fluten die Wege mit weißem Licht. Sie lassen alles sicher und tot wirken.

Ilja sitzt allein im Kassenhäuschen.

Vor ihm auf dem Tisch liegt der alte Vertragsentwurf. Derselbe, für den er am ersten Tag nach Saretschensk gekommen ist: Unterschrift, Abrechnung, Grundstück, Übergabe des Objekts, Verzicht auf weitere Ansprüche. Damals haben diese Zeilen wie ein Ausweg gewirkt. Jetzt sagen sie fast dasselbe, nur ehrlicher formuliert: den Park abgeben, das Buch abgeben, alle Stimmen darin abgeben und nie wieder das Klingeln der Kasse hören.

Er nimmt den Stift.

Nicht, um zu unterschreiben. Das würde er Maja, Warja und sich selbst sagen.

Doch seine Hand ruht bereits auf der Unterschriftenzeile.

Und für einige Sekunden ist der Wunsch einfach und beschämend: Es soll aufhören. Die Stadt soll jemand anderen hassen. Der Schmutz seines Großvaters, Warjas Blick und Glebs graue Strähne sollen zu fremden Papieren in einem fremden Archiv werden.

Ilja begreift, dass er die ganze Zeit nicht das Grundstück verkaufen wollte.

Sondern seine eigene Schuld.

Er legt den Stift neben den Vertrag.

Nicht, weil er stark geworden ist.

Sondern weil ihn erschreckt, wie leicht es wäre, zu unterschreiben.

Um drei Minuten vor Mitternacht hört Ilja ein Rascheln.

Nicht im Gruselkabinett.

In seiner Tasche.

Er zieht eine weiße Tageseintrittskarte heraus. Das Papier ist trocken und frisch, mit einer sauber gedruckten Nummer und dem alten Stempel des Erster-Mai-Parks.

Auf der Rückseite steht:

Zutritt durch die geschlossene Tür.

Maja sieht die Eintrittskarte und greift nach ihrem Funkgerät.

„Nicht“, sagt Ilja.

„Doch, genau das.“

Doch die Tür des Gruselkabinetts öffnet sich vorher.

Das Siegel reißt nicht. Die Kette fällt nicht zu Boden. Das Schloss klickt nicht. Zwischen den Türflügeln erscheint einfach ein dunkler Spalt, gerade breit genug für einen Menschen mit einer Eintrittskarte.

Als Ilja die Eintrittskarte wieder einsteckt, schließt sich der Spalt von selbst.

Am Zaun räuspert sich jemand.

Ilja dreht sich um.

Hinter dem Maschendraht steht ein älterer Mann in einem grauen Mantel. Klein, hager, mit dem Gesicht eines Buchhalters alter Schule und den Augen eines Mannes, der nie zweimal nachzählt, weil er sich beim ersten Mal nicht irrt.

Er sieht nicht zur Tür.

Er sieht Ilja an.

„Bei Ihrem Großvater ist die Kasse nie richtig aufgegangen“, sagt der alte Mann mit ruhiger Stimme.

Im Reader öffnen