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ERBE DES ENTWURFS

Kapitel 15. Die Schwester, die nicht gerettet werden will

Nach dem Prozess verschwindet Lissa aus ihren Gemächern. Im Palast meidet man dieses Wort und sagt, die Prinzessin habe sich zurückgezogen, ruhe sich aus oder habe darum gebeten, nicht gestört zu werden. Zwei Stunden später kommt Shani zu Elian und sagt ihm die Wahrheit:

„Sie ist nicht in ihren Gemächern.“

Miran hat bereits die Südgalerie durchsucht, Tavel den alten Gebetsraum. Vestra schickt eine Nachricht mit einem einzigen Wort: „Garten“.

Elian findet Lissa im Garten der Ahnenapfelbäume, dort, wo Orm Jahre seines Lebens verloren hat.

Im Garten ist es ungewöhnlich still. Die roten Schnüre an den Ästen sind dunkel geworden. Die Früchte fallen nicht mehr, doch einige schwere, fast schwarze Äpfel halten sich kaum noch an den Zweigen.

Lissa steht unter einem Baum ohne Früchte.

„Ich wusste, dass du kommst“, sagt sie.

„Vestra hat es mir gesagt.“

„Dann wusste sie es also auch.“

Elian bleibt neben ihr stehen, aber nicht zu nah.

Sie bemerkt es.

„Danke.“

„Wofür?“

„Dass du nicht jedes Mal nach meiner Hand greifst, wenn die Welt beängstigend wird.“

Elian begreift, wie oft er früher nach ihrer Hand gegriffen hat, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Lissa blickt zu den schwarzen Äpfeln.

„Mein ganzes Leben lang war ich das Argument eines anderen. Savern hat mich durch einen Eid gebunden, um dich zu beherrschen. Vater hat die rechtmäßige Tochter gegen den nicht anerkannten Sohn ausgespielt. Der Thron droht, mich auszulöschen, um dich gefügiger zu machen. Sogar du …“

Sie spricht den Satz nicht zu Ende.

Elian bittet sie nicht darum.

„Sogar ich“, sagt er.

Lissa nickt.

„Du liebst mich. Ich weiß. Aber manchmal fühlt sich deine Liebe an wie ein Prozess, zu dem man mich nicht geladen hat.“

Elian schweigt.

Lissa dreht sich zu ihm um.

„Wenn mein Name so wichtig ist, lösch ihn aus.“

„Nein.“

Zu schnell.

Sie verzieht freudlos den Mund.

„Siehst du. Du hast nicht einmal gefragt, warum.“

Elian zwingt sich, Luft zu holen.

„Warum?“

„Weil ich die Rückseite des Throns gesehen habe. Ich habe den Namen jener Lissa gesehen, die ich nicht gewesen bin. Ich habe einen Traum gesehen, in dem ich dich habe hinrichten lassen, und einen, in dem du in der Asche meiner Familie gestanden hast. Ich weiß nicht, welche von uns die wirkliche ist. Aber jede Version von Lissa wird zu einer Bedrohung für dich. Lösch mich aus und entscheide dich für die anderen.“

Am anderen Ende des Gartens erscheint Shani und bleibt stehen, weil sie nicht näher zu kommen wagt. Hinter ihr steht Miran, noch weiter entfernt Tavel mit dem leeren Buch. Sie können die Worte nicht hören, stehen aber reglos da, wie man angesichts fremden Leids dasteht.

Das System meldet:

„Lissa Vern bietet freiwillig ihren Namen an. Wird das Angebot angenommen, geht der Name verloren und die Stabilität der Welt wird teilweise wiederhergestellt.“

Elian schließt die Augen.

Lissa bietet dieses Opfer selbst an. Tavel könnte es als freie Entscheidung bezeichnen, Vestra als vorteilhaftes Geschäft und Savern als die einzig vernünftige Lösung.

Elian öffnet die Augen.

„Ich werde dich nicht verbrauchen.“

Lissa presst die Lippen zusammen.

„Dann entscheidest du wieder für mich.“

„Nein.“

Er hebt eine Hand. Seit dem Entwurf der Schuld bewegen sich seine Finger schwerfälliger, morgens schmerzen die Gelenke, und manchmal klingt seine Stimme älter als sein Gesicht.

„Du bittest um eine Entscheidung, die du nicht mehr rückgängig machen kannst. Ich gebe deinen Namen nicht her, solange der Thron dich bedroht. Zuerst bezahle ich für dein Recht, dich frei von seinem Druck zu entscheiden.“

Das System schweigt.

Elian tritt an den Baum und legt die Handfläche auf die warme rote Schnur.

Die Stabilität ist so tief gesunken, dass die Gesetze verschiedener Entwürfe gleichzeitig zu wirken beginnen. Sie befinden sich im Entwurf der Erinnerung, aber Elian kann sich noch immer auf die unbezahlte Schuld der vorherigen Welt berufen.

„Schuld des Entwurfs der Schuld. Rest: zehn Jahre. Auf die Entscheidung Lissa Verns übertragen.“

„Das geht nicht!“, schreit Tavel, doch das System hat die Formel bereits angenommen.

Die rote Schnur flammt auf.

Elian spürt, wie sein Körper innerhalb weniger Augenblicke noch stärker altert. Er fällt auf ein Knie. Die Erde riecht nach nasser Rinde und Eisen. Lissa ruft ihn beim Namen, doch er kann nicht antworten.

Das System meldet:

„Vorgeschriebener Ausgang missachtet.“

Lissa steht unversehrt vor ihm. Man hat sie weder ausgelöscht noch gegen ihren Willen gerettet. Ihr Name ist erhalten geblieben, doch der schwarze Faden des Leeren Throns führt noch immer zu ihrer Kehle.

Elian hat den Druck von ihrer Entscheidung genommen, ihren Körper aber nicht vor dem Korrektor geschützt.

Nim Arg erscheint bei dem Baum ohne Früchte.

„Vorgeschriebener Ausgang missachtet“, sagt er. „Lissas Körper bleibt mein Ziel.“

Miran greift als Erste an. Shani ruft Lissas Namen. Tavel öffnet das leere Buch. Alles geschieht gleichzeitig.

Lissa sieht nur Elian an.

„Jetzt“, sagt sie, „glaube ich, dass du mir zuhörst.“

Der schwarze Faden zieht sich zu.

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