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DIE LEERE ZEILE VON LAMBERN

Kapitel 3. Ein Brief aus einer geschlossenen Akte

Der Sachbearbeiter in Miren ist stärker als die Angst: Er liest den Brief bis zum Ende.

Sein Vater bittet nicht um Verzeihung. Doch noch mehr erschüttert Miren, dass er sich nicht als unschuldig bezeichnet.

Sein Vater gesteht: „Ich habe das Protokoll des Ersten Audits gefälscht. Nicht wegen des Geldes, der Macht oder des Ruhms. Ich habe einen Befehl daraus entfernt und das Feld für den Zeugen leer gelassen. Irgendwann wird die Stadt versuchen, dort einen Menschen einzutragen, der als tot geführt wird und trotzdem die Lebenden beschützt. Ich hatte gehofft, dieser Mensch zu sein. Wenn der Brief dich erreicht hat, war ich nicht schnell genug.“

Danach folgen Anweisungen: welches Rohr der Totenpost noch nicht im Plan des Amts verzeichnet ist, welches Schloss im Lager sich mit einem zerbrochenen Siegel öffnen lässt und welche Akten kein Mensch lesen darf, dem die eigene Stimme lieb ist. Selbst vor seinem Tod hat sein Vater nach Schlupflöchern in Regeln und Dokumenten gesucht.

Die letzte Zeile ist kurz:

„Lösch keinen Lebenden aus, auch wenn das Papier nach Leere verlangt.“

Das Schloss des Käfigs klickt.

„Du liest ganz schön lange“, flüstert Tilja.

Sie steht auf der anderen Seite des Gitters und hält sein Ersatzsiegel zwischen zwei Fingern. Neben ihr steht ein Mann mit gebeugten Schultern in einem schmutzigen Mantel. Nach manchen Gesichtszügen wirkt er jung, nach anderen steinalt.

„Das ist Marek Sol“, sagt Tilja. „Er kennt die Rohre.“

Marek verbeugt sich mit dem ganzen Körper, doch seine Augen blicken in verschiedene Richtungen.

„Früher habe ich die Rohre gekannt“, verbessert er sie. „Dann haben die Rohre mich kennengelernt. Das ist nicht dasselbe.“

„Sind Sie Revisor?“

„War ich. Manchmal bin ich es noch. Dienstags, wenn es nicht regnet.“

Miren will sich keinem Verrückten anvertrauen, doch ohne Marek kommt er nicht aus dem verschlossenen Lager.

Sie entkommen durch die Rückwand des Lagers. Marek öffnet eine Luke, die im Plan nicht existiert, und führt sie in einen Wartungsgang zwischen Kupferrohren. Dort riecht es nach Rost, altem Gas und feuchtem Papier. In den Rohren raschelt etwas: Briefe schießen so schnell hindurch, dass es klingt, als flüsterten die Wände.

„Wohin gehen wir?“, fragt Miren.

„Dorthin, wo noch niemand entschieden hat, als was du gelten sollst“, sagt Marek.

„Meine Akte?“

„In Lambern gibt es über jeden Menschen eine Akte. Die meisten liegen jahrelang unangetastet. Aber deine schließt sich nicht von selbst.“

Tilja schlüpft leichtfüßig voraus. Die Kinder aus den Unteren Bögen kennen alle Gänge, Spalten und unfertigen Mauern der Stadt.

„Warum bist du zurückgekommen?“, fragt Miren.

„Ich habe dein Siegel.“

„Das wäre ein Grund zu verschwinden, nicht zurückzukommen.“

„Man hat mir gesagt: Wenn du falsch stirbst, löschen sie mich auch aus.“

Jetzt ist sie ehrlich.

Sie gelangen in eine aufgegebene Sortierstelle unter dem Amt. Auf dem Boden liegen Säcke voller Briefe, die längst als unzustellbar eingestuft worden sind. Über ihnen hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Totenpost. Nicht ohne Anweisung öffnen.“

Marek lacht heiser, als lachte da jemand anderes.

„Der beste Ort der Stadt. Hier wissen alle, dass die Anweisung nie kommt.“

Miren breitet den Brief seines Vaters auf einer Kiste aus. Die Tinte ist nicht verblasst, und das macht ihn misstrauisch. Gewöhnliche Tinte wäre in zwölf Jahren grau geworden, doch diese ist schwarz geblieben, als hätte man den Brief erst vor Kurzem geschrieben.

Unten auf der Seite, wo vorher nichts gestanden hat, erscheint ein neuer Satz:

„Kenntnisnahme bestätigt. Versionsschuld eröffnet.“

Ein Schmerz durchfährt Mirens Handgelenk. Er beißt die Zähne zusammen, schiebt den Ärmel hoch und sieht den ersten Buchstaben – schwarz und fein wie die Serife einer Drucktype. Er erscheint nicht auf der Haut, sondern darunter, neben einer blauen Ader.

M.

„Geht das wieder weg?“, fragt Tilja.

Marek wird sofort ernst.

„Nein. Wenn du Glück hast, geht es wenigstens hübsch weiter.“

Miren will sich das Handgelenk aufkratzen, hält aber inne.

Er nimmt eine leere Karte aus einer Kiste der Totenpost. Er drückt sein Siegel darauf. Er unterschreibt nicht mit seinem Namen, sondern mit seinem Status:

„Miren Ost, verstorbener Zeuge, handelt vorläufig im Interesse der eigenen Akte.“

Der Buchstabe unter seiner Haut wird kalt.

Irgendwo oben im Amt heult die Signalglocke auf: Ein Beweisstück hat seinen Aufbewahrungsort verlassen.

Marek lächelt.

„Das Archiv spricht mit deiner Stimme, Sachbearbeiter. Pass auf, dass es nicht anfängt, mit deinem Kopf zu denken.“

Aus einem der Rohre fällt ein neuer Zylinder. Diesmal ist das Papier darin feucht und riecht nach Leichenhaus.

„Trauerhaus“, liest Miren. „Dringende Anhörung der letzten Stimme. Leiche ohne Gesicht.“

Der gesichtslose Tote hat also noch nicht alles gesagt.

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