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DER SCHMIED VOM TODESMOOR

Kapitel 17. Koljada

Das Eis schließt sich in einer einzigen Nacht, glatt und schwarz wie eine erkaltete Luppe. Ein halbes Jahr lang hat der Fluss das Moor ernährt und geschützt, jetzt ist er selbst zum Weg für den Feind geworden.

Mit dem Weg kommen Nachrichten, eine schlimmer als die andere.

Chort hat die Sippe freigekauft. Der Jarl hat vom Dorf „Winterfutter“ für sein Lager nehmen wollen, und der Wolchwe hat ihm sämtliche Vorratsgruben überlassen: das Korn der Sippe, das sie für ein Hungerjahr vor sich selbst versteckt hat. Er hat von sich aus alles hergegeben, bis zur letzten Grube, unter einer Bedingung: Kein einziger Mensch aus dem Dorf darf als Zahlung mitgenommen werden. Der Jarl hat zugestimmt und Wort gehalten. Er hält immer Wort, und gerade deshalb ist er noch furchterregender.

Als sie die letzte Vorratsgrube öffnen, bricht in einem der Häuser Feuer aus. Niemand weiß, wer die Lampe umgestoßen hat und ob es ein Unglück war. Kres vermutet, dass der Brand dem Jarl nur recht gekommen ist, aber er hat keine Beweise. Über Nacht brennt das halbe Dorf nieder. Die Nordländer löschen gemeinsam mit allen anderen: Das Feuer vernichtet Beute, und nutzlose Verluste mag der Jarl nicht.

Über das schwarze Eis ziehen die Brandopfer ins Moor. Die Sippe, die den Schmied verbannt hat, kommt nun zu ihm und bittet um Hilfe. Die Leute tragen Kinder auf dem Rücken und hastig zusammengeschnürte Bündel. An der Spitze geht die alte Gostjona. Sie presst ein angesengtes Tuch an die Brust, auf dem das ganze Dorf seinen Gästen Brot gereicht hat.

Vor den Toren bleibt die Sippe stehen. Diese Menschen können nicht bitten. Sie haben Kres auf ein einziges Wort des Wolchwen hin verurteilt, haben sich von ihm abgewandt und danach weitergelebt wie zuvor. Nun müssten sie ausgerechnet den um Hilfe bitten, den sie selbst für tot erklärt haben. Also stehen sie einfach auf dem Eis und warten.

Kres tritt vor das Tor und verneigt sich als Erster vor ihnen. Tief bis zur Hüfte, wie man sich vor Älteren verneigt.

„Kommt herein“, sagt er. „Das Herdfeuer gehört allen. Es hat immer auch euch gehört.“

Gostjona beginnt als Erste laut zu weinen. Dann weinen auch die anderen. Am Abend leben im Moor hundertzwölf Seelen, doch laut Wjuns Kerbholz reicht das Essen bis zum Ende des Winters nur für sechzig. Wjun zählt dreimal nach. Die Zahl ändert sich nicht.

In der Nacht kehrt die Rechenstimme aus seinen Träumen zu Kres zurück: Wasser, Wärme, Nahrung, Vorrat. Doch jetzt schlägt sie vor, auch die Menschen mit einzurechnen. Die Alten können ihre Ration nicht abarbeiten, und die Kranken erleben den Frühling vielleicht selbst mit Essen nicht. Wenn man aufhört, sie zu ernähren, reicht es für die übrigen länger. Im Traum erscheint diese Rechnung unanfechtbar.

Kres setzt sich in kaltem Schweiß auf seinem Lager auf und blickt lange in die Dunkelheit. Er begreift, dass er anfängt, wie der Jarl zu denken. Auch der teilt Menschen nach ihrem Nutzen ein und opfert ohne Zögern jeden, den er für überflüssig hält.

„Ich werde die Menschen nicht in solche einteilen, die gebraucht werden, und solche, die überflüssig sind“, sagt er laut, um seine eigene Stimme zu hören.

Die Rechenstimme verstummt. Kres weiß, dass derselbe Gedanke wiederkommen wird. Doch jetzt weiß er, was er ihm antworten kann.

Am nächsten Morgen verkündet er die neue Ration selbst, laut und den Menschen in die Augen blickend, und fügt nur eines hinzu: „Hungrig sind wir gemeinsam. Satt sind wir auch gemeinsam. Eine andere Abmachung gibt es mit mir nicht.“

Noch am selben Abend bringt Soroka mit gespieltem Mitgefühl eine Nachricht. Die Männer des Jarls haben beim Lager eine Frau in nordländischer Kleidung gesehen, mit bloßem Kopf. Man hat sie in das Zelt des Jarls gelassen. „Halt durch, Schmied“, fügt Soroka hinzu und senkt den Blick, um sein zufriedenes Lächeln zu verbergen.

Da ergreift Milawa vor allen das Wort. Dieselbe Milawa, die beim Kupala-Fest länger als alle anderen auf Jorunns und Kres’ ineinander verschränkte Hände geschaut hat.

„Mit diesen Händen hier habe ich sie gesund gepflegt“, sagt sie ruhig und wütend, sodass der ganze Hof es hört. „Ich habe sie im Fieber und im Wahn erlebt. Im Wahn verstellt sich niemand. Wer sie in meiner Gegenwart eine Verräterin nennt, dem wasche ich eigenhändig den Mund mit Wermut aus. Sie treibt nicht flussabwärts. Wartet bis zum Frühjahr und schämt euch dann.“

Der Hof schweigt. Nicht, weil alle ihr glauben. Aber mit einer Kräuterfrau, die die Hälfte der Bewohner des Moors auf die Welt geholt und ihren Alten die Augen geschlossen hat, streitet man nicht über Menschen.

In der Nacht geht Kres in die Schmiede, doch er entfacht die Esse nicht. Die Kohle reicht noch für drei Schmelzen, aber es gibt keinen Grund, sie zu verbrauchen: Das Erz ist gefroren, und schmieden kann ohnehin niemand. Auf der anderen Seite des Flusses brennen die ganze Nacht die Feuer des Jarls: Er muss das Holz nicht zählen. In der Schmiede aber ist es dunkel und kalt. Zum ersten Mal seit dem Frühjahr sitzt Kres an der erloschenen Esse und findet keine Ruhe.

Am nächsten Tag kommt die längste Nacht des Jahres, und allen Widrigkeiten zum Trotz feiert das Moor Koljada.

Es ergibt sich von selbst, ohne ein Wort von ihm. Die Kinder ziehen dem Ältesten von ihnen ein Ziegenfell über, die Hörner nach oben, schmieren sich Ruß ins Gesicht und ziehen singend von Erdhütte zu Erdhütte: ein altes, ewiges Lied davon, dass die Sonne stirbt und wiedergeboren wird, stirbt und wiedergeboren wird, so ist es gewesen und so wird es sein.

„Trag Frucht, o Erde, im neuen Jahr, Roggen bis zum Knie, Honig bis zum Rand …“

Man bringt ihnen das Letzte heraus: einen Zwieback, eine Handvoll eingeweichte Moosbeeren, ein Stück getrocknete Brasse. Die Leute geben einen Teil ihrer kargen Ration ab und lachen trotzdem. Die Ziegenfratze späht durch jede Tür, die Kinder kreischen vor gespielter Angst, und die Alten singen mit. Jeder singt so, wie es in seinem untergegangenen Dorf Brauch gewesen ist, und niemand verbessert den anderen.

Kres steht in der Dunkelheit zwischen den Erdhütten und begreift plötzlich etwas Einfaches: Das hier ist es, was er aufgebaut hat. Nicht der Palisadenzaun. Nicht der Rennofen. Das hier: wenn die Menschen Angst und Hunger haben und trotzdem singen und teilen.

Wjun findet ihn am Tor. Der Junge kommt aus Richtung des Dorfes angelaufen: Er ist wieder ohne Erlaubnis in der Brandruine herumgestreunt. Jetzt steht er zitternd vor Kres, vor Kälte und Aufregung, und hält ihm einen Fäustling hin, aus dem Dampf aufsteigt.

Im Fäustling glimmt, mit Asche bestreut, ein Stück Kohle.

„Unter der Eiche“, bringt Wjun hervor. „Das ist das Sippenfeuer, Schmied. Das Stück Kohle hat unter der Asche überlebt. Drei Tage hat es unter dem Brandschutt gelegen und ist immer noch warm … Das Feuer ist nicht erloschen, Schmied. Hörst du? Es ist nicht erloschen.“

Kres nimmt den Fäustling in beide Hände, wie man ein Neugeborenes nimmt. Einen Augenblick bleibt er stehen. Dann geht er über den Hof in die schwarze Schmiede, und das ganze Moor folgt ihm schweigend, von der alten Gostjona bis zur Ziegenmaske mit den Hörnern.

Er legt das Kohlestück in die kalte Esse auf den Zunder und bläst hinein. Schon beim ersten Atemstoß lodert Feuer auf – als hätte es gewartet.

„Morgen nehmen wir die Äxte“, sagt Kres, ohne sich umzudrehen. Er weiß, dass das ganze Moor hinter ihm steht. „Im Wald gibt es noch genug Birken. Wir brennen unsere Kohle selbst. Und die Sonne kommt zurück, wie im Lied.“

Schweigend gehen die Menschen auseinander und zurück in ihre Erdhütten, doch in diesem Schweigen liegt nicht mehr dieselbe Verzweiflung wie zuvor. Kres bleibt allein an der Esse zurück. Er wartet, bis die Schritte verklungen sind, und holt Aris Spange unter seinem Hemd hervor. Er haucht sie an, wischt sie mit dem Ärmel blank und hängt sie wieder an ihren alten Platz über dem Kiel des unfertigen Schiffes.

„Wenn du zurückkommst, holst du sie selbst“, sagt er in die Dunkelheit. Dann geht er schlafen: Im Morgengrauen muss er hinaus, um Birken zu schlagen.

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