Elian stirbt vor Morgengrauen.
Nicht durch ein Schwert. Nicht durch Gift. Nicht durch das Gesetz.
Er kommt auf einer Treppe ums Leben, die der Korrektor unter seinen Füßen verändert.
Als sie den Gebetsraum verlassen, wirkt der Korridor vor der Tür vertraut: drei Fenster, eine Steinnische, die Treppe zum Innenhof. Miran geht voraus. Lissa bleibt dicht bei Elian, berührt ihn aber nicht. Plötzlich wird das dritte Fenster zum Spiegel, die Nische verwandelt sich in eine Tür, und die Stufen kippen jäh ab und führen in die Tiefe.
Miran schafft es noch, Lissa zu packen.
Elian sieht unten noch Nims glattes Gesicht.
Dann schlägt Elian mit dem Rücken auf Stein.
Er öffnet vor Morgengrauen die Augen. Das neue Gesetz wartet bereits auf seinem Tisch.
Im Zimmer hängt dieselbe graue Stoffbahn über dem Bett, dort stehen derselbe Becher mit Wasser und am Fenster liegt derselbe Handschuh. Doch auf dem Tisch liegt ein dünnes Täfelchen aus Knochen. Darauf ist eingemeißelt:
„Jedes Versprechen wird mit Zeit bezahlt.“
Elian setzt sich zu hastig auf, und das Zimmer schwankt vor seinen Augen. Nicht der Tod erschreckt ihn, sondern die plötzliche Schwäche.
Er tritt vor den Spiegel und entdeckt einige graue Haare an den Schläfen. Um seinen Mund hat sich eine feine Falte gebildet, unter seinen Augen liegen Schatten. Er sieht aus, als wäre er um mehrere Jahre gealtert.
Das System antwortet:
„Übergang durch Korrektor gestört. Entwurf der Schuld geöffnet. Für unerfüllte Versprechen wird Lebenszeit eingezogen.“
Er berührt das kalte Glas, hinter dem ein Mann steht, der ein wenig älter ist als vor seinem Tod.
Zuerst kommt weder Shani noch Miran noch Vestra zu ihm.
Orm.
Der Henker steht mit gezogenem Schwert an der Tür. Tiefe Falten durchziehen sein Gesicht, an die Elian sich nicht erinnert. Auch Orm bezahlt für seine frühere Entscheidung mit Lebensjahren.
„Eure Hoheit“, sagt Orm.
Seine Stimme zittert nicht.
Elian mustert ihn aufmerksam.
„Erinnert Ihr Euch?“
„Nicht an alles. Meine Hände erinnern sich daran, dass sie das Schwert nicht gesenkt haben. Meine Kehle erinnert sich an die Formel. Das genügt.“
Für den sonst so schweigsamen Orm kommt das beinahe einer Beichte gleich.
Unten läuten bereits die Glocken des Rates. Zeit, die neue Regel zu verstehen, lässt man ihnen nicht: Am Morgen warten schon wieder eine Sitzung und eine Anklage auf Elian. Nur bezahlt nun jeder Mensch für seine eigenen Worte mit Lebensjahren.
Auf der Treppe sieht Elian Shani.
Sie hält ein Tablett mit Wasser. Ihre Hände zittern stärker als im ersten Entwurf. An ihrer Schläfe zieht sich eine graue Strähne entlang.
„Shani.“
Sie hebt den Blick.
Darin liegen Wiedererkennen und Angst.
„Ich habe Euch Hoheit genannt“, flüstert sie. „Und am Morgen bin ich um drei Tage älter aufgewacht. Dann habe ich noch einen Tag verloren, als ich dachte, ich würde es wieder sagen.“
Elian wird schwindelig, und Shanis Name erklingt deutlich in seiner Erinnerung.
„Sag es nicht noch einmal.“
Beinahe lächelt sie.
„Ein Befehl?“
„Eine Bitte.“
„Dann kostet sie mehr.“
Er kommt nicht mehr dazu, ihr zu antworten.
Sie betreten die Ratshalle, und die Sitzung beginnt.
Savern steht bereits am Leeren Thron. Elian bemerkt sofort, dass der Regent mehr weiß, als er dürfte. Savern sieht nicht ihn an, sondern Nim, der im Schatten hinter einer Säule steht, und erkennt den Korrektor offenbar wieder.
Savern hebt das Nachtbuch.
„Heute befasst sich der Rat nicht mit der Hochstapelei“, sagt er, „sondern mit den Schulden, die dieser Mann dem Hof auferlegt hat.“
Das Buch öffnet sich von selbst.
Auf den Seiten erscheinen Zeilen.
Shani Venn hat ohne Befugnis einen Titel anerkannt.
Miran Kest hat außerhalb ihres Dienstes Zeugnis abgelegt.
Tavel Rin hat einer unbefugten Person die leeren Bücher geöffnet.
Orm Hal hat die Vollstreckung einer anerkannten Hinrichtung verzögert.
Vestra Lo hat einem Menschen ohne bestätigtes Blut ein künftiges Erbrecht verkauft.
Jede Zeile endet mit einer Zahl von Jahren.
Die Regel des Entwurfs der Schuld ist den Menschen anzusehen. Shani ist wegen einer einzigen Anrede gealtert. Orm wegen des zurückgehaltenen Schwerts. Tavel wird unter Bewachung hereingeführt; er hält sich die Brust und bekommt kaum Luft, als hätte er in einer einzigen Nacht mehrere Winter durchlebt.
Vestra kommt als Letzte herein.
Sie sieht fast unverändert aus. Nur eine Strähne an ihrer Schläfe ist silbern geworden.
„Seht mich nicht so an“, sagt sie zu Elian. „Ich habe meinen Preis ehrlich genannt, deshalb hat die Welt mir nur wenig genommen.“
Savern hört es.
„Fürstin Lo. Bestätigt Ihr das Geschäft?“
Vestra sieht Elian an.
Plötzlich begreift Elian, wie leicht es wäre, zuzustimmen. Wenn Vestra die Anerkennung wiederholt, verankert sich ihr Name noch stärker. Wenn er ihn ausgibt, kann er Shanis Schuld tilgen, ihr die Tage zurückgeben und Miran wenigstens eine Zeit lang vor der Auslöschung schützen. Fast überzeugt er sich selbst davon, dass Vestra diese Entscheidung verstehen und ihm verzeihen würde.
Das System antwortet leise:
„Bezahlung mit dem gespeicherten Namen Vestra Lo verfügbar.“
Elian ballt die Hände.
Shani steht blass und verängstigt an der Tür, die graue Strähne an der Schläfe. Im ersten Entwurf hat ein einziges Wort von ihr genügt, um Elian das Recht auf seinen Namen zurückzugeben. Jetzt nimmt man ihr für dieses Wort Lebensjahre.
„Nein“, sagt Elian.
Savern neigt den Kopf.
„Wem antwortet Ihr?“
„Der Welt. Sie ist eine erbärmlich schlechte Händlerin.“
Er tritt in die Mitte des Saals.
„Shani Venns Schuld geht auf mich über.“
Im Saal bricht Stimmengewirr aus.
Orm tritt vor. „Ohne Formel ist das unmöglich.“
Elian wendet sich ihm zu.
„Dann sprecht sie aus.“
Der Henker wird blass.
Zum ersten Mal an diesem Morgen wird Saverns Stimme scharf.
„Orm Hal, Ihr habt nicht das Recht …“
„Das habe ich“, sagt Orm. „Im Entwurf der Schuld kennt der Henker den Preis der Vollstreckung.“
Er hebt das Schwert, nicht zum Schlag, sondern als Zeichen.
„Wer eine Anerkennung angenommen hat, kann auch die Schuld der Anerkennung auf sich nehmen. Hören die Zeugen?“
Shani weint lautlos.
Elian sagt:
„Sie hören.“
Orm senkt das Schwert, bis die Spitze zum Stein weist.
„Zehn Jahre für eine Stunde Recht. Prinz Elian Vern übernimmt die Schuld von Shani Venn.“
Das System antwortet:
„Schuld übertragen. Gespeicherte Namen nicht ausgegeben.“
Der Entwurf lässt Elian nicht auf einmal um alle zehn Jahre altern. Ein Teil der Schuld bleibt unbezahlt, und das System kann ihn später einfordern.
Der Schmerz kommt nicht sofort. Zuerst fährt ihm die Kälte in die Glieder, dann beginnen seine Gelenke zu schmerzen und seine Hände werden kraftlos. Im Wandspiegel sieht er neue Falten an seinen Augen. Seine Stimme wird tiefer, seine Bewegungen schwerfälliger. Er sieht nicht um volle zehn Jahre älter aus, doch sein Körper spürt bereits ihr Gewicht.
Shanis graue Strähne verschwindet, ihre Hände hören auf zu zittern.
Savern betrachtet ihn anders als früher: lange und ohne seine gewohnte Sicherheit.
Nim Arg hebt das Gesicht. In einem anderen Entwurf schreckt eine Version Saverns im Schlaf auf und merkt sich zum ersten Mal den Korrektor.
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