Jorunn kehrt im Morgengrauen zurück, über das Eis, das schon singt.
Bevor das Eis aufbricht, beginnt es zu singen. Aus der Tiefe dringt ein dünner, lang gezogener Ton, als führe jemand mit dem Finger über den Rand einer riesigen Schale. Über solches Eis zu gehen ist gefährlich. Trotzdem geht Jorunn darauf zum Moor: eine schmale Gestalt im nordischen Kleid, mit gleichmäßigem Schritt, ohne vor ihre Füße zu schauen. Entweder das dünne Eis trägt oder nicht. Von ihr hängt ohnehin nichts mehr ab.
Der Wächter auf dem Turm erkennt sie und glaubt seinen Augen nicht. Wjun erkennt sie und glaubt es sofort: Er rutscht vom Turm herunter und rennt zum Tor, während er über das ganze Moor hinweg das Einzige ruft, was zählt: „Sie kommt zurück! Ich hab's doch gesagt!“
Kres empfängt sie am Tor. Hinter ihm strömt das ganze Moor herbei. Die Menschen stehen schweigend und argwöhnisch im Halbkreis. Einen Monat lang haben sie sie eine Verräterin genannt, und jetzt wissen sie weder, wie sie sie empfangen, noch wohin mit ihrer Scham.
Jorunn rechtfertigt sich nicht. Sie geht an den Leuten vorbei, betritt die Schmiede, fegt die Späne von der Werkbank und breitet darauf eine große Birkenrindenkarte aus. Sie besteht aus drei zusammengenähten Stücken und ist bis an die Ränder mit Zeichen bedeckt.
„Das ist das Lager“, sagt sie. „Alles, genauso, wie es ist. Drei Tage lang habe ich es mit Schritten vermessen. Acht Langboote stehen auf Rollen am Ufer. Zwei sind festgefroren, die müssen sie zurücklassen. Hier sind die Getreidegruben und die Schlitten. Hier sind Ketils Zelt, die Wachen und das Eisloch. Die Männer schlafen in diesen Zelten hier, und die Feuer brennen die ganze Nacht hier und hier.“ Ihr Finger senkt sich zum Ufer unterhalb des Lagers. „Und hier ist der einzige Abstieg aufs Eis. Wenn der Jarl gegen uns zieht, führt er seine Männer hierher. An den anderen Stellen ist das Ufer von Packeis versperrt.“
Es wird ganz still. Kres schaut auf die Birkenrinde, und in seinem Kopf läuft von selbst schon der alte Abzählreim: Wasser, Wärme, Nahrung, Vorrat. Nur zählt er diesmal, was den anderen gehört.
„Ich wollte meine Dienste dafür anbieten, dass er die Belagerung aufhebt“, sagt Jorunn und sieht nur Kres an. „Ich dachte, der Jarl lässt sich auf einen ehrlichen Handel ein. Aber er hat abgelehnt. Warum soll er zahlen, hat er gesagt, wenn er im Frühjahr sowieso dich bekommt und mich und das Eisen und die Werft. Da habe ich zugestimmt, drei Tage im Lager zu bleiben. Der Jarl dachte, ich sehe mich um wie eine Gefangene. Aber ich habe mir alles eingeprägt wie eine Schiffbauerin.“
Sie richtet sich auf.
„Meine Brüder habe ich nicht zurückgeholt. Die Werft auch nicht. Was ich wert bin, weiß ich selbst, und darüber werde ich nicht mehr handeln. Hier ist die Karte. Alles Weitere entscheidest du, Schmied.“
Kres sieht Jorunn schweigend an. Auch die Menschen hinter ihm schweigen: Niemand weiß, was er sagen soll. Die alte Gostjona fasst sich als Erste ein Herz. Sie drängt sich nach vorn, nimmt Jorunns Hände in ihre schwieligen Handflächen und drückt sie sich an die Stirn.
„Nun macht schon Platz“, fährt Gostjona die Leute an. „Wer von so einer Reise kommt, muss erst mal essen. Sie ist über solches Eis gegangen, und ihr steht bloß herum!“
Die Menschen machen Platz, reden plötzlich alle durcheinander und führen Jorunn zum Feuer. Jemand bringt ihr heißes Essen, jemand legt ihr einen Pelz um die Schultern. Um Verzeihung bittet keiner, aber Jorunn versteht es auch so.
In der Nacht legt Kres neben der Karte Kerbhölzer mit der Zahl der Menschen und den Vorräten an Eisen und Kohle auf der Werkbank aus. An den aufgequollenen Eisrändern am Ufer und dem singenden Eis ist klar zu erkennen: In sieben, vielleicht acht Tagen bricht das Eis auf. Wenn Jorunn recht hat, greift Gunnwald über das letzte feste Eis an. Nach dem Eisgang wird es viel schwerer, seine Kriegerschar überzusetzen.
„Also gut“, sagt Kres zum Rat. Endlich weiß er, wann und woher der Feind kommt, und deshalb fällt ihm das Reden leichter. „Der Jarl kommt über das Eis. Wir ziehen die Kette hoch und halten die Langboote in der Hauptströmung auf. Seine Männer lassen wir zum Tor und auf den falschen Knüppeldamm kommen. Wir müssen bis zum Eisgang durchhalten.“
Den ganzen Winter über hat das Moor an einer großen Kette von der Befestigung bis zur felsigen Insel in der Hauptströmung geschmiedet. Alles entbehrliche Eisen ist dafür verwendet worden, auch Aris angebrannte Ankerkette. Doch bis zum anderen Ufer fehlen noch dreißig Klafter. In sieben Tagen lassen sie sich schmieden, aber die Kohle reicht nur noch für zehn Klafter Kette.
„Kohle gibt es im Lager des Jarls“, sagt Jorunn und tippt mit dem Finger auf die Birkenrinde. „Hier ist die Feldschmiede. Er führt einen Vorrat mit.“
Kres sieht sie an. Sie lächelt nicht. Sie lächelt überhaupt selten. Aber ihre Augen sind dieselben wie damals am Feuer zur Kupalanacht.
Zwei Nächte später ziehen sie nach der Karte los, um die Kohle zu holen, in der stillsten Stunde vor dem Morgengrauen. Wjun, zwei Fischer von der Wache und drei junge Männer schnallen sich Skier an und nehmen Schleppschlitten mit. Sie gehen am Rand des Packeises entlang, wo keine Wache steht, und gelangen leise zum Kohlelager. Auf den Schleppschlitten schaffen sie vier Fuhren Kohle fort, ohne auch nur einen Hund zu wecken. Auf den verbliebenen Kohlenhaufen legen sie als Bezahlung eine neue Pflugschar. Später erzählen Gefangene, Gunnwald habe die Pflugschar am Morgen lange angesehen und nicht entscheiden können, ob sie ihn wütend gemacht oder erheitert hat.
In fünf Tagen schmieden sie die Kette fertig. Sie arbeiten in drei Schichten und lassen die Esse nicht ausgehen. Jorunn zeichnet die Glieder an, Kres verschweißt und vernietet sie, Wjun tritt den Blasebalg, bis ihn ein anderer Gehilfe ablöst. Aris angebrannte Kette schmieden sie genau in der Mitte ein, und die letzten Glieder führen sie durch Eislöcher in die Hauptströmung.
In der letzten Nacht vor dem Eisgang nimmt Kres die Schnalle mit dem Vogelflügel vom Helgen, bringt sie Jorunn und hält sie ihr auf der Handfläche hin.
„Sie hing über dem Kiel“, sagt er. „Ich habe versprochen, dass du sie selbst nimmst, wenn du zurückkommst. Du bist zurück. Nimm sie.“
Jorunn nimmt die Schnalle, legt sich den Riemen um den Hals und verbirgt sie unter dem Kragen. Dann nimmt sie Kres' verbrannte Hand und drückt sie einen Augenblick an ihre Wange. Worte brauchen sie nicht.
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