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DAS GRUSELKABINETT HAT BIS MITTERNACHT GEÖFFNET

Kapitel 15. Der Autoscooter der Gegenfahrbahn

Nachdem Rudnoi gegangen ist, wird der Park nicht stiller.

Er wird präziser.

Jedes Geräusch scheint jetzt an seinen Platz gesetzt. Die Kette am Tor klirrt nur, wenn Maja sich zum Zaun umdreht. In der Kasse schabt es nur, wenn Ilja versucht, sich das Gesicht seines Großvaters ohne die Schublade vorzustellen. Irgendwo in der Ferne, beim alten Autoscooter, schlägt Metall auf Metall, Stoßstange gegen Stoßstange.

Warja hört es zuerst.

„Da ist kein Strom drauf.“

„Ich habe inzwischen begriffen, dass das selten ein Hindernis ist“, sagt Ilja.

Sie lächelt nicht.

Sie gehen zu dritt: Ilja, Warja und Maja. Nina bleibt am Kassenhäuschen. Die Einwohner am Zaun gehen nicht weg, aber niemand klettert über das Absperrband. Selbst die Neugier ist an diesem Abend vorsichtig geworden. Nach Rudnois Namen erinnern sich die Leute daran, dass der Park nicht nur erschrecken, sondern auch zählen kann.

Der Autoscooter steht auf dem hintersten Platz, wo die Kinder tagsüber in eisernen Wagen am Lenkrad drehen und unter dem Fiepen eines alten Lautsprechers ineinanderkrachen. Nachts stehen die Wagen in einem ordentlichen Kreis, als wären sie zum Appell angetreten. Ihre Gummistoßstangen sind nass. In jeder Fahrerkabine brennt eine kleine Lampe, obwohl die Stromschienen unter der Decke längst abmontiert sind.

Am Törchen hängt ein Schild:

Gegenfahrbahn.

Maja bleibt stehen.

„Diesen Raum gab es nicht.“

„Es gab einen Unfall“, sagt Warja. „Vor langer Zeit. Damals verlief hier noch eine richtige Straße am Park entlang. Später hat man sie gesperrt und den Autoscooter darauf gebaut. Den Kindern hat man gesagt, so mache es mehr Spaß.“

Einer der Wagen rollt aus dem Kreis.

Von selbst.

Er hält vor ihnen. Auf dem Sitz liegt eine Metallmarke mit eingeprägter Nummer. Daneben ein altes Protokoll, an den Rändern nass, aber lesbar.

Fahrer Michail Kudin. Alkoholisierter Zustand. Auf die Gegenfahrbahn geraten. Tod am Unfallort.

„Michail Kudin“, liest Maja. „An den Nachnamen erinnere ich mich. In der Stadt hieß es, er sei nach dem Zahltag verunglückt.“

Der nächste Wagen dreht sich zu Maja.

Auf der trüben Windschutzscheibe erscheint:

Krajewa. Hat die Lüge wiederholt.

Maja erstarrt.

Ilja stellt sich zwischen sie und den Wagen, noch bevor er Angst bekommen kann.

„Nein. Sie ist Zeugin, keine Schuldnerin. Sie hat gesagt, was sie gehört hat. Unterschrieben hat sie nichts.“

Die Scheinwerfer blinken.

An der Wand, unter einem alten Straßenplan, erscheint für eine Sekunde eine dünne Zeile:

Ein Zeuge ist kein Schuldner.

Dann erlischt die Zeile, doch Ilja begreift: Die Regel ist nicht verschwunden. Sie wartet darauf, erneut angewandt zu werden.

Warja beugt sich über das Protokoll.

„Die Unterschrift von Pjotr Sawin.“

Ilja erinnert sich an Gleb, die graue Strähne an seiner Schläfe und die zitternden Hände über dem Papier.

Lebender Träger.

„Er ist nicht schuld“, sagt Ilja.

Der Wagen zuckt.

Das Lenkrad dreht sich nach rechts.

Nicht weit. Aber weit genug, dass alle es sehen.

Maja hebt die Taschenlampe.

„Sag es noch einmal.“

Ilja erkennt seinen Fehler, noch bevor er den zweiten Satz ausspricht.

„Michail Kudin war nicht betrunken.“

Das Lenkrad bleibt stehen.

Warja atmet langsam aus.

„Die Anlage reagiert nicht auf die Verneinung.“

„Auf die Lüge“, sagt Ilja.

In allen Wagen klicken gleichzeitig die Lenksäulen.

An der Wand des Autoscooters leuchtet ein Plan auf. Keine Karte, sondern eine alte Straßenskizze: zwei Fahrspuren, die Kurve am Teich, das Wachhäuschen, die Zufahrt zum Aktenlager. Zwei Lichtpunkte bewegen sich über die Straße. Der eine gleichmäßig. Der zweite in Schlangenlinien.

Wie immer versucht Maja zuerst, eine normale Erklärung zu finden.

„Ein Projektor.“

Ilja lauscht.

„Nein. Ein Projektor würde höher klingen. Das Geräusch kommt hier aus dem Boden.“

Der Boden unter dem Autoscooter bebt.

Die Wagen setzen sich im Kreis in Bewegung.

Langsam. Ohne Fahrer. Das Gummi quietscht über den Beton. Jeder Wagen fährt an ihnen vorbei und dreht das Lenkrad in dieselbe Richtung, als würde er einem unsichtbaren entgegenkommenden Auto ausweichen.

Aus dem Lautsprecher hustet eine alte Stimme.

„Kudin ist von selbst auf die Gegenfahrbahn geraten.“

Das Lenkrad des nächstgelegenen Wagens reißt nach links, und er kracht dem Nachbarwagen in die Seite. Die Stoßstange platzt. Aus dem Riss schlägt ihnen nicht Gummigeruch entgegen, sondern Benzin.

Maja weicht zurück.

„Ist das Pjotr Sawins Stimme?“

Ilja achtet nicht auf die Klangfarbe. Eine Klangfarbe lässt sich fälschen. Er hört auf die Pausen.

„Nein. Das ist keine Aufnahme. Das ist ein Protokoll. Es wird jedes Mal neu vorgelesen.“

Der nächste Satz erklingt bereits mit einer anderen Stimme, weiblich und verängstigt:

„Es gab kein zweites Auto.“

Alle Lenkräder drehen sich zur Wand.

Der Plan an der Wand verändert sich. Der zweite Lichtpunkt wird heller. Er kommt aus der gesperrten Straße zum Lager, rammt das erste Auto von der Seite und verschwindet durch die Tore des Parks.

Warja sieht Ilja an.

„Die Lagerstraße hat zur alten Buchhaltung des Werks geführt.“

„Zu den Akten am Teich“, sagt er.

Sie nickt. Nicht wie eine Verbündete. Wie ein Mensch, dem es wehtut, zuzugeben, dass sich die Teile zu einem Bild fügen.

Der Wagen vor ihnen öffnet die Tür.

Darin liegt ein Foto: der junge Michail Kudin in Arbeitsjacke, neben ihm seine Frau und ein Mädchen mit zwei Zöpfen. Auf der Rückseite steht in Kinderschrift:

Für Papa, wenn er zurückkommt.

Er ist nicht zurückgekommen, weil die Stadt eine bequeme Version angenommen hat. Betrunkener Fahrer. Selbst schuld. Schließlich sind Familien zurückgeblieben. Lieber nicht daran rühren.

Ilja setzt sich in den Wagen.

Warja packt ihn heftig an der Schulter.

„Was machst du da?“

„Die Regel muss überprüft werden.“

„An dir selbst?“

„An einer Lüge.“

Er legt die Hände ans Lenkrad.

Der Wagen erwacht unter ihm zum Leben. Nicht wie ein Spielzeug. Wie ein altes Auto, unter dessen Motorhaube man viel zu lange die Scham eines anderen festgehalten hat.

Maja sagt:

„Ilja, steig aus.“

Er sagt:

„Mein Großvater hatte nichts damit zu tun.“

Das Lenkrad schlägt so heftig ein, dass seine Handgelenke brennen. Der Wagen schießt auf die Wand zu. Warja schafft es noch, zum Hauptschalter des Autoscooters zu springen, obwohl gar kein Strom fließt, und schlägt mit der Handfläche auf das leere Gehäuse.

Ilja schreit nicht vor Angst.

Sondern vor Wut.

„Mein Großvater hat Geld genommen!“

Das Lenkrad gibt nach.

Der Wagen kommt eine Handbreit vor der Wand zum Stehen.

Die Stille danach ist so dicht, dass man darin das Wasser von den Stoßstangen tropfen hört.

Warja steht am Hauptschalter und sieht ihn an.

„Riskier nicht noch einmal deinen Hals, um die Wahrheit zu überprüfen.“

Es klingt beinahe nach Fürsorge.

Beinahe.

Dann zeigt der Autoscooter ihnen das Letzte.

An der Wand leuchtet eine Zeile aus dem Protokoll über die Entschädigung für die Familie des Toten auf. Das Geld ist bei Kudins Familie nie angekommen. Das Grundstück, das nach dem Unfall für gefährlich erklärt worden ist, ist über einen städtischen Fonds an die Parksanierung gegangen. Die Unterschriften bilden eine Kette: Pjotr Sawin, die Kommission, die Verwaltung, dann der Fonds mit dem nüchternen Namen „Entwicklung Stilles Viertel“.

Maja hält die Taschenlampe näher heran.

Unten steht eine alte Gründungsunterschrift.

Wiktor Rudnoi.

Und seitlich, neuer, bereits als elektronische Kopie:

Roman Sujew.

Nicht der Anfang der Kette.

Das letzte Glied.

Aus dem Sitz fällt eine Metallmarke des Autoscooters. Sie rollt über den Boden und bleibt vor Iljas Füßen liegen.

Auf der Rückseite erscheint eine Regel:

Die Lüge bestimmt die Richtung.

Als sie zum Kassenhäuschen zurückkehren, liegt das Nachtbuch bereits aufgeschlagen da.

Auf der Seite, auf der vorher nichts über den Autoscooter gestanden hat, zeichnet sich eine neue Zeile dunkel ab:

Michail Kudin. Lüge am Steuer. Zeuge nicht gefunden. Offen.

Darunter zieht die Tinte langsam eine zweite Zeile, dünner als die erste:

Tochter lebt.

Ilja erinnert sich an das Mädchen mit den beiden Zöpfen auf dem Foto und begreift, dass der Autoscooter sich nicht geschlossen hat.

Er hat nur gezeigt, wen sie zur Wand führen müssen, wenn Rudnoi anfängt, laut zu zählen.

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