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DIE BRAUT DER LETZTEN QUELLE

Kapitel 7. Aminas Lied

Íñigo setzt sich auf die Steinbank. Das Eisen an seinem rechten Handgelenk hat sich bereits in die Haut gefressen. Nach der kurzen Anhörung hat Yusuf erlaubt, die Kette von seinen Füßen zu nehmen, den Eisenring am Handgelenk aber belassen. Íñigo kann gehen, doch das Eisen erinnert ihn ständig daran, dass er ein Gefangener ist.

Suleicha stellt eine Schale und ein sauberes Tuch neben ihn.

„Wenn du zuckst, geht die Wunde wieder auf.“

„Wenn ich nicht zucke, glaubst du noch, es tut mir nicht weh.“

„So dumm bin ich nicht.“

„Das habe ich schon von Leuten mit Messern gehört.“

Sie hebt den Blick.

„Ich habe kein Messer.“

Diesmal liegt tatsächlich kein Messer neben der Schale. Íñigo sieht auf die Schale, dann auf Suleicha. Beide schweigen.

Nura bringt einen kleinen Bronzeschlüssel, dünn, fast flach, mit einem Griff in Form einer Fischgräte. Er ähnelt Yusufs Schlüsseln nicht.

„Hier“, sagt sie zu Suleicha.

„Was ist das?“

„Der Frauenschlüssel des Hammams.“

„Für welche Tür?“

„Für die, die Männer nicht in ihre Karten einzeichnen.“

Íñigo hebt den Blick.

Nura zeigt ihm den Schlüssel und lässt ihn sofort in ihrem Ärmel verschwinden.

„Freu dich nicht zu früh. Feinde dürfen dort nicht hinein.“

„Und Gefangene unter einem Wasservertrag?“

„Denen nimmt man erst das Eisen ab und prüft, ob sie auch ohne drohende Ketten die Wahrheit sagen.“

Suleicha macht sich am Schloss an Íñigos Handgelenk zu schaffen. Den Schlüssel hat noch die Wache, doch Nura hat eine dünne Haarnadel und ein Stück Weißblech mitgebracht. Die Badefrauen verstehen sich darauf, Schlösser zu öffnen: Oft kommen Frauen ins Hammam, die Spuren von Schlägen tragen oder viel zu enge Armreifen, die ihre Männer ihnen angelegt haben.

Das Metall gibt nicht sofort nach. Íñigo beißt die Zähne zusammen. Als sich der Ring endlich öffnet, kommt darunter wund gescheuerte, blutige Haut zum Vorschein. Die alte Brandwunde ist wieder rot.

Suleicha wäscht die Wunde aus.

Íñigo hält es aus.

Doch als ihre Hand versehentlich weiter nach oben, zu seinem linken Schlüsselbein, gleitet, fährt er heftig zurück.

Der Verband an seinen Rippen spannt sich. Er wird blass.

„Nicht dort“, sagt er.

Suleicha zieht die Hand zurück.

„Ich fasse dich nicht an.“

„Ich weiß.“

„Warum hast du dann Angst?“

Er schließt die Augen.

Unter seinem linken Schlüsselbein, dicht am Rand des Hemdes, ist eine schmale alte Narbe zu sehen. Keine Kampfwunde: Sie ist zu gleichmäßig, als stamme sie von einem schmalen glühenden Eisen.

Íñigo schweigt so lange, dass selbst Nura aufhört, mit den Tüchern zu rascheln.

Dann singt er leise, fast ohne Stimme, einen Abzählreim für Kinder:

„Schneewasser liebt keine stolze Hand. Der niedrige Stein hört zuerst. Halte drei Atemzüge lang, beim vierten lass los.“

Nura erstarrt.

Obwohl ringsum Dampf wallt, läuft Suleicha ein Schauer über den Rücken.

„Woher kennst du das?“, fragt Nura.

Íñigo öffnet die Augen.

„Meine Mutter hat es gesungen.“

„Wie hieß deine Mutter?“

„Amina.“

Nuras Beine geben nach, und sie setzt sich auf den Rand der Steinbank.

„Amina aus dem Geschlecht der Wassermeister? Die kleine Amina, die man nach dem alten Friedensschluss am Westtor als Geisel fortgebracht hat?“

Íñigo sieht sie an und versteht nicht, woher Nura seine Mutter kennt.

Suleicha versteht es.

Den Kindern der Wassermeister singt man keine beliebigen Lieder über Wasser vor. In solchen Versen prägen sie sich Abläufe, Verbote und die Lage geheimer Sperren ein. Der Feind kann ein Kind verschleppen, ohne je zu ahnen, dass es den halben Weg zur Quelle kennt.

„Noch einmal“, sagt Suleicha.

Íñigo sieht sie an.

„Wozu?“

„Weil das kein Wiegenlied ist.“

Er wiederholt es.

Bei der zweiten Zeile schlägt Nura die Hand vor den Mund.

„Der niedrige Stein hört zuerst“, flüstert sie. „So hat man die äußere Sperre bezeichnet. Man konnte sie nicht von oben öffnen.“

Íñigo steht zu schnell auf und verzieht vor Schmerz in den Rippen das Gesicht.

„Was bedeutet äußere Sperre?“

Suleicha antwortet nicht sofort.

Wenn Amina das Lied der Wassermeister gekannt hat, kann Gonzalo jahrelang nach dem Geheimnis gesucht haben, das sie ihrem Sohn wie ein gewöhnliches Wiegenlied weitergegeben hat. Und wenn er inzwischen den Sinn des Liedes verstanden hat, verlangt er Íñigos Rückgabe nicht um der Ehre eines Vaters willen, sondern wegen des Schlüssels zu einem Wassergang.

Nura legt Suleicha den Frauenschlüssel des Hammams in die Hand.

„Bewahr ihn gut auf. Jetzt brauchen wir ihn nicht mehr für eine Tür.“

„Wofür dann?“

„Damit die Männer uns nicht vor dem Wasser finden.“

Bevor die Wachen kommen, schnappt Nura den Eisenring wieder um Íñigos Handgelenk zu. Den Riegelzahn hat sie bereits aus dem Schloss entfernt, doch von außen kann das niemand erkennen.

Vor der Tür schlägt eine Wache mit dem Schaft dagegen.

„Die Zeit ist um.“

Íñigo sieht zur geschlossenen Tür, dann zu Suleicha.

„Wenn meine Mutter euren Gang gekannt hat, könnte auch mein Vater einen Teil davon kennen.“

„Die Karten“, sagt Suleicha.

„Nein“, antwortet er. „Mein Vater gibt sich nicht mit halben Dingen zufrieden. Wenn er die Karten schon hat, sucht er nach dem Lied.“

Zum ersten Mal seit Beginn des Wasservertrags fürchtet Suleicha nicht Íñigos Lüge, sondern die Wahrheit, deren Bedeutung er selbst gerade erst erkannt hat.

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