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DAS GRUSELKABINETT HAT BIS MITTERNACHT GEÖFFNET

Kapitel 16. Das Geld des Großvaters

Am Morgen kommt Warja nicht zur Schicht.

Offiziell gibt es längst keine Schicht mehr. Der Park ist geschlossen, das Kassenhäuschen versiegelt, das Gruselkabinett zum einsturzgefährdeten Pavillon erklärt, und in den städtischen Gruppen wird Ilja mal als Erbe einer Sekte bezeichnet, mal als Betrüger, mal als jemand, der einen Teenager für einen Werbegag in einen Nervenzusammenbruch getrieben hat.

Aber Warja ist immer gekommen.

Auch wenn sie wütend war. Auch wenn sie ihm nicht vertraut hat. Auch als man ihr den Zugang zum städtischen Schaltkasten genommen und ihr nur den Park gelassen hat, die alten Kabel und ihre eigene sture Art, wortlos für ihn da zu sein.

An diesem Tag kommt statt ihrer ein Kurier.

Er gibt Ilja eine Tüte mit allen Arbeitsschlüsseln bis auf einen.

Der Schlüssel zum Schaltraum fehlt.

In der Tüte liegt ein Zettel:

Den gebe ich nicht her, bis ich weiß, wer ihn dringender braucht: du oder das Gruselkabinett.

Ilja liest ihn dreimal.

Dann geht er selbst zu ihr.

Warja wohnt in einem fünfstöckigen Wohnblock hinter dem ehemaligen Kulturhaus, dort, wo die Treppenhäuser nach Katzen, feuchtem Putz und dem Abendessen anderer Leute riechen. Im Erdgeschoss trocknet jemand Kinderfilzstiefel auf der Heizung. An der Wand hängt ein Aufruf, Geld für die Dachreparatur zu sammeln. In der Ecke steht ein Fahrrad ohne Sattel.

Ilja steigt in den dritten Stock und begreift, dass er noch nie bei ihr zu Hause gewesen ist.

Die Tür geht nicht sofort auf.

Warja steht in einer alten grauen Strickjacke vor ihm, ohne Arbeitsjacke, ohne Taschenlampe am Gürtel, ohne jene konzentrierte Haltung, die sie zu einem Teil des Parks gemacht hat. Die Wohnung hinter ihr ist sauber und eng. Auf einer Kommode steht ein Foto von Andrei Gordejew: ein junger Mann mit müden Augen und Händen, die offensichtlich besser reparieren als reden konnten.

„Ich habe dich nicht eingeladen.“

„Ich weiß.“

„Warum bist du dann gekommen?“

Er könnte sagen: um es zu erklären. Er könnte sagen: um die Mappe zurückzugeben. Er könnte sagen: Ich bin nicht schuld. Seit dem Autoscooter weiß er, wie gefährlich solche Worte sind, selbst außerhalb des Gruselkabinetts.

„Um dich zu fragen, wie du dich entschieden hast.“

Warja sieht ihn beinahe respektvoll an.

„Wenigstens lügst du nicht und behauptest, du wärst meinetwegen gekommen.“

Er verteidigt sich nicht.

Sie lässt ihn nicht ins Wohnzimmer, sondern in die Küche. Auf dem Tisch liegen die Gordejew-Mappe, Semjon Iljitschs Schuldschein und ein altes Schulheft. Ilja erkennt es nicht sofort. Dann sieht er auf dem Einband die Notiz seines Großvaters:

Kabel. Alter Park.

Warja legt die Hand auf die Quittung.

„Gestern hat er mir eine Antwort angeboten“, sagt sie. „Kein Geld. Keine Entschuldigung. Eine Antwort. Und beinahe bin ich ihr gefolgt wie einem Seil, das aus dem Wasser führt.“

Sie sieht auf die Mappe.

„Dann habe ich begriffen: Wenn ich die Wahrheit aus seiner Hand nehme, gehört sie ihm.“

„Ich habe die ganze Nacht Daten verglichen. In der Nacht, in der mein Vater verschwunden ist, hat dein Großvater Geld bekommen. Am nächsten Tag ist eine Familie aus der Stadt weggezogen. Zwei Tage später hat man den Ertrunkenen als Gerücht verbucht. Eine Woche später hat man meinen Vater zum Säufer erklärt.“

„Vielleicht hat er Zeugen gerettet.“

„Vielleicht.“

Sie sagt es ruhig.

„Vielleicht hat er sich auch sein Schweigen erkauft.“

Ilja will widersprechen. Nicht weil er die Wahrheit kennt. Sondern weil es wehtut zuzusehen, wie sein Großvater wieder zu dem Menschen wird, als den Ilja ihn nie sehen wollte.

Warja schlägt das Heft auf.

„Das ist sein Schaltplan. Nach dem Verschwinden meines Vaters hat dein Großvater selbst einen Stromkreis umgebaut. Von da an hat der Schaltraum das Gruselkabinett getrennt vom restlichen Park versorgt. Ohne diesen Umbau hätte es nachts nicht funktioniert. Er hat nicht nur Wache gehalten. Er hat ihm einen Weg gebaut.“

Die Worte wiegen schwerer als die Quittung.

Ilja setzt sich.

„Vielleicht wollte er die Schulden hier festhalten. Damit sie nicht in die Stadt hinauskommen.“

Warja verzieht den Mund. Müde, ohne Zorn.

„Hörst du dir eigentlich zu? Du redest schon wie jemand, der die Schublade seines Großvaters rechtfertigt. Das Geld war nicht für ihn. Das Schweigen sollte jemanden retten. Das Gruselkabinett war für die Schulden da. Es findet sich immer jemand, den man gerettet hat, damit man nicht über den reden muss, den man zurückgelassen hat.“

Er schweigt.

Es ist das Ehrlichste, was er tun kann.

Warja zieht ein kleines Foto aus dem Heft. Andrei Gordejew steht vor dem Schaltraum, eine Kabelrolle über der Schulter. Neben ihm steht Semjon Iljitsch. Nicht der alte Mann aus Iljas Erinnerung, sondern ein kräftiger Mann mit Schirmmütze und dem Gesicht eines Menschen, der noch glaubt, alles ließe sich mit den Händen reparieren.

Auf die Rückseite hat Semjon Iljitsch geschrieben:

Andrei traut der Kasse nicht. Zu Recht.

„Sie haben sich gekannt“, sagt Warja. „Nicht nur von der Arbeit. Er hat gewusst: Mein Vater würde keine schöngefärbte Version einfach glauben.“

Ilja sieht das Foto an und empfindet zum ersten Mal keine Scham für seinen Großvater, sondern Wut auf ihn. Keine kindliche, keine bequeme, keine, mit der man den Park verkaufen und wegfahren kann. Echte Wut.

Weil sein Großvater ihm nicht nur die Schlüssel hinterlassen hat, sondern auch eine Entscheidung, die er selbst nicht zu Ende gebracht hat.

„Ich finde heraus, was mit ihm passiert ist“, sagt er.

Warja antwortet leise:

„Das ist kein Versprechen, Ilja. Das ist eine Schuld.“

Er nickt.

„Ja.“

Sie sieht ihn lange an.

Dann nimmt sie den Schlüsselbund vom Nagel neben der Tür. Am Ring hängt noch immer der Schlüssel zum Schaltraum. Genau der, der in der Tüte gefehlt hat.

„Ich höre im Park auf.“

Er hat gewusst, dass sie es sagen würde. Trotzdem reißt in ihm etwas ab.

„Warja …“

„Nein. Nicht jetzt. Ich habe nicht dir vertraut. Ich habe darauf vertraut, dass du deinem Großvater nicht ähnlich bist. Jetzt sehe ich: Du bist ihm ähnlich. Nicht weil du Geld genommen hast. Sondern weil du, wenn es wehtut, nach einem System suchst, in dem der Dreck einen Nutzen bekommt.“

Das ist ungerecht.

Und keine völlige Lüge.

Die schlimmste Mischung.

Sie steckt den Schlüssel zum Schaltraum in die Tasche.

„Den behalte ich. Falls das Gruselkabinett dich vollends zu seinem Erben machen will, soll wenigstens ein Schalter nicht in deiner Hand liegen.“

„Du glaubst, ich bringe Menschen da hinein?“

„Ich glaube, du wirst die Schuld um jeden Preis begleichen wollen. Das ist fast dasselbe.“

Im Treppenhaus schlägt jemand eine Tür zu. In der Wohnung wird es zu still.

Warja öffnet die Tür.

„Wenn du keine Erklärung, sondern die Wahrheit gefunden hast, kannst du wiederkommen. Nicht vorher.“

Er geht hinaus.

Die Tür fällt leise ins Schloss.

Aber in diesem Geräusch liegt mehr Endgültigkeit als in all den Siegeln von Sujew.

Schon unten hört Ilja, wie hinter seinem Rücken Papier in seiner Tasche raschelt.

Er zieht die Nachtquittung heraus, die vor einer Minute noch nicht dort gewesen ist.

Darauf steht:

Warja Gordejewa. Zeugin, die nicht zur Wahrheit geführt wurde.

Darunter eine Zeile:

Der Erbe geht allein.

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