Nach dem Garten der Ahnenapfelbäume hat Elian aufgehört zu hoffen, dass ihn der nächste Tod einfach wieder von vorn anfangen lässt. Jeder neue Entwurf verändert den Palast, die Gesetze und das Leben seiner Zeugen. In die frühere Welt kann er nicht mehr zurückkehren.
Orm ist verloren: In einem der Entwürfe erkennt das System ihn nicht mehr als Zeugen an. Doch Elian erinnert sich an den Henker und hört selbst im Schlaf noch seine Formel: „Ich töte nur nach einer anerkannten Formel.“
Am nächsten Morgen kommt Tavel mit einem leeren Buch zu ihm. Den roten Augen und der staubigen Kleidung nach hat der Archivar die ganze Nacht nicht geschlafen.
„Gefunden“, sagt der Archivar.
„Was?“
„Keinen Eintrag über Mayra. Etwas Schlimmeres. Einen Eintrag Eures Vaters.“
Ohne Miran und Vestra steigen sie ins Archiv des alten Zerfalls hinab. Elian vertraut ihnen beiden, doch jeder Mensch, der vom Geheimnis des Namens erfährt, könnte zum nächsten Ziel des Leeren Throns werden.
Unten riecht es nach feuchtem Stein, altem Leder und Eisen. Tavel führt ihn zwischen den Regalreihen hindurch. Seit der letzten Korrektur stehen die Regale näher beieinander, die Gänge sind schmaler, und das Licht der Lampen reicht kaum aus.
„Hier gibt es keine Ahnenbücher“, sagt Tavel. „Nur Protokolle von Entscheidungen, die der Rat später vergessen lassen wollte.“
„Der praktische Teil der Geschichte.“
„Der ehrlichste.“
Er bleibt vor einer niedrigen Nische stehen. Darin liegt ein Buch ohne Einband. Sein Umschlag ist aus vielen abgeschabten, übereinandergeklebten Seiten gefertigt. An den Kanten sind noch Reste der vernichteten Zeilen zu erkennen.
Tavel öffnet das Buch nicht mit bloßen Händen. Er legt ein Messer, eine Schale Wasser und eine kleine Steinmarke mit dem Wappen des verstorbenen Königs daneben. „Das ist das Protokoll einer geheimen Ratssitzung“, sagt er. „Es ist einen Tag vor Eurer Geburt angefertigt worden.“
Beim Gedanken an Mayra zieht sich Elians Brust zusammen.
Das Buch öffnet sich von selbst.
Auf der ersten Seite steht kein Satz in Tinte. Die Worte sind ins Papier geprägt:
„Der erste Erbe darf nicht anerkannt werden.“
Elian liest die Zeile dreimal.
Die Worte verändern sich nicht.
Tavel wendet den Blick ab.
Darunter folgen die Unterschriften der Ratsmitglieder, der Vertreter der älteren Linien und Saverns, damals noch nicht Regent. Als Letzter hat der König von Astern unterschrieben, Elians Vater. Die Schrift ist fest: kein Zittern, keine Korrekturen, keine Spuren von Zwang.
„Er selbst“, sagt Elian.
„Ja.“
„Er selbst hat mich gestrichen.“
„Ja.“
Lange schaut Elian auf die Unterschrift seines Vaters. Die Unterschrift lässt sich weder als Irrtum noch durch Zwang erklären.
Tavel blättert um.
Dort ist eine Zeichnung des Leeren Throns zu sehen, als Grube unter den Wurzeln der Dynastie. Dünne Linien führen von ihm zu den Namen von Kindern, die zu spät anerkannt, bis zur Heirat verborgen oder von Frauen geboren worden sind, die keinen Platz im Ahnenbuch haben. Viele Namen sind durchgestrichen. Neben jedem steht der Vermerk: „verschlungen“.
Elian fährt mit dem Finger über eine Stelle.
Mayra.
Der Name ist nicht durchgestrichen, sondern von einem schwarzen Kreis umgeben.
„Was bedeutet das?“
Tavel schluckt.
„Köder.“
Elian begreift nicht sofort, was dieses Wort bedeutet.
Tavel beginnt schneller zu sprechen, sichtlich aus Angst, sonst nicht weitersprechen zu können:
„Der Leere Thron braucht nicht irgendwelche nicht anerkannten Menschen, sondern jene, die beinahe einen Platz in der Ahnenrolle bekommen und ihn im letzten Augenblick wieder verlieren. Euer Vater hat gesehen, dass der Thron nach Mayra und Euch greift. Hätte er Euch als ersten Erben anerkannt, wärt Ihr beide verschwunden. Hätte er sich vollständig von Euch losgesagt, hätte niemand Euren Namen bewahrt, und das Ergebnis wäre dasselbe gewesen. Deshalb hat er Euch am Hof und in der Nähe der Dynastie behalten, Euch aber keine Erbrechte gegeben.“
Elian lacht einmal auf. Trocken.
„Wie rührend. Man hat mich nicht im Stich gelassen. Man hat mich über einer Grube aufgehängt.“
„Damit die Grube sich nicht über Euch schließt.“
„Ihr sagt das, als wäre es ein Trost.“
Tavel antwortet nicht.
Das ist auch besser so.
Die Seite unter Elians Fingern wird warm.
Zuerst glaubt er, seine Hand habe sie erwärmt. Dann wird das Papier an den Rändern schwarz, und aus der Tiefe des Archivs dringt der schwere Atem eines sterbenden Menschen.
Die Stimme des verstorbenen Königs sagt:
„Elian.“
Tavel weicht zurück. Die Regale ringsum erzittern, mehrere Bücher fallen zu Boden.
Elian rührt sich nicht.
„Vater?“
In Elians Kindheit hat der König nur selten anders als in Befehlen mit ihm gesprochen: lernen, schweigen, nicht eintreten, hinausgehen. Jetzt klingt die Stimme seines Vaters älter und gebrochener. Sie kommt nicht aus Elians Erinnerungen, sondern vom Leeren Thron über ihnen.
„Ich habe dir nur einen einzigen Weg gelassen.“
„Ihr habt mir die Hinrichtung gelassen.“
„Ich habe dir die Möglichkeit gelassen, nicht sofort gefressen zu werden.“
Elian umklammert die Tischkante.
„Mayra?“
Stille.
Dann sagt die Stimme:
„Ich war zu spät.“
Der Leere Thron spricht mit der Stimme des Königs, doch seine Bitte ist nicht mehr die eines Vaters.
„Stirb noch einmal. Schließe alle Entwürfe und bring eine einzige Welt zurück. Darin wird Lissa leben, Savern wird die Ordnung wahren, und die Diener werden den Schmerz vergessen. Mayra bleibt ein Verlust und wird nicht zum Durchgang in eine andere Welt.“
Elian denkt nacheinander an die bewahrten Namen: Shani, Miran, Tavel, Vestra, den verlorenen Orm und Lissa.
„Und die Ausgelöschten?“, fragt er.
Die Stimme des Königs wird sanfter.
„Sohn, die Welt kann sich nicht an alle erinnern.“
Da begreift Elian endlich die ganze Tragweite der Entscheidung seines Vaters, doch verzeihen kann er ihm nicht. Der König ist kein Ungeheuer gewesen. Er hat nur geglaubt, für einige wenige Menschen, die ihm nahestehen, alle anderen opfern zu dürfen. Savern hat von ihm nicht den Thron geerbt, sondern diese berechnende Grausamkeit.
Elian schließt das Buch.
Die Stimme verstummt abrupt.
Tavel wird blass.
„Was jetzt?“, fragt er.
Elian schaut auf den leeren Umschlag.
„Jetzt finden wir den Menschen, den die Welt in jeder Version gleich verzeichnet hat.“
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