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DER SCHMIED VOM TODESMOOR

Kapitel 19. Der Name

Chort kehrt im Morgengrauen zurück.

Der Jarl hat ihn nicht aus Gnade freigelassen. Der Alte hat alle Verstecke verraten, kann ihm keinen Nutzen mehr bringen und verbraucht nur noch Nahrung. Sie geben ihm seinen Stab zurück, öffnen das Lagertor und befehlen ihm, sich davonzumachen. Chort geht die ganze Nacht über das Eis des Flusses, dem er sein Leben lang gelauscht hat. Am Tor zum Moor schafft er noch zehn Schritte und fällt in den Schnee.

Sie tragen ihn hinein, wärmen ihn und geben ihm heißen Kräutersud zu trinken. Milawa horcht lange an seiner Brust, nimmt Kres dann beiseite und sagt leise, der Alte werde keine fünf Tage mehr leben.

Noch am selben Tag lässt Chort Kres zu sich rufen und schickt alle anderen hinaus. Der Alte liegt in Felle gehüllt am Feuer. Er wartet, bis der Schmied sich neben ihn gesetzt hat, und beginnt erst dann zu sprechen.

„Ich habe deine Esse gehört, als ich über das Eis gegangen bin“, sagt Chort. „Eine Werst weit habe ich sie gehört. Ein guter Klang. So etwas hat es im Dorf nie gegeben.“ Er schweigt eine Weile. „Mein Leben lang habe ich die Sippe vor dem Wolf geschützt, Schmied. Ich habe mich versteckt, mich gebeugt, bezahlt. Und kein einziges Mal ist mir der Gedanke gekommen, dass es auch anders geht: die Sippe so stark zu machen, dass der Wolf selbst Angst vor ihr hat. Du bist darauf gekommen. Du warst weiser als ich.“

„Du hast die Sippe vierzig Jahre lang bewahrt“, sagt Kres. „Ohne Eisen, ohne Mauern. Nur mit deinem Wort und mit Angst. Ich weiß nicht, ob ich das an deiner Stelle geschafft hätte.“

„Schmeichle keinem Sterbenden“, wehrt Chort ab, obwohl man ihm ansieht, dass Kres' Worte ihm guttun. „Ruf morgen alle zusammen. Ich muss vor den Leuten aussprechen, worüber ich zwanzig Jahre geschwiegen habe.“

Am zweiten Tag bittet er darum, zur Esse getragen zu werden, in der das Feuer aus der Glut des Sippenfeuers brennt. Gegen Abend versammeln sich das ganze Moor und die ganze Sippe an der Esse: die Flüchtlinge aus dem Dorf, die Alten, die Frauen und die Kinder. Alle kommen, die vor einem Jahr beim Gericht im Morgengrauen dabeigestanden haben. Chort sitzt aufrecht da und hält seinen Stab. Seine Stimme ist schwach geworden, doch die Menschen hängen noch immer an jedem seiner Worte.

„Sippe, hört mein letztes Wort“, sagt Chort. „Vor zwanzig Jahren ist ein Schmied aus dem Süden zu uns gekommen, ein Witwer mit einem Säugling auf dem Arm. Der Schmied hieß Schdan. Wir haben sein Brot gegessen und ihn nach seinem Tod verleumdet und versucht, selbst seinen Namen zu vergessen. Jetzt merkt ihn euch: Schdan. Schdan. Schdan.“

Zuerst wiederholen die Alten den Namen: „Schdan.“ Dann die Frauen und Kinder. Eine Minute später kennen und wiederholen ihn alle, die an der Esse stehen.

Er holt Atem. In der Stille knistert das Schmiedefeuer.

„Der Schmied Schdan hat keine Seuche gebracht und die Götter nicht erzürnt. Torop hat ihn verleumdet, weil Schdan sich geweigert hat, dem Norden zu dienen. Und ich habe die Lüge für wahr gehalten, weil sie mir gelegen gekommen ist. Wenn ich die Wahrheit gesagt hätte, hätten wir uns mit den Mächtigen anlegen müssen. Ich habe mich gefürchtet und die Verleumdung mit meinem Wort bekräftigt. Das ist meine Sünde. Nehmt Schdan in die Totenreihe der Sippe auf, zu den Ahnen. Und seinem Sohn …“

Chort dreht den Kopf zu Kres, und seine Hand, trocken wie ein Zweig im Winter, löst sich vom Stab und hebt sich.

„Schdans Sohn gebe ich zurück, was ich ihm genommen habe. Du bist kein fremdes Blut, Kres. Du gehörst zu unserer Sippe. Ich bin an dir schuldig geworden, und wir alle sind an dir schuldig geworden. Bald bin ich nicht mehr da, und sie sollen dir das Böse mit Gutem vergelten. Verzeih mir, wenn du kannst. Wenn du es nicht kannst, werde ich dir keinen Vorwurf machen. Nur um eines bitte ich dich: Hüte das Feuer deines Vaters.“

„Das Feuer brennt“, sagt Kres. Seine Kehle ist wie zugeschnürt, und mehr bringt er nicht heraus. Kres nimmt die Hand des Alten und hält sie, bis Chort die Augen schließt.

Chort stirbt noch in derselben Nacht, im Schlaf. Die Totenfeier halten sie im Schnee auf dem hohen Ufer ab. Sippe und Moor stehen zum ersten Mal in einem gemeinsamen Kreis. Sie entzünden ein großes Feuer und gedenken seiner mit Kutja aus dem letzten Roggen. Die alte Gostjona stimmt die Totenklage an und besingt das ganze Leben des Wolchwen. Nach der Klage ringen die Jungen und laufen um die Wette, wie es der Brauch verlangt. Wjun und Orm laufen einmal um den Palisadenzaun und können sich danach nicht einigen, wer gewonnen hat. Niemand hält ihr Lachen für respektlos gegenüber dem Toten: So haben schon die Ahnen ihre Totenfeiern gehalten.

Als das Feuer der Totenfeier niederbrennt, bleibt Kres allein am Gedenkfeuer zurück. Jetzt denkt er an zwei Tote: an den Wolchwen, der den Namen zurückgegeben hat, und an den Vater, dem dieser Name gehört hat.

„Hast du es gehört, Vater?“, fragt er und schaut ins Feuer. „Dreimal. Vor allen. Schlaf jetzt. Ich lasse das Feuer nicht ausgehen, das siehst du ja.“

Als das Feuer heruntergebrannt ist, dringt vom Fluss ein langes, dröhnendes Krachen herüber. Den ganzen Winter haben sie darauf gewartet und sich davor gefürchtet.

Das Eis bekommt Risse. Der Eisgang beginnt zu früh.

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