Noch vor dem Zufrieren des Flusses verbreitet sich ein Gerücht an seinen Ufern: Im Rostmoor lebt ein lahmer Zauberer, dessen Äxte nicht stumpf werden und dem das Moor gehorcht.
Als Erste kommen die Abgebrannten aus der Sippe der Bobritschen: ein Mann mit seiner Frau und drei Kindern, all ihre Habe auf einem einzigen Schleppschlitten. Die Nordmänner haben ihr Dorf wegen ausstehender Abgaben niedergebrannt, und ihre Sippe hat sie nicht aufnehmen können: zu viele hungrige Mäuler. Der Mann bleibt am Rand des Knüppeldamms stehen, nimmt die Mütze ab und fragt, ob es stimmt, dass man hier Eisen gegen Arbeit tauscht.
„Gegen Arbeit und Korn“, sagt Kres.
Er schmiedet ihnen eine Pflugschar. Eine echte eiserne Schar für den Hakenpflug: Damit kann man am Waldrand nicht nur ein abgebranntes Rodungsfeld umbrechen, sondern auch das unberührte Land am Höhenrücken, und die Arbeit geht viel leichter von der Hand. Als der Mann begreift, was man ihm da gibt, fängt er an zu weinen. Kres dreht sich weg: Er mag es nicht, wenn Erwachsene weinen.
Nach den Brandgeschädigten kommen weitere. Einzeln, zu zweit: Flüchtlinge, Ausgestoßene, Witwen, Sippenlose. Für jeden findet sich eine Arbeit: Erz graben, Holzkohle brennen, Soden stechen, den Knüppeldamm weiterziehen. Im Moor nimmt man jeden auf, den seine Sippe verstoßen hat. Zum ersten Mal in seinem Leben hat Kres Menschen, die auf seine Entscheidung warten.
So entsteht im Moor ein Brauch. Neuankömmlinge werden am Knüppeldamm mit Brot und Salz begrüßt. Das Brot backen sie aus dem Korn vom ersten Rodungsfeld des Brandgeschädigten, das kostbare Salz müssen sie eintauschen, deshalb ist der Gruß kein leeres Ritual. Die Erdhütten stellen sie in einer Reihe auf dem trockenen Höhenrücken auf, mit dem Eingang zum Wasser. Jeder schnitzt die Schutzzeichen, die er aus seiner Sippe kennt, in den Türsturz, und Kres schreibt niemandem vor, welche davon die richtigen sind. Gegen Ende des Sommers nennen sie den Höhenrücken Straße, und das Moor heißt nicht länger Todesmoor: Man sagt nur noch „beim Schmied“. Wjun zieht ganz her, kommt mit leeren Händen und bleibt. Im Dorf hat ihn niemand vermisst. Im Moor würde man ihn nach einer Stunde vermissen.
Kres teilt die Arbeit in Schichten ein und hält alles auf Kerbhölzern fest: Jeder Neuankömmling bekommt sein eigenes Stäbchen, mit Kerben für das, was er geleistet, erhalten und zugesagt bekommen hat. Anfangs machen sich die Leute darüber lustig: Menschen zählen wie Säcke voll Korn. Dann gewöhnen sie sich daran: Wo gezählt wird, wird nicht betrogen. In seinen Träumen gibt es für diese Ordnung ein kurzes fremdes Wort. Hier gibt es kein Wort dafür. Nur die Ordnung.
Es kommen auch andere Gäste. Drei kräftige, wohlgenährte Männer mit Bronzebeschlägen an den Gürteln: Leute aus einer mächtigen Sippe, die zwei Flussschleifen weiter lebt und schon lange wegen umstrittener Jagdgründe einen Groll gegen die Wjasitschen hegt. Diese Männer nehmen ihre Mützen nicht ab.
„Schmied uns Spitzen, Lahmer. Drei Dutzend. Im Herbst rupfen wir die Wjasitschen ein bisschen. Wird dich doch freuen, schließlich haben sie dich verjagt. Wir zahlen mit Pelzen.“
„Mein Eisen dient dem Boden“, sagt Kres. „Lasst euch Pflugscharen und Sicheln schmieden. Spitzen gibt es weder gegen die Wjasitschen noch gegen euch.“
Der Älteste spuckt ihm vor die Füße. „Das wirst du bereuen, Lahmer. Wer mit dem Eisen geizt, den lehrt man es mit Eisen.“
Sie gehen, und Kres steht noch lange an der Esse. Er kennt den Preis seiner Weigerung: Die drei werden überall erzählen, dass der Zauberer aus dem Moor wehrlos ist, und bald wird jemand kommen, um das zu überprüfen. Doch wenn er anfängt, Waffen für fremde Fehden zu schmieden, wird das Moor nur zu einem weiteren Dorf, in dem der Starke über seinen Nachbarn herfällt. Kres baut etwas anderes auf. Er weiß noch nicht, wie er es nennen soll, aber er weiß genau, was es hier nicht geben wird.
Am Ende des Sommers schleppt sich ein dürrer, sehniger Greis ins Moor, der statt eines Stabs einen Axtstiel trägt. Es ist der alte Koren, ein Holzhandwerker aus einem fernen Dorf, der alle Seinen überlebt hat. Er ist, wie er selbst sagt, gekommen, „um sich den Narren anzusehen“.
„Du bist also der, der einen Knüppeldamm durchs Rostmoor zieht?“ Koren bleibt am Rand stehen und schmatzt nachdenklich mit den Lippen. „Hier wird es keinen Knüppeldamm geben. Der Grund lebt, der frisst dir jede Stange in zwei Frühjahren weg. Über diese Stelle kann man keine Brücke bauen.“
„Und wenn man Eichenpfähle nimmt und sie in eiserne Schuhe steckt?“ Kres hebt eine geschmiedete Klammer vom Boden auf. „Und alles mit Klammern verbindet statt mit Bast?“
Der Alte schweigt lange. Er nimmt die Klammer, prüft sie mit den Zähnen und riecht aus irgendeinem Grund daran.
„Das Holz lacht über das Eisen, bis das Eisen es umarmt“, sagt er schließlich. „Zeig mir, wo ihr hier schlaft. Ich bleibe.“
Drei Tage später, mit dem letzten Hochwasser, legt ein Einbaum am Moor an, und Torop steigt auf den Knüppeldamm, ohne sich die Stiefel nass zu machen.
Er ist allein, ohne Nordmänner. Er lächelt, als wäre er unter Verwandten. Lobt den Knüppeldamm, den Rennofen und die Äxte, während er alles genau mustert und den Wert abschätzt. Dann setzt er sich ans Feuer, bricht vom angebotenen Brot ab und tunkt es ins Salz: alles, wie es sich gehört, ein Gast wie jeder andere.
„Jarl Gunnwald hat von dir gehört, Schmied“, sagt Torop freundlich. „Der Jarl ist ein kluger Mann, er weiß Seltenes zu schätzen. Sein Angebot lautet: Alles Eisen, das du gewinnst, nimmt er dir zum Preis guter Bronze ab. Und dich selbst ruft er als Meister in sein Gefolge. Haus, Silber, Ansehen. Und bei euch wird natürlich auch für mich etwas abfallen.“ Torop lacht und lädt Kres mit seinem Blick ein, mitzulachen.
„Richte dem Jarl meinen Dank aus“, sagt Kres. „Mein Eisen steht nicht zum Verkauf. Und ich auch nicht.“
Torop hört auf zu lachen. Er sitzt eine Weile da, blickt ins Feuer und nickt vor sich hin. Am Einbaum hat er schon ein Bein über den Rand gehoben, da dreht er sich plötzlich um:
„Das war ein Fehler, Schmied. Bis zum Laubfall bringen die Sippen ihren Tribut. Wer nicht genug hat, zahlt den Rest mit Köpfen. Nun, zehn Köpfe: Wen werden sie dafür wohl auswählen? Man wählt immer den, der keine Sippe hat, Schmied. Was bist du jetzt eigentlich?“
Der Einbaum fährt flussabwärts davon. Torop spricht die Drohung nicht aus: Leute wie er müssen so etwas nicht aussprechen.
In der Nacht wacht Kres auf, weil es in der Erdhütte zu still ist.
Jorunns Lager ist leer. Er geht hinaus: Über dem Moor hängt Nebel, am Knüppeldamm zeichnen sich die Boote schwarz ab, und eines fehlt. Weiter unten im Seitenarm entdeckt Kres Jorunn. Sie sitzt mit dem Rücken zum Moor im Boot und greift nicht nach den Rudern. Flussabwärts liegt das Meer, und am Meer hat sie immerhin so etwas wie ein Zuhause. Die Strömung trägt das Boot von selbst dorthin.
Er ruft sie nicht. Genau wie damals mit dem Messer: Wenn sie fortwill, soll sie gehen, niemand hält sie hier fest. Er steht im Nebel und wartet, und sein Herz schlägt langsam und schmerzhaft.
Die Ruder platschen ins Wasser. Das Boot wendet und kommt zurück: gegen die Strömung, mühsam, Schlag um Schlag. Jorunn zieht es ans Ufer, geht an Kres vorbei, als wäre er gar nicht da, und sagt erst an der Erdhütte, ohne sich umzudrehen:
„Flussabwärts trägt der Fluss von allein. Flussaufwärts muss man rudern. Ich habe gedacht: Dann eben flussaufwärts.“
Sie sprechen nie wieder darüber. Nie.
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