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ERBE DES ENTWURFS

Kapitel 13. Die eingeritzten Namen

Am nächsten Morgen reinigt eine Dienerin den schwarzen Stein am Sockel des Leeren Throns. Als sie mit dem Lappen über die der Wand zugewandte Rückseite fährt, bemerkt sie Kratzer und sagt:

„Da sind Buchstaben.“

Sofort versucht man, sie aus dem Saal zu führen.

Savern schickt Wachen, der Rat einen Schreiber. Vestras Leute sind vor beiden da, und die Fürstin selbst setzt sich in die erste Reihe und verfolgt aufmerksam, was geschieht.

Elian tritt als Letzter ein.

Lissa ist da.

Sie steht in einem grauen Kleid ohne Dynastiezeichen an einer Säule am Rand. Seit dem Apfelgarten greift Lissa weder nach der Hand ihres Bruders noch sucht sie hinter Savern Schutz. Auch Elian versucht nicht mehr, sie ungefragt zu beschützen.

„Hast du davon gewusst?“, fragt er.

„Nein.“

„Davon geträumt?“

„Noch nicht.“

Vestra hört es und sagt leise:

„Eine ausgezeichnete Formulierung für unsere Familie.“

An gewöhnlichen Tagen sieht niemand die Rückseite des Throns. Der Leere Thron steht so nah an einer steinernen Nische, dass zwischen Lehne und Wand höchstens ein Kind oder ein Diener mit einem Lappen hindurchpasst. Der Adel schaut nur auf die Vorderseite, wo die Namen der Erben erscheinen und verschwinden. Die Inschriften auf der Rückseite bemerken nur jene, die dort den Staub abwischen.

Miran und zwei Diener rücken den Thron von der Wand ab.

Der Stein ächzt.

Auf der Rückseite stehen Namen.

Nicht einer. Nicht zehn. Hunderte.

Klein, ungleichmäßig, von verschiedenen Händen eingeritzt. Manche sind fast verschwunden. Manche sind frisch; die Spuren des nächtlichen Meißelns sind noch deutlich zu sehen. Die Namen sind weder nach Dynastien noch nach Jahren oder Rängen geordnet. Dienerinnen neben Fürsten. Säuglinge neben Henkern. Uneheliche Kinder neben Königen, die in den offiziellen Büchern als groß gelten.

Tavel tritt näher und zieht scharf die Luft ein. „Das ist keine Liste der Erben.“

„Nein“, sagt Elian. „Das ist die Liste der Menschen, die man für die Erben ausgelöscht hat.“

Vestra lächelt nicht mehr.

Genau in diesem Augenblick tritt Savern in den Saal.

Er sieht die freigelegte Rückseite des Throns und bleibt stehen. Sein Gesicht verändert sich nicht, aber Elian hat inzwischen gelernt, den Regenten an seinen Pausen zu lesen. Diese ist zu lang.

„Schließt den Saal“, sagt Savern.

Niemand rührt sich.

Alle wollen wissen, wen man für ihre makellosen Ahnenrollen dem Vergessen preisgegeben hat.

Lissa tritt an den Stein.

Elian möchte sie aufhalten, lässt sie aber selbst entscheiden, ob sie den Stein berührt.

Sie fährt mit den Fingern über die Namen. Einmal. Noch einmal. Dann erstarrt sie.

„Nein.“

Sie bringt das Wort nur leise hervor.

Elian tritt zu ihr.

Unter ihren Fingern ist eingeritzt:

Lissa Vern.

Die Schrift ist alt, und der Stein ringsum ist im Lauf der Zeit dunkel geworden. Die jetzige Lissa ist siebzehn, doch die Inschrift ist lange vor ihrer Geburt entstanden.

Ohne aufzusehen, sagt Tavel:

„Das ist der Name einer Lissa aus einem Entwurf, der vor Eurer Geburt existiert hat.“

Lissa reißt die Hand zurück.

„Bin ich schon einmal gestorben?“

Savern antwortet vor Elian:

„Nicht du.“

Lissa wendet sich ihm zu.

„Wagt es nicht, mich mit Grammatik zu trösten.“

Im Saal wird es so still, dass selbst Vestra kein Lächeln riskiert.

Lissa schaut wieder auf den Namen.

„Dann bin auch ich nicht der erste Versuch.“

Unter ihnen erbebt der Leere Thron.

Neben Lissas altem Namen erscheint ein neuer Kratzer im schwarzen Stein, ähnlich der Spur einer Feder.

Lissa wird blass.

„Dieser Traum“, sagt sie.

Elian weiß schon, was sie meint.

„Der, in dem du meine Hinrichtung unterzeichnest?“

Sie nickt.

„Ich wollte es nicht vor allen sagen.“

Savern sagt leise:

„Manchmal ist Schweigen barmherziger.“

Lissa fährt zu ihm herum.

„Eure Barmherzigkeit verlangt seltsamerweise immer das Gedächtnis anderer Menschen.“

Der Regent antwortet nicht.

Lissa spricht lauter. Jetzt spricht sie nicht als Opfer eines Bluteids, sondern als Mensch, der aus eigenem Entschluss seine mögliche Schuld eingesteht.

„Ich habe von einer Welt geträumt, in der ich Regentin war. Ich habe am Leeren Thron gesessen. Ich hatte ein Siegel und eine Armee. Als Elian gekommen ist und die Namen der Ausgelöschten verlangt hat, habe ich seine Hinrichtung unterzeichnet, weil ich entschieden habe, dass die Stabilität mehr zählt als mein Bruder. Ich habe es nicht aus Angst getan. Ich habe eine Wahl getroffen.“

Sie sieht Elian an.

„Ich habe eine Welt gesehen, in der ich zu deiner Mörderin geworden bin.“

Elian möchte sagen, diese Frau sei eine andere Lissa gewesen, doch nach dem Namen auf der Rückseite des Throns würde das wie falscher Trost klingen.

Er sagt etwas anderes:

„Dann wissen wir beide, was aus uns werden kann.“

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