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DER SCHMIED VOM TODESMOOR

Kapitel 6. Die Kupala-Nacht

Bis zum Hochsommer leben vierzehn Seelen im Moor, und Milawa sagt: Die Leute brauchen ein Fest, sonst werden sie sauer wie Milch.

Kupala feiern sie auf dem trockenen Höhenrücken am Fluss. Alles ist, wie es sich gehört, wie seit jeher. Die Mädchen flechten Kränze aus Mädesüß und Seerosen. Wjun springt mit den Kindern der Brandgeschädigten über das kleine Feuer, bis sie alle heiser sind. Auf einer Stange richten sie ein geteertes Rad auf und zünden es an: das Sonnenrad, Zeichen dafür, dass das Jahr seinen höchsten Punkt überschritten hat. Der alte Koren trinkt Met, erinnert sich auf einmal an sämtliche Rituallieder und singt sie alle durcheinander, sodass ein einziges endloses und überaus zufriedenes Lied daraus wird.

Kres hört zu und fühlt sich fremd. Jeder um ihn herum kennt die Worte dieser Lieder, vom Greis bis zum Kind, nur er nicht. In seinen Träumen gibt es Brücken und Türme, Lichter ohne Feuer, steinerne Dörfer, die bis in den Himmel reichen, doch dieses Lied gibt es dort nicht. Vielleicht wird er diesen Menschen eines Tages eine Stadt bauen, aber vorerst muss er ihr Lied lernen wie ein fremdes Lied.

Er blickt über das Feuer und begegnet Jorunns Blick. Auch sie kennt die Worte nicht und summt nur die Melodie mit. Kres begreift, dass Jorunn sich genauso fühlt, und das macht es leichter.

Jorunn ist längst weder Gast noch Gefangene. Im Laufe des Sommers hat sie beinahe die Hälfte des ganzen Holzes im Moor bearbeitet. Jorunn hat ihnen gezeigt, wie man die Planken überlappend setzt, damit ein Boot durch flaches Wasser kommt, ohne vollzulaufen. Sie hat auch die erste Ladung Nieten verworfen, indem sie eine davon mit den Fingern verbogen hat. Daraufhin hat Kres sie drei Nächte lang neu geschmiedet, hat sich geärgert und dabei gelernt. Einfache Dinge können sie inzwischen mit Worten klären, Schwieriges zeichnen sie noch immer mit Kohle. Rund um die Esse liegt mehr Birkenrinde als Holzspäne.

Milawa geht von sich aus zu ihr. Sie setzt sich neben sie und legt der Nordfrau einen Kranz aus Mädesüß in den Schoß: weiß, honigsüß duftend, der wohlriechendste von allen, die sie geflochten hat. „Fürs Glück“, sagt sie. „Bei uns darf man an Kupala nicht ohne Kranz sein. Das bringt Unglück.“ Jorunn nimmt den Kranz, dreht ihn hin und her und setzt ihn gerade auf wie einen Helm. Beide prusten los. Danach sind sie einander nicht mehr ganz fremd.

„Bei uns brennt man auch“, sagt sie und nickt zum Feuer. „Auf den Klippen macht man großes Feuer, damit das Meer seine Leute zurückgibt.“ Inzwischen spricht sie verständlich, verwechselt aber noch immer die Fälle.

„Bei uns setzt ein Mädchen seinen Kranz aufs Wasser“, erklärt Milawa. „Wohin der Kranz treibt, von dort kommt ihr künftiger Mann. Und wenn ein Bursche ihn fängt, dann ist es Schicksal.“

Jorunn hört ihr zu. Denkt nach. Einen Kranz flicht sie nicht. Stattdessen nimmt sie einen Span vom Feuer und schnitzt ihm mit drei Messerzügen Bug und Heck wie bei einem echten Langschiff. Darauf setzt sie eine Glut, glimmend und lebendig, und lässt das Schiffchen über das dunkle Wasser treiben.

Das Schiffchen mit dem Licht treibt flussabwärts und dreht sich in der Strömung. Vierzehn Seelen schauen schweigend zu: Einen solchen Brauch hat der Wald noch nie gesehen.

Ohne nachzudenken folgt Kres ihm am Ufer. An einem Wurzelstock weiter unten fängt er den Span auf, verbrennt sich an der Glut und zischt. Er kehrt zurück, das Schiffchen auf der Handfläche, und jetzt schauen die vierzehn Seelen ihn an.

„Bei uns ist es so“, sagt er sehr ernst zu Jorunn. „Wer den Kranz fängt, muss heiraten. Und wer ein Schiff fängt, was muss der?“

„Der muss bauen“, antwortet Jorunn ebenso ernst. „Hast du ein Schiff gefangen, gib es dem Meer zurück. Nur größer. Mit Mannschaft.“

Kres nickt. „Dann haben wir eine Abmachung. Du baust mir ein Langschiff.“

„Und du schmiedest mir dafür tausend Nieten. Echte. Die man nicht mit den Fingern verbiegen kann.“

„Tausend“, wiederholt Kres, und sie schlagen ein. Jorunns Handfläche ist hart und vom Dechseln voller Schwielen, und Kres lässt sie nicht gleich wieder los. Die Leute am Feuer schauen angestrengt weg. Nur Milawa sieht die beiden offen an, doch bald wendet auch sie sich ab.

Danach springen sie über das große Feuer. Kres hat das seit seiner Kindheit nicht mehr getan: Mit einem lahmen Bein ist nicht zu spaßen. Doch in der Kupala-Nacht springt man zu zweit über das Feuer, Jorunn steht schon da und wartet, und vor allen Leuten kann er nicht ablehnen. Sie laufen los. Beim Absprung gibt das kranke Bein nach, und Kres kippt zur Seite, direkt auf die Glut zu. Jorunn reißt ihn kräftig an der Hand durch die Hitze. Beide landen, beide bleiben auf den Beinen.

„Ich halte dich“, sagt Jorunn.

Es ist ein einfaches Wort, eines der ersten, die sie gelernt hat. Doch es geht nicht nur um seine Hand, und das verstehen sie beide. Am Feuer wird gepfiffen und gejohlt, und der alte Koren stimmt ein waschechtes Hochzeitslied an.

Dann bricht das Pfeifen ab.

Vom Wachturm in der Eiche, den sie erst vorige Woche gebaut haben, brüllt Wjun herab. So laut, dass das Lied verstummt und die Hunde sich ducken:

„Seegel! Segel auf dem Fluss! Drei! Sie fahren flussaufwärts, zum Dorf, zu den Wjasitschen!“

Kres stürmt auf den Turm und vergisst sein Bein. Weiter unten auf dem Fluss fahren drei Langschiffe gegen die Strömung durch die Mondspur: lang, räuberisch, die Ruder schlagen im selben Takt ins Wasser. Die gestreiften Segel sind eingeholt, an den Bordwänden hängen Schilde. Keine Händler. Handelsschiffe fahren nicht so.

Bis zum Laubfall, bis der Tribut fällig ist, bleiben noch zwei Monate. Gunnwald hat beschlossen, nicht zu warten.

Kres sieht den Langschiffen nach, die auf der Mondspur dorthin fahren, wo das Dorf schläft, das ihn zum Sterben verstoßen hat. Dort sind noch immer seine Sippe, die seinen Namen getilgt hat, Chort mit seinem Gehorsam, das Sippenfeuer und das Grab seines Vaters.

„Deine Sippe hat dich verstoßen“, sagt Jorunn leise hinter ihm. Sie ist ihm gefolgt und schaut in dieselbe Richtung. „Der Wolf kommt zu ihnen, nicht zu uns.“

„Ich weiß“, sagt Kres.

Kres steigt vom Turm und scheucht alle im Moor auf: Sie sollen Bootshaken und Äxte nehmen und sämtliche Boote zu Wasser lassen. Er weiß noch nicht, was genau er tun wird. Er weiß nur eines: Die Sippe hat ihn verstoßen, aber sie ist noch immer seine Sippe.

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