Nach dem Gespräch am Tor begreift Elian zum ersten Mal, wie wenig ihm der Sieg über den Rat gebracht hat.
Gegen Abend wird es still im Palast, doch die Unruhe bleibt. In den Korridoren tuscheln die Diener, Schreiber fertigen neue Abschriften der Protokolle an, die Wachen lösen einander häufiger ab als sonst. Mirans Name ist bereits aus den Wachlisten verschwunden. Sie geht neben Elian her, und jeder, der ihnen begegnet, runzelt die Stirn und versucht sich zu erinnern, wer diese Frau ist.
„Sie sehen mich“, sagt Miran.
„Noch.“
„Ihr versteht es wirklich, einen zu trösten, Hoheit.“
„Ich bin doch ein Hochstapler. Ein Talent zum Trösten steht mir nicht zu.“
Sie schnaubt belustigt, lässt die Hand aber am Schwertgriff.
Tavel führt sie nicht zu Elians Gemächern. Nach Nims Erscheinen warten dort bestimmt schon Saverns Leute, ein neuer Befehl oder eine Tür, die der Korrektor in eine Wand verwandelt hat. Der Archivar bringt sie in die Westgalerie mit den Porträts der Nebenlinien des Hauses Vern. Die Menschen auf diesen Bildern wirken bescheidener als die direkten Erben und blicken wachsamer drein.
„Wenn Ihr den nächsten Schlag des Regenten überleben wollt“, sagt Tavel, „braucht Ihr Vestra Lo.“
„Die Fürstin, die als Letzte abstimmt?“, fragt Elian.
„Die Fürstin, die fast nie abstimmt. Für ihre Unterstützung verlangt sie einen hohen Preis, denn ihre Stimme kann den Rat auf jede beliebige Seite ziehen.“
Miran schnaubt.
„Klingt nach jemandem, dem man das Schicksal der Welt anvertrauen sollte.“
„Das Königreich hat man bereits Savern anvertraut“, sagt Tavel. „Vestra kann kaum schlimmer sein.“
Vestra Lo erwartet sie nicht in einem Empfangszimmer, sondern im Gewächshaus. Nachts ist es dort feucht und warm. Durch das Glasdach sieht man den dunklen Himmel, auf den Blättern glänzen Wassertropfen. Die Fürstin steht in einem Kleid von der Farbe alten Goldes neben einem Zitronenbaum. An ihren Fingern trägt sie keine Ringe, und an einem Hof, an dem Schmuck Verwandtschaft und Bündnisse kenntlich macht, fällt das sofort auf.
„Ihr kommt zu spät“, sagt Vestra.
Elian bleibt am Weg zwischen den Pflanzkübeln stehen.
„Wir haben kein Treffen vereinbart.“
„Eben deshalb kommt Ihr zu spät. Kluge Menschen suchen mich auf, bevor ihnen klar wird, dass sie ohne meine Hilfe nicht mehr auskommen.“
Sie sieht Miran an.
„Und das ist wohl Eure verschwindende Wächterin.“
Miran tritt vor, doch Elian hebt die Hand.
„Lass es.“
Vestra lächelt.
„Gut. Ihr habt bereits begriffen, dass man Verbündete nicht wegen der ersten spitzen Bemerkung in Gefahr bringt. Dann sind die Gerüchte über vier Tode wohl doch nicht völlig erfunden.“
Im Gewächshaus wird es sehr still.
Tavel wird blass. Miran umklammert den Schwertgriff. Elian rührt sich nicht.
„Wer hat Euch das gesagt?“, fragt er.
„Niemand. Wenn bei Hof alle gleichzeitig reden, ist am wichtigsten, worüber sie gemeinsam schweigen. Heute hat niemand erwähnt, wie oft Ihr an den Morgen der Ratssitzung zurückgekehrt seid. Also seid Ihr mehrmals zurückgekehrt.“
Vor Erschöpfung hätte Elian beinahe gelacht. Während Savern die Gesetze neu schreibt und Nim Zeilen in Büchern verändert, hat Vestra ihren Schluss aus genau dem gezogen, was der gesamte Hof geflissentlich verschweigt.
„Ich brauche Anerkennung“, sagt er.
„Natürlich.“
„Öffentliche Anerkennung.“
„Natürlich.“
„Und echte.“
Vestra pflückt ein kleines Blatt vom Zitronenbaum, zerreibt es zwischen den Fingern und riecht daran.
„Echte Anerkennung kostet mehr als öffentliche.“
„Nennt Euren Preis.“
Da erst sieht sie ihm direkt in die Augen.
„Das Recht, den nächsten Erben zu bestimmen.“
Miran flucht leise. Tavel muss husten.
Elian schweigt.
Vestras Bedingung ist eine Beleidigung. Wenn Elian zustimmt, macht er aus dem Kampf um seinen Namen einen Handel um den Thron, selbst wenn er gar nicht herrschen will. Vestra erhält nicht sofort Macht, doch eines Tages könnte sie selbst bestimmen, wem die Macht zufällt, für die Elian immer wieder stirbt.
„Ihr wollt die Krone für Eure Linie“, sagt er.
„Ich will, dass meine Linie Euren Krieg gegen den Thron und den Regenten überlebt.“
„Das klingt hübscher.“
„Wahrheitsgemäßer.“
Vestra kommt näher. Sie riecht nach Zitronenschale und kaltem Metall.
„Savern wird eine Welt bewahren. Ihr werdet die Türen für alle Ausgelöschten öffnen. Beide Möglichkeiten richten zuerst die Nebenlinien zugrunde. Wir sind zu schwach, um gebraucht zu werden, und zu vornehm, als dass man uns verschonen würde. Deshalb verkaufe ich meine Anerkennung teuer. Eine billige Anerkennung nimmt niemand ernst.“
Elian denkt an Shani vor der Tür des Rates: ihre leise Stimme, ihre zitternden Hände, ihren Namen, der plötzlich in seinem Kopf erklungen ist. Shani hat ihn anerkannt, ohne etwas dafür zu verlangen. Nun kann der Korrektor auch ihre Vergangenheit erreichen.
„Wenn ich zustimme“, sagt er, „wird mein Name zu Eurer Ware.“
„Das ist er längst. Savern verkauft die Angst vor ihm. Die Diener verkaufen Gerüchte über ihn. Der Rat verkauft das Recht, ihn nicht auszusprechen. Der Unterschied ist, dass ich den Preis laut nenne.“
Miran beugt sich zu Elian.
„Nehmt das nicht an.“
Fast gleichzeitig sagt Tavel:
„Nehmt es an.“
Sie sehen einander mit unverhohlener Abneigung an. Elian stellt sich vor, wie bald seine Verbündeten nicht mehr darüber streiten werden, wie man Menschen rettet, sondern darüber, wessen Entscheidung er sich anschließen soll.
Auch Vestra bemerkt es.
„Deshalb braucht Ihr meine Stimme. Ohne Kalkül zerstreiten sich Eure Verbündeten, noch bevor Ihr den nächsten Morgen erlebt.“
Elian tritt an den Zitronenbaum und berührt ein Blatt. An seinen Fingern bleibt ein bitterer Geruch zurück.
„Ich gebe Euch das Recht, den nächsten Erben zu bestimmen, aber nur unter einer Bedingung.“
Vestra hebt leicht eine Braue.
„Ihr seid nicht in der Lage, Bedingungen zu stellen.“
„Ich bin schon mehrmals gestorben. Danach leiden die Manieren.“
Miran lächelt kaum merklich.
Elian fährt fort:
„Ihr könnt den Erben nur bestimmen, solange Shani Venn, Miran Kest und Tavel Rin das Recht behalten, in diesem Saal Zeugnis abzulegen. Werden sie ausgelöscht und verschwinden ihre Namen, verliert auch Ihr Euer Recht.“
Vestra betrachtet ihn lange. Zum ersten Mal antwortet sie nicht sofort.
„Ihr bindet die Krone an Menschen, die keinen Platz in der Ahnenrolle haben.“
„Ja.“
„Das ist dumm.“
„Vielleicht.“
„Das ist gefährlich für mich.“
„Für sie auch.“
Vestra schmunzelt.
„Jetzt wird der Preis interessant.“
Sie wendet sich der Glastür des Gewächshauses zu. Dahinter stehen bereits zwei Schreiber und drei junge Fürsten. Elian hat sie nicht kommen hören. Vestra hat die Zeugen vorsorglich kommen lassen.
Die Fürstin hebt die Stimme.
„Ich, Vestra Lo, erkenne Elian Vern als rechtmäßigen Anwärter an, dessen Namen der Leere Thron prüfen muss. Nicht aus Liebe und nicht aus Glauben an Wunder. Mein Wort ist zu teuer, um es an einen toten Hochstapler zu verschwenden.“
Niemand rührt sich.
Das System antwortet knapp:
„Zeugin der Anerkennung erfasst. Der Name Vestra Lo wurde gespeichert.“
Vestras Name prägt sich Elian ebenso deutlich ein wie die Namen Shani und Miran. Der Fürstin selbst vertraut er nicht, doch ihre öffentliche Anerkennung schützt nun sein Recht, vor den Thron zu treten.
In derselben Nacht schreckt Lissa mit einem Schrei in einem fensterlosen Zimmer hoch.
Sie hat geträumt, Elian stehe vor dem Leeren Thron, während sie zu seinen Füßen auf dem kalten Stein liegt. In den Händen hält er einen leuchtenden Faden mit ihrem Namen, der einem Bluteid gleicht.
Und daneben sagt Vestra ruhig:
„Bezahlt.“
Lissa öffnet die Augen und erinnert sich nicht sofort, in welchem Entwurf sie am Leben ist.
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