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ERBE DES ENTWURFS

Kapitel 20. Der Rat aller Versionen

Der Saal des Leeren Throns kehrt nicht sofort zurück.

Zuerst verschwindet der Platz der wunderschönen Welt. Dann bekommt der Thron des unversehrten Elian Risse. Danach legen sich die beiden Lissas, die sich erinnernde und die letzte, übereinander wie zwei durchsichtige Seiten, auf denen derselbe Name mit verschiedener Tinte geschrieben steht.

Elian steht mitten in einem Saal, der nicht mehr zu einem einzigen Entwurf gehört.

Hier bestehen mehrere Bluträte gleichzeitig.

Auf einer Stufe liegt das Blut der ersten Hinrichtung. Auf einer anderen stehen die Fürsten, die noch nicht abgestimmt haben. In der Wand öffnet sich der Garten des Entwurfs der Asche. Unter der Decke zeichnen sich die Archivregale des Entwurfs der Erinnerung ab. In der Lehne des Throns erscheinen flache Kerben – die ersten Spuren künftiger Namen.

Der Prozess beginnt weder mit einem Trompetenstoß noch mit einer Verkündung.

Er beginnt damit, dass Shani Venn sich schützend vor Lissa stellt.

Die Dienerin steht vor der Prinzessin, als könnte sie allein den gesamten Rat aufhalten. Ihre Hände und Knie zittern, aber sie weicht nicht zurück. Der Leere Thron kann nicht länger so tun, als stünde kein lebender Mensch vor ihm.

Miran Kest tritt als Nächste ein.

Es gibt keinen Eintrag über ihren Militärdienst. In einer der übereinanderliegenden Welten existiert sie überhaupt nicht. Doch Miran erinnert sich an jede Tür, die sie bewacht hat, an jeden Tod, nach dem Elian ein wenig verändert wieder aufgestanden ist, und an jeden Morgen, an dem sie ihn verstanden hat, noch bevor er etwas sagen konnte.

Sie nimmt ihren Platz nicht als Kriegerin aus irgendeiner Liste ein, sondern als lebende Zeugin, die in keiner Liste Platz gefunden hat.

Tavel Rin bringt ein leeres Buch. Er hebt es weder über den Kopf noch hält er eine feierliche Rede, sondern legt es einfach am Fuß des Throns ab. Die Seiten regen sich, und auf jeder zeichnet sich ein Platz für einen vergessenen Namen ab.

Er sieht Miran an und sagt leise:

„Jetzt ist klar, wie die sechs Entwürfe entstanden sind. Nach dem alten Zerfall gab es fünf Versuche, die Welt neu zusammenzusetzen. Die sechste Welt hat sich zur einzig wahren erklärt. Miran Kest ist bereits in zwei von ihnen verschwunden, bevor wir überhaupt gelernt haben, solche Verluste zu bemerken.“

Vestra Lo tritt aus dem Teil des Saals, in dem Saverns Vertrag noch immer gilt. In den Händen hält sie verkohlte Papierfetzen. Auf jedem steht statt einer Unterschrift ein Name, den sie früher zu ihrem eigenen Vorteil übersehen hat.

Sie wirft die Fetzen neben das Buch.

„Meine Anerkennung wird nicht länger stückweise verkauft.“

Savern Ort steht am Thron.

Seine Versionen legen sich übereinander: der Regent mit der Karte des alten Zerfalls; der Herrscher, der Mitleid für gefährlicher als Grausamkeit gehalten hat; der Berater der wunderschönen Welt; der Feind, der bereits verstanden hat, dass Ordnung ohne Erinnerung nur eine andere Form des Hungers ist.

Er sieht Elian nicht hasserfüllt an.

In seinem Blick liegt nur Müdigkeit. Endlich sieht Savern die Menschen, mit deren Leben er für seine Ordnung bezahlt hat.

Neben dem Thron steht Nim, noch immer mit Elians Gesicht.

In diesem Moment öffnet sich die Tür zum Wahrheitsentwurf.

Orm Hal tritt nicht als auferstandener Toter hindurch. Vor ihnen steht der Orm aus jener Version der Welt, in der die Formel sich noch nicht geschlossen und die Schuld ihn noch nicht aus dem Garten geholt hat.

Sein Schwert ist unversehrt.

Er sieht Elian und nickt knapp. Für den Henker zählt nicht der Fürstentitel, sondern der genaue Wortlaut der Anklage.

„Liegt der Hinrichtungsbefehl vor?“

Nim antwortet mit der Stimme des unversehrten Elian:

„Die Welt hat ihr Urteil bereits gefällt.“

Orm sieht ihn an.

„So lautet kein Urteil.“

Der Saal erbebt.

Orm wendet sich Savern zu.

„Ist die Anklage benannt worden?“

Savern schweigt.

Vestra sagt:

„Die Anklage wurde jedes Mal geändert, wenn man ein anderes Urteil brauchte.“

Orm nickt.

„Ist ein Zeuge der Verteidigung anerkannt?“

Miran tritt vor.

„Miran Kest. Es gibt keine Aufzeichnungen über mich, aber ich erinnere mich an alles, was ich gesehen habe.“

„Ein zweiter Zeuge?“

Shani presst die Lippen zusammen.

„Shani Venn. Man hat mich nicht in den Rat gerufen, aber ich erinnere mich daran, was mit meiner Herrin geschehen ist.“

„Ein dritter?“

Tavel legt die Hand auf das leere Buch.

„Tavel Rin. Hüter der Leerstellen.“

Orm hebt sein Schwert nicht gegen einen Menschen, sondern gegen die Formel, die über dem Thron schwebt.

„Eine Hinrichtung ohne anerkannte Formel ist ungültig.“

Zum ersten Mal zuckt Nim zusammen, als hätte ihn tatsächlich jemand getroffen.

Der Thron versucht sofort, das zu korrigieren.

Über Orm flammt eine andere Zeile auf: Henker im Schuldentwurf verloren, Zeugenaussage nicht verfügbar. Die Formel versucht, ihm die Stimme zu nehmen, indem sie sich auf seinen bereits eingetretenen Tod beruft.

Orm sieht nicht einmal zu der Zeile auf.

„Der Tod macht eine Aussage, die ein Mensch bereits abgegeben hat, nicht ungültig“, sagt er. „Aber von einem Toten kann man keine neuen Aussagen verlangen.“

Savern presst die Kiefer zusammen.

Vestra hebt einen der verkohlten Fetzen auf.

„Ich gebe zu, dass ich mit meinem Wort gehandelt habe. Das war schmutzig, aber wenigstens habe ich selbst den Preis festgelegt. Den Preis dieser makellosen Welt dagegen hat man so tief verborgen, dass niemand ihn anfechten kann.“

Für den Leeren Thron war es leichter, den Preis im Schweigen anderer zu verbergen. Der verkohlte Vertrag macht ihn sichtbar. Und die Zeugen verhindern, dass die Anklage verstummt, bevor der Name ausgesprochen wird.

Elian tritt in die Mitte des Saals. Er verliest keine lange Liste: Er nennt nur diejenigen, die neben ihm stehen und antworten können.

„Shani Venn“, sagt er, und Lissa legt ihr eine Hand auf die Schulter.

„Miran Kest“, sagt er, und die Spur des Nordens auf dem Boden hört auf zu verschwimmen.

„Tavel Rin“, sagt er, und das leere Buch öffnet sich von selbst.

„Vestra Lo“, sagt er, und der verkohlte Vertrag in ihrer Hand verblasst nicht länger.

„Orm Hal“, sagt er, und Orm senkt das Schwert und richtet seine Spitze auf die Formel über dem Thron.

Dann sieht er Savern an.

„Savern Ort.“

Der Regent zuckt zusammen. Er hat mit einer Anschuldigung gerechnet, doch Elian nennt ihn nur beim Namen und erlaubt dem Thron nicht, selbst einen Feind auszulöschen.

Elian wiederholt die Regel, die er am schrecklichsten Tag seines Lebens begriffen hat:

„Solange der Name eines Menschen von jemandem ausgesprochen wird, der sich an ihn erinnert, kann der Leere Thron ihn nicht als Namenlosen auslöschen.“

Der Saal antwortet mit einem Knirschen.

Der Thron braucht keine Namen, sondern Lücken. Er braucht Menschen, die ohne Zeugen verschwinden, damit die Welt danach ebenmäßig und richtig wirkt.

Savern senkt langsam den Dolch.

„Ich habe die Welt gerettet“, sagt er.

Elian widerspricht nicht, und Savern spricht von selbst weiter:

„Ich habe eine Welt gerettet, in der niemand das Recht hatte, sich an den Preis zu erinnern.“

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