Das Korn wird mit einem Mal reif, wie es nach einem bösen Sommer geschieht: Innerhalb einer Woche färben sich sowohl die Felder am Landrücken als auch die neue Brandrodung gelb.
Die Ernte beginnt nach altem Brauch: Milawa, die Erste unter den Frauen, bindet die erste Garbe und stellt sie dem Feldahnen hin, wie man es seit Urzeiten macht, damit die Erde weiß, dass man ihr gedankt hat. Die Schnitterinnen gehen in Reihen, und über dem Feld erhebt sich ein Lied: alt und getragen, eines von denen, die man nicht mit der Stimme singt, sondern aus der Erinnerung. Jorunn kann nicht mit der Sichel ernten, dafür bindet sie die Garben wie Schiffstauwerk: bombenfest. Lachend zeigen ihr die Frauen, dass eine Garbe kein Segel ist und man sie nicht so fest binden muss. Am Ende der Erntezeit kommt sie ohne Hilfe zurecht, und niemand dreht sich mehr nach der Nordfrau auf dem Feld um: Sie gehört eben dazu.
Damit endet der alte Brauch, und das Neue beginnt: eiserne Sicheln. Für die Ernte, die früher zwei Wochen gedauert hat, braucht das ganze Moor nur acht Tage. Frauen, die ihr Leben lang das Korn mit Sicheln aus Stein und Knochen geschnitten haben, richten noch bei Tageslicht den Rücken auf und können es selbst nicht glauben.
Als größten Feind sieht Kres nicht den Jarl, sondern den Winter. Seinen Berechnungen nach müssen sie vierundsechzig Menschen zweihundert kalte Tage lang ernähren. Sie trocknen Fisch und Pilze auf Gestellen, legen Moosbeeren in Bottichen ein, schneiden Kohl klein und lassen ihn gären. Das Getreide schütten sie in drei Gruben, nach seiner alten Regel: Bewahre niemals alles an einem Ort auf. Brennholz und Kohle lagern sie ein Drittel mehr ein, als sie brauchen. Vorräte, sagt Kres, sind verlässlicher als jede Weissagung.
Das kleine Fort ist fast fertig: Das Tor hängt in geschmiedeten Angeln, an den Ecken der hufeisenförmigen Anlage stehen zwei Türme, und bis zum ersten Schnee soll die Palisade geschlossen sein. Wjun hat eine Zählung durchgeführt und verkündet stolz am Abendfeuer: vierundsechzig Menschen, acht Kühe, zwei Pferde, elf Boote und ein Schiff. Noch nicht fertig, aber unser eigenes.
Die Sippen des Waldes fürchten das Moor, brauchen aber sein Eisen. Tagsüber verfluchen sie es auf den Versammlungen: ein Ort der Zauberei, er erzürnt die Götter und wird den Jarl über uns bringen. Nachts kommen Einbäume von denselben Sippen angefahren. Die Menschen tauschen Korn, Honig und Flachs gegen Pflugscharen und Sicheln und bitten darum, alles still zu erledigen, damit ihre Ältesten nichts erfahren. Kres handelt mit allen zum selben Preis, ohne zwischen Eigenen und Fremden zu unterscheiden.
„Tagsüber fluchen sie, nachts kommen sie angefahren“, lacht Großvater Koren. „Also achten sie uns.“
Das erste Brot aus der neuen Ernte backt das ganze Moor gemeinsam, und Milawa bringt auf einem bestickten Tuch einen runden Laib zum gemeinsamen Feuer. Kres schneidet ihn an. Das erste Stück gibt er Großvater Koren, dem Ältesten im Moor, dann den Kindern, danach allen anderen der Reihe nach. Für sich nimmt er das letzte Endstück. So hat es sein Vater gemacht: zuerst die anderen satt gemacht und danach selbst gegessen.
Als Jorunn ihr Stück bekommt, isst sie es nicht gleich. Sie bricht die Hälfte ab und legt sie schweigend auf das Tuch zurück: In ihrer Heimat macht man das für jene, die auf See sind. Für die, die nicht zurückgekehrt sind oder noch nicht zurückgekehrt sind. Niemand fragt, für wen sie das Stück zurückgelegt hat: für ihren Vater oder für ihre Heimat. Im Moor haben sie bereits gelernt, sie so etwas nicht zu fragen.
Das Schiff unter dem Schutzdach ist fast fertig. Die Beplankung reicht bis zum oberen Plankengang, an den Seiten verlaufen die Nieten in gleichmäßigen Reihen. Am herbstlichen Feuer verkündet Wjun mit feierlicher, kippender Stimme: „Die neunhundertdreiundachtzigste.“ Bis tausend fehlen noch siebzehn. Im Moor streiten sie bereits darüber, welchen Namen das Schiff bekommen soll. Jorunn hält sich aus dem Streit heraus und lächelt nur.
Jeden Tag schlagen sie ein Dutzend Namen vor. Großvater Koren ist für „Hecht“: ein Flussfisch, voller Zähne und von hier. Wjun verlangt nach etwas Drohendem wie „Donner“. Milawa rät ihnen, nicht zu streiten: Ein Schiff, sagt sie, ist wie ein Kind und wird seinen Namen selbst nennen, sobald es laufen lernt. Jorunn hört schweigend zu. Sie allein weiß, welchen Namen sie in den Steven schlagen wird, und hütet ihn wie das letzte Glied der Kette ihres Vaters.
Der Herbst ist klar und still. Am Morgen wird das Moor vom Reif grau, Nebel dampft über den Wasserarmen, und ein einsamer Axthieb ist vom Knüppeldamm bis zum Tor zu hören. Alle wissen, dass die Frist für den Tribut abgelaufen ist. Jeder weitere Tag ohne Segel bringt Erleichterung, doch niemand macht sich etwas vor: Der Jarl muss kommen.
Am nächsten Morgen, am ersten Tag des Blattfalls, schreit der Wächter auf dem Turm. Es ist ein erwachsener Mann, der schreit, nicht Wjun, und gerade deshalb klingt es noch beängstigender:
„Segel auf dem Fluss! Zehn! Zehn Segel!“
Kres steigt auf den Turm und zählt schweigend, wie er es gewohnt ist. Zehn Boote kommen in gleichmäßiger Formation flussaufwärts, die Ruder im Takt. Am Mast des vordersten hängt ein weiß bemalter Schild: das Zeichen für Frieden, das Zeichen für Verhandlungen.
Gunnwald kommt zum fälligen Tribut, wie er es versprochen hat. Er kommt nicht, um alles niederzubrennen. Er kommt, um zu kaufen: mit Hunderten Kriegern im Rücken und einem weißen Schild am Mast.
In einem einzigen Sommer hat Kres gelernt, was davon schlimmer ist.
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