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ERBE DES ENTWURFS

Kapitel 5. Der Korrektor in der Menge

Gegen Mittag schwirren auf dem Platz vor dem Palast bereits die Gerüchte.

Gerüchte verbreiten sich immer schneller als Erlasse. Ein Erlass braucht Siegel, Zeugen und Schreiber. Neuigkeiten gibt man in Küchen, Ställen, Schlafgemächern und Läden weiter. Als Elian das Archiv verlässt, erzählt sich die halbe Hauptstadt bereits drei unvereinbare Versionen der Ereignisse.

Die erste: Der Thronräuber ist auferstanden.

Die zweite: Der Leere Thron selbst hat seinen Namen eingemeißelt.

Die dritte: Regent Savern hat im Palast einen gefährlichen Fehler entdeckt und entscheidet nun, ob man jemanden töten kann, der nicht tot bleiben kann.

Vor den Toren hat sich eine Menschenmenge versammelt.

Elian sieht Diener, Wachen, Handwerker und jüngere Verwandte, die man sonst nicht über den zweiten Hof hinauslässt. Sie sind nicht gekommen, um ihn zu retten. Die Menschen eilen selten jemandem zu Hilfe, dessen Name schon beim Aussprechen gefährlich ist. Jeder will wissen, ob die neue Regel morgen nicht ihn selbst trifft.

Savern erkennt das als Erster.

Er tritt ohne Schwert und Krone vor die Tore, nur im dunklen Mantel des Regenten und mit dem Buch der nächtlichen Befehle in den Händen. Savern muss nur selten mit einer Waffe drohen. Er versteht es, die Ereignisse so darzustellen, dass ein Mord wie eine notwendige Maßnahme wirkt.

„Bewohner Asterns“, sagt er.

Die Menge verstummt.

Elian steht eine Stufe unter ihm. Neben ihm steht Miran ohne das Abzeichen der Wache, ein Stück dahinter Tavel mit dem leeren Buch unter dem Arm. Von Shani und Lissa ist nirgends etwas zu sehen, und die Sorge um sie lässt ihn nicht los.

Savern hebt das Buch der nächtlichen Befehle.

„Heute ist ein Fehler der Welt in den Palast eingedrungen. Er trägt das Gesicht meines Neffen und spricht mit seiner Stimme. Er nutzt das Mitgefühl derer aus, die sich an den Jungen erinnern, den der König einst aufgenommen hat. Doch Mitgefühl verleiht kein Recht auf den Thron.“

Er sagt nicht „Elian“.

Und die Menge sagt es ebenfalls nicht.

Elian hört, wie Miran neben ihm leise ausatmet.

„Er bestreitet nicht, dass du lebst“, sagt sie. „Er beweist ihnen, dass du kein Recht hast zu leben.“

Savern fährt fort:

„Man hat den Henker gezwungen, eine unvollständige Formel auszusprechen. Man hat eine Palastwache gezwungen, außerhalb ihres Dienstes auszusagen. Man hat den Archivar gezwungen, Bücher zu öffnen, die nicht für den öffentlichen Platz bestimmt sind. Vor euch steht kein Erbe. Vor euch ist ein Riss, durch den die untergegangenen Entwürfe in unsere Welt eindringen wollen.“

Er nennt Elian kein Ungeheuer. Er nennt ihn einen Durchgang für untergegangene Welten, und ein Teil der Menge will diesen Durchgang bereits schließen.

Tavel tritt vor, doch Elian versperrt ihm den Weg.

„Nicht jetzt“, sagt er.

„Wenn wir schweigen, setzt sich seine Version fest.“

„Wenn wir ohne Beweise das Wort ergreifen, legt er sich seine Erwiderung im Voraus zurecht.“

Elian weiß selbst nicht, woher diese Vorsicht kommt. Vielleicht haben ihn seine früheren Tode gelehrt, vorsichtig zu sein.

Unter den Menschen vor den Toren taucht ein Fremder auf, den Elian nicht sofort bemerkt. Sobald man den Blick von ihm abwendet, vergisst man seine Züge. Grauer Mantel, mittelgroß, unscheinbare Hände und ein glattes Gesicht ohne ein einziges Merkmal, das im Gedächtnis bleibt.

Er geht durch die Menge. Die Menschen weichen nicht aus Angst zurück, sondern weil sie seine Anwesenheit vergessen, sobald er ihnen nahekommt.

Tavel wird blass.

„Ein Korrektor.“

Unmittelbar darauf meldet das System:

„Korrektur aktiv.“

Elian durchfährt ein stechender Schmerz. Mirans Name verschwindet für einen Augenblick aus seinem Gedächtnis und kehrt dann zurück.

Der Korrektor bleibt an der untersten Stufe stehen. Er greift nicht an, zieht kein Messer und spricht keinen Zauber. Er hebt nur die Hand und berührt mit zwei Fingern Saverns Buch der nächtlichen Befehle.

Auf der Seite erscheint eine neue Zeile.

Savern liest sie und lächelt zum ersten Mal an diesem Tag kaum merklich.

„Miran Kest dient nicht und hat nie in der Palastwache gedient.“

Unruhe geht durch die Menge.

Miran richtet sich auf.

„Eine Lüge“, sagt sie.

Doch im Entwurf der Wahrheit muss man für eine Lüge mit Schmerz und Blut bezahlen. Mirans Stimme zittert nicht, also sagt sie die Wahrheit.

Doch der Eintrag hat sich bereits verändert, und die Wahrheit allein reicht nicht aus, um die Menge zu überzeugen.

Savern dreht das Buch zu den Menschen. In der Wachliste steht zwischen zwei Namen eine leere Zeile. Sie ist weder durchgestrichen noch ausgebessert: Es sieht aus, als hätte Miran diesen Posten tatsächlich nie bekleidet.

„Die Aussage eines Menschen, der nicht im Dienst steht, ist ungültig“, sagt Savern.

Miran macht einen Schritt nach vorn, doch Elian packt sie am Arm.

Er will ihr versprechen, alles wieder in Ordnung zu bringen, doch er schweigt: In seinem Kopf erklingt bereits die Stimme des Systems.

„Zeugin Miran Kest in zwei von sechs Entwürfen verloren.“

Das System verkündet es teilnahmslos. In manchen Versionen ist Miran noch immer eine Palastwache, in anderen hat sie bereits ihr Zuhause und ihren Dienst verloren. Jeder seiner Siege könnte einen weiteren Teil ihrer Vergangenheit auslöschen, bis von Miran nur noch die Erinnerung eines Fremden übrig bleibt.

Der Name des Fremden taucht von selbst in Elians Bewusstsein auf: Nim Arg. Der Korrektor wendet sich ihm zu. Da begreift Elian seine Aufgabe: Nach jeder Veränderung des Entwurfs wird Nim die Folgen des Sieges auslöschen.

Savern schließt das Buch.

„Seht ihr?“, sagt er zur Menge. „Nicht einmal seine Zeugen bestehen die Prüfung der Welt.“

Die Menschen vor den Toren beginnen zurückzuweichen.

Nicht alle gehen. Ein paar Diener bleiben, ein Junge mit einem Eimer, eine alte Köchin und Shani, die am Seitenbogen kaum zu erkennen ist. Es sind nur wenige, doch keiner von ihnen wendet sich ab, obwohl es jetzt sicherer wäre zu gehen.

Elian blickt durch die offenen Türen zum Leeren Thron.

Der Name im Stein ist noch da.

Doch jetzt weiß er: Ein Name im Stein rettet niemanden, wenn kein lebender Mensch mehr da ist, der ihn aussprechen kann.

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