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DIE LEERE ZEILE VON LAMBERN

Kapitel 4. Das Trauerhaus

Das Trauerhaus steht zwischen dem Blumenmarkt und dem alten Gasbehälter. An einem Ort kaufen die Lebenden Kränze, am anderen begleitet man die Toten mit Musik, und niemand in Lambern tut so, als ließe sich mit diesen Tätigkeiten kein Geld verdienen.

Die Fassade ist schwarz, aber nicht von Farbe. Tausende dünne Plättchen aus verkohltem Holz bedecken sie, und in jedes ist der Name eines Menschen geschnitzt, der ohne Angehörige gestorben ist. Der Wind bewegt die Plättchen, und ein leises Rascheln erfüllt das Trauerhaus.

Senna Drom wartet im Hauptsaal.

Sie ist jung, fast noch ein Mädchen, braucht aber kein Mitleid. Ihre weißen Augen blicken knapp an Miren vorbei. Die Finger ruhen auf dem Deckel einer kleinen Orgel. Ringsum stehen Schalen mit Wasser, und bei jedem Geräusch läuft ein Zittern über ihre Oberfläche.

„Der gesichtslose Tote“, sagt Senna. „Ein toter Sachbearbeiter. Ein Mädchen ohne Eintrag. Ein alter Revisor, den es zu oft gibt. Ein guter Abend.“

„Sehen Sie uns?“, fragt Tilja.

„Nein. Deshalb schaue ich auch nicht weg.“

Miren legt die Karte der Leiche auf den Tisch. Rona tritt aus einer Seitentür, bevor er einen Schritt zurückweichen kann.

Die Pistole in ihrer Hand zielt nicht auf sein Herz, sondern auf seine Schulter.

„Ich wusste, dass Sie hierherkommen“, sagt Rona.

„Weil Sie eine kluge Inspektorin sind?“

„Weil alle Männer, die ein Geheimnis über ihren toten Vater hüten, früher oder später dorthin gehen, wo man mit den Toten spricht.“

„Die ist gut“, bemerkt Marek leise.

Rona lässt Miren nicht aus den Augen.

„Sie sind aus dem Lager für Beweisstücke geflohen.“

„Rechtlich gesehen habe ich meinen Standort gewechselt.“

„Ich kann rechtlich gesehen schießen.“

Senna schlägt die erste Taste an. Ein tiefer Ton zieht durch den Saal, und das Wasser in den Schalen wölbt sich auf. Alle verstummen.

„Wenn Sie weiterstreiten, verschwinden die letzten Worte“, sagt sie. „Und für Leute, die sich selbst unterbrechen, singe ich nicht zweimal.“

Die gesichtslose Leiche liegt im Nebenraum auf einem Steintisch, bis zum Kinn mit einem Laken bedeckt. Senna berührt sie nicht. Sie lauscht den Rohren, den Wänden, dem Wasser und der Luft über dem glatten Gesicht. Im Trauerhaus glaubt man, der letzte Satz eines Menschen bleibe im nächstgelegenen Gegenstand zurück: in Glas, Wasser, einem Knopf oder sogar in der Kehle eines Zeugen. Die Sängerinnen holen diese Worte mit ihrer Stimme hervor.

Senna beginnt wortlos zu singen.

Zuerst erfüllt Fabriklärm den Saal: das Knarren von Riemen, Husten, das Scheppern von Metallplatten. Dann sind Dutzende müde und wütende Stimmen zu hören.

„Wir leben.“

Der Satz erklingt siebenundvierzigmal. Männerstimmen, Frauenstimmen, heisere Stimmen und Kinderstimmen wiederholen ihn, und nach jedem „Wir leben“ wird das Wasser in den Schalen dunkler.

Rona senkt die Pistole.

„Wer sind sie?“

Senna stimmt einen zweiten Ton an. Diesmal spricht eine einzelne Stimme – ruhig und ungerührt:

„Schuldner der Unteren Bögen, die vor der endgültigen Einziehung von Leib, Eigentum und verbleibender Arbeitskraft für tot erklärt worden sind.“

Miren spürt, wie der Buchstabe unter seiner Haut zuckt.

„Sie haben sie bei lebendigem Leib abgeschrieben.“

Rona zieht bereits ihr Notizbuch hervor.

„Wo?“

Die Antwort kommt nicht sofort. Senna wird blass, und aus ihrem linken Ohr rinnt ein dünner Blutfaden. Die genaue Adresse zu ermitteln fällt ihr schwer.

„Kaspar Loms Schuldendruckerei“, flüstert sie. „Dritter Druckhof. Unter dem alten Wollmarkt.“

Tilja weicht einen Schritt zurück.

„Ich war dort.“

Miren dreht sich zu ihr um.

„Wann?“

„Als man mir die Mappe gegeben hat.“

Rona klappt das Notizbuch zu.

„Ost, ich muss Sie zur Polizei bringen. Aber wenn diese siebenundvierzig Menschen leben, müssen wir sie vor Tagesanbruch finden. Danach werden die Schuldenhäuser die Vererbung der Leiber, des Eigentums und der Kinder beurkunden.“

„Schlagen Sie eine Abmachung vor?“

„Ich schlage vor, dass Sie beweisen, dass alle siebenundvierzig leben. Dann halte ich Ihre Abschreibung auf dem Papier auf.“

„Sie hat schon begonnen.“

„Dann füge ich dem Verfahren einen bürokratischen Fehler hinzu.“

Zum ersten Mal in dieser Nacht lächelt Miren beinahe.

Senna hebt eine Hand. Ihre Finger zittern.

„Da ist noch eine Stimme.“

Sie drückt die dritte Taste, und das Wasser in den Schalen wird schwarz. Aus der Stille erklingt die Stimme eines lebenden Menschen – selbstsicher und gebieterisch. Die Stimme gehört jemandem, der daran gewöhnt ist, dass alle anderen verstummen, bevor er zu sprechen beginnt.

„Das Protokoll der Siebenundvierzig ist genehmigt. Unterschrift: Adal Rowik, Minister für die Volkszählung.“

Selbst Rona sagt nichts.

Draußen, hinter den schwarzen Plättchen der Fassade, sind zahlreiche Schritte zu hören. Die Lampenpolizei umstellt das Trauerhaus.

Senna wendet ihr blindes Gesicht Miren zu.

„Jetzt müssen Sie, toter Sachbearbeiter, beweisen, dass diese Menschen existieren, bevor der Minister das Gegenteil beweist.“

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