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DAS GRUSELKABINETT HAT BIS MITTERNACHT GEÖFFNET

Kapitel 17. Die Eintrittskarte des Erben

Gegen Abend ist der Park wirklich leer.

Nicht geschlossen. Ein geschlossener Park wartet noch auf die Reinigungskraft, den Wachmann, einen Jungen, der zufällig seinen Ball holen kommt, Verliebte am Zaun, einen Hund, der unter dem Draht hindurchschlüpft. Ein leerer Park wartet auf niemanden. Er weiß bereits, wer kommen wird.

Ilja kommt durch die Dienstpforte.

Maja wartet am Kassenhäuschen.

„Warja meldet sich nicht“, sagt sie.

„Ich weiß.“

„Sujew hat einen Eilantrag auf den Abriss von zwei Pavillons gestellt. Offiziell wegen Gefahr für Leib und Leben. Wenn der Richter morgen früh unterschreibt, können sie mit dem Gruselkabinett anfangen.“

Sie holt eine Kopie des Antrags aus der Mappe.

„Und noch etwas. Rudnois Fonds bleibt darin unbelastet. Für die Risiken hat Sujew unterschrieben. Wenn beim Abriss alte Leichen, Dokumente oder Kinder aus der Reihe auftauchen, ist der Sicherheitsmann plötzlich derjenige, der angeordnet hat, das Objekt vor Abschluss der Untersuchung abzureißen.“

Ilja sieht Roman Sujews Unterschrift an.

Auch das letzte Glied der Kette ist nur eine Zeile.

„Er wird nicht mehr dazu kommen.“

Maja sieht ihn an.

„Der Satz gefällt mir nicht.“

Ilja ist so müde, dass er beinahe lächelt.

„Mir auch nicht.“

Nina ist nicht am Kassenhäuschen. Der Hocker steht leer. Darauf liegt ihr Tuch, zum Dreieck gefaltet. Daneben ein Zettel:

Die alte Kassiererin wird von den Lebenden dringender gebraucht als von den Toten. Bin zu Klawa gegangen. Falls das Buch fragt, sag ihm: Ich komme zurück.

Maja liest den Zettel und steckt ihn in die Tasche.

„Wenigstens schreibt sie besser als wir alle.“

Sujews Scheinwerfer brennen noch. Ihr Licht macht die Wege flach wie auf einem Fluchtplan. Doch zwischen den Pavillons sammelt sich bereits eine andere Dunkelheit. Nicht die, die mit der Nacht kommt, sondern die, die bleibt, nachdem eine Stimme verstummt ist.

Das Gruselkabinett schweigt.

Ilja begreift, dass ihm das mehr Angst macht als das Klingeln.

In den vergangenen Nächten hat es gefordert. Gerufen. Gekratzt und geklingelt, fremde Räume eingeschaltet, nasse Eintrittskarten zurückgebracht, Namen gezeigt. Heute verlangt es nichts.

Es wartet auf ihn.

„Geh nicht rein“, sagt Maja.

„Ich habe eine Eintrittskarte.“

„Das ist kein Argument. Das ist erst recht ein Grund, nicht reinzugehen.“

Er holt die weiße Eintrittskarte hervor. Jetzt ist darauf eine neue Zeile erschienen:

Ilja Lasarew. Einlass nach Mitternacht.

Preis: verkaufen oder schließen.

Maja liest es und flucht leise, fast tonlos.

„Was verkaufen?“

„Den Park.“

„Und was schließen?“

Er sieht zum Gruselkabinett.

„Wahrscheinlich alles.“

Maja nimmt das Funkgerät vom Gürtel und legt es auf den Kassentresen.

„Hör mir zu. Offiziell kann ich dir nicht helfen. Ich bin schon viel zu weit gegangen. Wenn ich jetzt mit dir hineingehe, erledigt Sujew mich innerhalb einer Stunde mit seinem Papierkram. Rudnoi wahrscheinlich noch schneller.“

„Ich bitte dich nicht darum.“

„Ich bin noch nicht fertig.“

Sie holt ein kleines Diktiergerät aus der Tasche.

„Kein Handy. Kein Netz. Zeichnet auf Speicherkarte auf. Alt, dumm und zuverlässig. Schalt es ein, wenn du losgehst. Wenn du wieder rauskommst, gibst du es mir. Wenn nicht …“

Sie spricht den Satz nicht zu Ende.

Ilja nimmt das Diktiergerät.

„Danke.“

„Dank mir nicht. Ich versuche nur, mir einen Beweis dafür zu sichern, dass ich nicht völlig verrückt geworden bin.“

Es ist genau dieser trockene Satz nach der Angst, der einen bis zur nächsten Angst atmen lässt.

Um zwei Minuten vor zwölf gehen die Scheinwerfer aus.

Alle auf einmal.

Der Park versinkt nicht in der Dunkelheit. Er taucht darin auf.

Die Umrisse von Räumen werden sichtbar, die tagsüber auf keinem Plan stehen: die Werkhalle ohne Schicht, die Kasse ohne Wechselgeld, die Reihe ohne Gruppe, der Teich ohne Ertrunkenen, der Autoscooter der Gegenfahrbahn. Sie stehen um das Gruselkabinett herum, nicht wie Pavillons, sondern wie Zeugen vor einer Tür.

Maja flüstert:

„Es nimmt keine fremden Schulden mehr an.“

Ilja nickt.

„Weil es auf meine wartet.“

Plötzlich sagt er laut, was er den ganzen Tag nicht sagen konnte:

„Mein Großvater war schuldig.“

Das Gruselkabinett klingelt nicht.

„Und mein Großvater war allein.“

Diesmal zieht irgendwo in seinem Inneren ein leiser, fast menschlicher Seufzer vorbei.

Ilja begreift: Das ist keine Rechtfertigung. Es sind zwei Wahrheiten, die sich nicht so zusammenfügen lassen, dass es leichter wird. Sein Großvater hat Geld genommen. Sein Großvater hat Menschen gerettet. Sein Großvater hat geschwiegen. Sein Großvater hat dem Gruselkabinett einen Weg gebaut. Sein Großvater hat Menschen als Zeilen zurückgelassen, weil ihm die Zeit gefehlt hat oder er es nicht konnte, und manchmal vielleicht, weil er sich für andere entschieden hat.

Und jetzt will das Gruselkabinett einen Erben, der die Entscheidung an seiner Stelle trifft.

Maja fasst ihn am Ärmel.

„Ilja. Zum letzten Mal. Geh nicht allein hinein.“

Er sieht zum leeren Pförtnerhaus, zum dunklen Schaltraum, zum Zaun, hinter dem keine Menschen mehr stehen. Zur Stadt, die morgen früh aufwachen und erfahren will, dass der unheimliche Park endlich abgerissen wird und all die alten Schulden wieder zu lästigen Gerüchten werden.

„Warja hat die Schlüssel mitgenommen“, sagt er.

„Mach daraus kein Schicksal. Das ist bloß schlechte Logistik.“

Er lächelt doch.

Für eine Sekunde.

Dann wird die Eintrittskarte in seiner Hand warm.

Die Tür des Gruselkabinetts öffnet sich. Dahinter ist nichts davon zu sehen: weder die Werkhalle noch die Reihe noch der Teich. Nur ein leerer Korridor mit einem Kassenfenster ganz am Ende.

An der Scheibe des Fensters hängt ein Schild:

Verkauf geschlossener Schulden.

Ilja schaltet das Diktiergerät ein.

„Ilja Lasarew. Ich gehe nach Mitternacht hinein. Allein. Falls ich wieder herauskomme, lasst nicht zu, dass ich das hier als Attraktion verkaufe.“

Maja holt scharf Luft.

„Ilja …“

Er geht hinein.

Die Tür schließt sich sanft hinter ihm, ohne zu knarren.

Draußen druckt die Kasse sofort eine zweite Eintrittskarte aus.

Maja nimmt sie mit zitternden Fingern.

Auf der Eintrittskarte steht:

Warja Gordejewa. Einlass ohne Wartezeit.

Aber Warja ist nicht im Park.

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