Lissa schreit nicht vor Schmerz.
Mit Schmerz könnte Elian etwas anfangen. Er wäre ein Zeichen dafür, dass Lissa noch lebt und ihr Körper nicht aufgibt. Doch aus dem Garten dringt der Schrei eines Menschen, vor dessen Augen die Welt einen Ersatz für ihn erschafft.
Nim Arg steht mit Elians Gesicht vor Savern und Vestra. Zu ebenmäßig. Zu makellos. Diesem Gesicht fehlt die Narbe, die Elian zehn Lebensjahre gekostet hat. Ihm fehlt die Erschöpfung all der Tode, die in der Erinnerung geblieben sind, selbst wenn der Körper bei Tagesanbruch zurückkehrt. Ihm fehlt die Gewohnheit, mit den Augen erst Lissa und dann die Tür zu suchen.
Genau deshalb ist es so beängstigend.
Es zeigt, was aus Elian hätte werden können, wenn er eines Tages ein makelloses Ergebnis den Menschen vorgezogen hätte, die dafür bezahlen müssen.
Hinter der Mauer wird der Garten von grauem Licht erhellt.
Das graue Licht stammt nicht von einem Feuer. Asche steigt aus dem Boden, als wäre unter den Steinplatten ein alter Brand wieder aufgeflammt. Die Platten bersten, das Gras wird ohne Rauch schwarz, und die Rosen zerfallen zu trockenem Staub, noch bevor sie die Wege berühren.
Elian läuft in den Garten hinaus.
Lissa steht an dem alten Apfelbaum. In einem anderen Entwurf hat ein Apfel, der von ihm gefallen ist, Lebensjahre geraubt. Jetzt fallen die Früchte nicht. Sie hängen wie geschlossene Augen als schwarze Kugeln an den Ästen. Neben Lissa zittert Shani und klammert sich mit beiden Händen an den Ärmel ihrer Herrin, während Miran sich schützend vor die beiden stellt, als erwarte sie einen unsichtbaren Schlag.
Lissas Körper flimmert.
Eine Lissa hält sich am Stamm fest. Eine andere liegt bereits mit Asche auf den Lippen zwischen den Wurzeln. Eine dritte steht mit kreidebleichem Gesicht vor Elian und sieht ihn nicht wie einen Bruder an, sondern wie einen Mörder.
Das System meldet knapp und ohne Mitleid:
„Stabilität unter dem Schwellenwert. Entwurf der Asche geöffnet.“
Elian macht einen Schritt, und der Garten verschwindet.
Er findet sich in dem Korridor hinter dem Thronsaal wieder. Lissa liegt vor der Tür, hinter der man sie nicht rechtzeitig verstecken konnte. Er stürzt zu ihr, doch die Tür fällt zu, und auf den Flügeln erscheinen die Worte: Erbe nicht anerkannt.
Tod.
Er steht wieder im Garten.
Er zieht Lissa zum Dienstbotentor. Diesmal schafft Shani es, das Schloss zu öffnen. Sie laufen hinaus auf den Küchenhof, wo es noch nach nasser Asche und saurem Teig riecht. Lissa lächelt beinahe, als sie den Ort aus ihrer Kindheit erkennt.
Dann tritt Nim mit Elians Gesicht aus dem Nichts und legt ihr zwei Finger an die Stirn.
Tod.
Elian erwacht im selben Garten, bereits auf den Knien. Er hat den Geschmack von Asche im Mund.
Beim dritten Mal führt Miran Lissa durch die Waffenkammer. Beim vierten versteckt Tavel sie im Archiv zwischen leeren Regalen. Beim fünften öffnet Vestra einen Geheimgang, für den sie früher verlangt hätte, dass Elian ihre Macht anerkennt. Beim sechsten stellt Savern sich selbst vor Lissa: Endlich hat er begriffen, dass der Leere Thron Ordnung und Hunger nicht mehr auseinanderhalten kann.
Jeder Versuch endet gleich.
Nicht jedes Mal stirbt Lissa selbst. Manchmal geschieht etwas Schlimmeres.
In einer Zukunft überlebt Lissa, vergisst jedoch ihren Namen und folgt Nim, weil sie ihn für ihren älteren Bruder hält. In einer anderen erinnert sie sich an Elian und bittet ihn selbst, sie zu töten: Solange sie atmet, verschwinden nacheinander Shani, Miran und die Hälfte der Palastbediensteten. In einer dritten wird sie zur Königin eines leeren Saals. Alle nennen sie die Gerettete, doch niemand wagt es, ihr in die Augen zu sehen.
Der Tod lässt ihn nicht mehr von vorn beginnen. Er zeigt Elian nur eine weitere Zukunft, die noch schlimmer ist als die vorherige.
Er kommt vor dem Apfelbaum auf den Knien zu sich und steht zum ersten Mal nicht sofort auf. Shani weint stumm. Miran hält noch immer ihr Schwert, erwartet aber keinen Sieg mehr. Lissa bittet ihn nicht länger, sie um jeden Preis zu retten.
„Bezahl nicht mit mir“, sagt sie.
Diese Worte hat er schon einmal in einem anderen Saal gehört. Damals hat er auf seine Schwester gehört, zehn Lebensjahre hergegeben und ihren Namen bewahrt.
Das System wartet.
Vor Elians Augen erscheint ein einziger Satz, als wäre er in die Luft gebrannt:
„Um Lissa Verns Leben zu bewahren, muss ihr Name hergegeben werden.“
Er flüstert:
„Nein.“
Die Asche steigt höher. Shanis Arm wird bis zum Ellbogen durchsichtig, als würde die Welt sie aus der Erinnerung anderer tilgen. Miran flucht und schlägt mit dem Schwert ins Leere. Die Klinge fährt durch Nim hindurch. Er steht auf der anderen Seite des Gartens, und Elians Gesicht bleibt an ihm makellos.
„Eine makellose Welt bittet nicht um Erlaubnis“, sagt Nim. „Sie zählt nur, wie viele Menschen hergegeben werden müssen.“
Lissa tritt auf Elian zu.
„Ich will nicht der Grund sein, aus dem sie sterben.“
„Und ich will dich nicht wieder retten, als könntest du nicht selbst entscheiden.“
Sie lächelt müde.
„Dann such nicht nach einer makellosen Lösung.“
Elian hebt den Kopf.
„Und was soll ich tun?“
„Entscheide nicht wie ein Erbe und auch nicht wie dieses System von euch. Entscheide wie ein Bruder. Danach kannst du dich meinetwegen hassen, aber jetzt wähl die, die noch leben.“
Lissa hat recht: Eine makellose Lösung gibt es nicht.
Elian nimmt Lissas Hand. Ihre Finger gleiten bereits durch seine Handfläche hindurch.
„Lissa Vern“, sagt er so laut, dass Shani, Miran, Vestra, Savern, Tavel und sogar Orm im geschlossenen Entwurf der Wahrheit ihn hören können. „Du bist weder eine Bezahlung noch ein Schlüssel. Du bist meine Schwester. Und ich hasse, was ich jetzt tun muss.“
Das System meldet:
„Lissa Verns Name wurde verbraucht.“
Es gibt keine Explosion. Der Garten scheint auszuatmen.
Die Asche legt sich wie Schnee auf den Boden. Aus den schwarzen Äpfeln brechen weiße Blüten hervor. Lissas Körper wird fest und warm.
Sie hat überlebt.
Der rote Faden des Bluteids verschwindet von ihrer Kehle. Der Eid war an Lissas Namen gebunden und ist mit ihm verschwunden. Savern kann sie nicht länger durch das Gesetz des Blutes festhalten – doch Lissa selbst erinnert sich auch nicht daran, wer versucht hat, sie zu befreien.
Sie sieht Elian wie einen Fremden an.
Sie erinnert sich an ein anderes Haus, einen anderen Brand und eine Familie, die es in dieser Welt nie gegeben hat. Mitten im Feuer steht Elian Vern, das Schwert in der Hand und das Gesicht eines Mörders.
Lissa weicht vor ihm zurück.
„Komm nicht näher.“
Elian bleibt stehen.
Das System verkündet die letzte Zeile:
„Eine vollständige Bereinigung der Welt ist unmöglich. Der letzte Entwurf wird über alle vorherigen gelegt.“
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