Das zweite Gewitter dieses Sommers ist schlimmer als das erste. Es kommt nachts vom Oberlauf herab, bricht Bäume und treibt Wasserwälle über den Fluss. Bis zum Morgen lauscht Kres durch die Wände der Erdhütte dem Tosen der Stromschnellen hinter dem fernen Erdrücken.
Am Morgen gibt der Fluss zurück, was er genommen hat.
Auf dem ruhigen Wasser unterhalb der Stromschnellen treiben Bretter. Hell, glatt, überlappend beplankt: kein Einbaum, kein Floß. Solches Holz bearbeitet man im Wald nicht. Kres geht am Wasser entlang und fischt die Trümmer mit einem Bootshaken heraus. Beim dritten Treibholz sieht er sie.
Eine Frau hängt mit dem Rücken nach unten im Treibholz fest. Jung, das Haar unbedeckt und offen, in fremder Kleidung aus gefärbter Wolle. Ihre linke Handfläche ist verbrannt, an ihr rechtes Handgelenk ist mit einem Riemen eine angesengte Eisenkette von etwa zehn Gliedern gebunden: eine schwere Ankerkette, die nicht jeder Mann heben kann. Sie scheint nicht zu atmen. Dann holt sie Luft: schwach und röchelnd, einmal in zehn Herzschlägen.
Er zieht sie heraus, wärmt sie am Ofen und flößt ihr einen Sud ein. Gegen Abend bekommt sie Fieber, und drei Tage lang redet sie im Wahn in einer Sprache, die wie der Schrei eines Raubvogels klingt: harte Wörter und dazwischen immer wieder ein Name – Ari. Kres sitzt neben ihr, wechselt die feuchten Tücher auf ihrer Stirn und denkt, dass die Geister des Moors schon wieder ihre Späße treiben. Die Sippe hat ihn hierhergeschickt, damit er allein stirbt, und jetzt sind sie zu zweit im Moor, und beide leben.
Am vierten Tag kommt Milawa. Natürlich hat Wjun sich bei ihr verplappert. Wjun kann vor jedem ein Geheimnis bewahren, nur nicht vor Menschen, die ihn füttern. Die Kräuterfrau kommt heimlich im Regen, damit man sie vom Fluss aus nicht sieht. Sie bringt getrocknetes Johanniskraut, Honig in einer Birkenrindendose und ihren ewigen Starrsinn mit. Sie betrachtet die Kranke und schnalzt mit der Zunge.
„Eine Nordfrau“, sagt Milawa. „Eine von denen, die Dörfer niederbrennen. Du pflegst sie also gesund.“
„Eine von denen, die von ihren eigenen Leuten ertränkt werden“, antwortet Kres. „Der Fluss hat ihr Schiff zerschlagen und sie ans Ufer gespült. Ich entscheide nicht, wer leben darf.“
Milawa zerreibt Kräuter, gibt der Kranken zu trinken und geht noch vor Tagesanbruch. In der Nacht öffnet die Nordfrau zum ersten Mal wirklich die Augen, nicht im Fieberwahn. Kres schläft am Ofen. Sie betrachtet ihn lange. Dann zieht sie lautlos, nur mit den Fingerspitzen, sein kurzes Messer unter der Pritsche hervor, das sie schon tagsüber durch halb geschlossene Lider erspäht hat, und verbirgt es unter dem Fell, griffbereit für ihre rechte Hand.
Kres schläft nicht. Er sieht es. Und rührt sich nicht.
„Soll sie mit dem Messer schlafen“, denkt er. „Dann fühlt sie sich sicherer.“
Sie erholt sich nur langsam. Milawa kommt noch zweimal. Sie wechselt die Verbände an der verbrannten Hand, flößt ihr Bitteres ein und schimpft, dass es im Moor feucht ist und der Schmied und die Ertrunkene einander an Starrsinn nichts nehmen. Jorunn hört der fremden Sprache zu und beobachtet die Kräuterfrau misstrauisch. Beim dritten Mal streckt sie Milawa von selbst die verbrannte Hand entgegen: verbinden.
Kres bringt ihr bei, „Axt“ zu sagen. Sie spricht das Wort hart und seltsam aus, als würde sie es entzweihauen. Seine Versuche, ihren Namen auszusprechen, hört Jorunn sich auf die Lippen beißend an. Beim fünften Mal hält sie es nicht mehr aus und lacht. Ihr Lachen ist unerwartet hell. „Jorunn“, wiederholt sie Silbe für Silbe. „Jo-runn.“ „Sag ich doch“, widerspricht Kres. Er sagt es ganz anders, doch umlernen will er nicht.
Nach einer Woche kann Jorunn bereits sitzen, aber sprachlich können sie sich noch kaum verständigen. Sie zeigen mit den Fingern auf Dinge, zeichnen mit Kohle auf Birkenrinde und lachen über die Fehler des anderen. Sie sieht die ersten Nägel und Klammern von Kres im Regal, dreht einen Nagel zwischen den Fingern und runzelt die Stirn. Mit einer Geste bittet sie um Kohle und zeichnet auf die Birkenrinde ein langes Schiff mit Reihen überlappender Planken und Punkten entlang jeder Reihe.
Dann sieht sie in seiner Schachtel den Fund seines Vaters: den gedrehten Niet mit dem Zeichen eines Vogelflügels. Und erstarrt.
Sie hält den Niet vorsichtig wie einen Schatz. Dann tippt sie mit dem Finger auf die Punkte in ihrer Zeichnung, auf den Niet und auf ihre Brust. Und sagt langsam drei Wörter, damit er wenigstens eines davon versteht:
„Ari. Mein Vater.“
Ari. Der Name aus ihrem Fieberwahn. Ein Meister, dessen Zeichen tausend Werst vom nördlichen Meer entfernt im Versteck seines Vaters gelegen hat.
Sie heißt Jorunn. Das lernt er noch am selben Abend. Einen Tag später nimmt sie Birkenrinde und ritzt mehrere Runen hinein: scharfkantig wie Spuren von Krähenfüßen. Die letzte Rune streicht sie mit zwei schrägen Schnitten durch, so heftig, dass die Birkenrinde reißt.
Er kann keine Runen lesen. Aber Hass kann er lesen.
„Gunnwald?“, fragt er aufs Geratewohl, weil er sich an den Namen aus Torops Worten erinnert.
Jorunn hebt den Blick zu ihm, und einen Moment lang wird ihm kalt.
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