Den Schmelzofen nennt der Vater auf der Birkenrinde Rennofen: eine Tonröhre so hoch wie ein Kind, mit einer Luftöffnung am Boden und einer Einfüllöffnung oben. Kres baut ihn in neun Tagen. Er vermengt Lehm mit Sand und gehäckseltem Gras, trocknet ihn mit Feuern und bessert die Risse aus. Die Blasebälge näht er aus Wolfsfellen. Zwei magere Wölfe, die der Hunger kühn gemacht hat, fängt er gegen Ende des Monats in seinen Schlingen.
Die erste Schmelze geht gründlich schief. Er betätigt den Blasebalg bis zum Morgen und verbrennt seinen ganzen Kohlevorrat. Als er den abgekühlten Ofen aufbricht, holt er einen porösen Klumpen Schlacke heraus, schwarz und tot wie ein verkohltes Scheit. Kein Tropfen Eisen. Er setzt sich zwischen den Scherben auf die Erde und sagt laut alles, was er denkt: über den Ofen, das Moor und sich selbst. Danach geht es ihm besser, doch mehr Eisen ist es nicht geworden.
Beim Licht eines Kienspans liest er die Birkenrinde noch einmal. Die Notizen des Vaters sind knapp: „Birkenkohle. Ohne Unterlass blasen. Erz zuvor brennen.“ Zuvor brennen. Das Erz im Voraus rösten, ehe es in den Ofen kommt. Genau das hat er nicht getan.
Er beginnt von vorn, bei der Kohle. Zum Schmelzen braucht er Birkenholzkohle, die große Hitze entwickelt. Kres fällt Birken auf einem entlegenen Erdrücken, spaltet sie, schichtet die Scheite in einer Grube auf, deckt sie mit Rasen ab und lässt sie drei Tage in dichtem Rauch schwelen. Dabei achtet er darauf, dass sie glimmen und nicht brennen. Die Kohle wird leicht und klingt hell. Das Erz röstet er nun vorher über offenem Feuer, wie die Birkenrinde es verlangt: Die Klumpen platzen auf, geben rostigen Dampf ab und werden trocken und spröde. Das Moor riecht nach Rauch und erhitztem Stein, und die Vögel beginnen, einen Bogen darum zu machen.
Mit der zweiten Schmelze beginnt er während eines Gewitters, weil er nicht warten kann. Über dem Moor donnert es, Blitze schlagen in die fernen Erdrücken, der Regen fällt wie eine Wand, und Kres betätigt ohne Unterlass die Blasebälge. Er lässt sie selbst dann nicht los, als ganz in der Nähe ein Blitz einschlägt und es nach verbrannter Erle riecht. Später sagt er sein Leben lang zu den Jüngeren: Dem Eisen ist gleich, ob du Angst hast oder nicht. Für das Eisen zählt nur eines: ob du aufgehört hast zu blasen oder nicht.
Im Morgengrauen bricht er mit zitternden Händen den Rennofen auf. In der Asche, zwischen zusammengesinterter Schlacke, liegt eine Luppe: grau, porös, schwer. Lebendig.
Zwei Tage lang schmiedet er sie aus, treibt die Schlacke heraus und verschweißt das Eisen zu einem kompakten Stück. Dann schmiedet er eine Axt. Die Axt ist nicht schön: ein buckliger Nacken, eine grobe Schneide. Kres fällt damit in vier Schlägen eine Erle und streicht über die Klinge, wie man einen Hund streichelt.
„Nicht schön“, sagt er. „Aber bissig.“
Am selben Tag legt im Dorf ein fremdes Boot am Steg an, und drei Männer gehen die Straße entlang: zwei Nordmänner mit Eisenhelmen und bei ihnen ein Mann ohne Sippe, der Torop heißt.
Jeder im Wald kennt Torop, und niemand mag ihn. Dolmetscher, Vermittler, Flussmensch: unter Fremden einer der Ihren, unter den Seinen ein Fremder. Er übersetzt für die Nordmänner, wenn sie Handel treiben, und für die Sippen, wenn sie bezahlen. Man sagt, Torop habe zwei Zungen, und beide lügen. Man sagt es leise, denn ohne ihn kommt kein Handel zustande.
Bei der Versammlung verkündet Torop, weshalb sie gekommen sind. Jarl Gunnwald, der Herr der gestreiften Segel, legt den Sippen des Großen Waldes einen Tribut auf und setzt ihnen eine Frist: Bis zum Monat des Laubfalls sollen sie Bernstein vom Gewicht eines Kindes und vierzig Bündel zu je vierzig Fellen zusammentragen. Oder zehn Köpfe: fünf Männer und fünf Mädchen. Wer zahlt, den lässt der Jarl in Ruhe und schützt ihn vor anderen. Wer nicht zahlt, dem werden die Nachbarn erzählen, was geschieht.
Das Dorf schweigt. Chort steht auf seinen Stab gestützt da, und Kres hätte ihn nicht wiedererkannt: Der Alte wirkt, als wäre er in einem einzigen Sommer verdorrt. Der Wolchwe hört zu, nickt und sagt nur: „Die Sippe wird zahlen.“ Als die Nordmänner schon zum Boot gehen, fügt er leise hinzu, vielleicht zu Torop, vielleicht zu sich selbst: „Ein Unglück nach dem anderen. Jetzt haust auch noch ein Zauberer im Moor und facht fremdes Feuer an.“
Torop bleibt stehen. Mit jener sanften Stimme, die nur er beherrscht, fragt er nach: „Ein Zauberer? Im Rostmoor?“
Das hätte Chort nicht sagen dürfen.
Drei Tage später kommt Wjun ins Moor gerannt, der sich durch jeden Flechtzaun zwängen kann: außer Atem, stolz und mit einem halben Fladen als Geschenk unter dem Hemd. Er erzählt alles: vom Tribut, von den zehn Köpfen und davon, wie Torop am Steg die Fischer ausgefragt hat, was für ein Zauberer im Moor lebt und ob es stimmt, dass seine Messer nicht stumpf werden.
„Er hat immer wieder dasselbe Wort gesagt“, erinnert sich Wjun angestrengt. „Ei-sen. Was ist das, Kres?“
Kres schaut über seinen Kopf hinweg, dorthin, wo hinter den Erdrücken und dem Nebel der große Fluss dahinströmt.
„Das ist es, was sie sich jetzt holen werden“, sagt er.
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