Die kastilischen Gesandten kommen am Abend desselben Tages mit sauberen Stiefeln.
Das ist die erste Beleidigung.
Nach einem Regen kann niemand vom Graben herkommen, ohne seine Stiefel schmutzig zu machen. Also hat man für die Gesandten entweder schon vorher Bretter auf den Weg gelegt oder ihnen vor dem Einlass die Schuhe gereinigt. Die Sauberkeit soll auffallen.
Der nächtliche Regen ist schnell vorübergezogen. Er hat den Staub von den Ziegeln gewaschen, Abfall in den Rinnsteinen aufgewühlt und in den Höfen Pfützen hinterlassen, aus denen nicht einmal eine Ziege trinken würde. Solches Wasser stillt den Durst nicht.
Yusuf empfängt sie nicht am Löwenbrunnen, sondern in einem offenen Hof, wo jeder ihre Gesichter sehen kann. Es kommt ihm gelegen, wenn möglichst viele Menschen das Angebot der Kastilier hören.
Suleicha kommt mit dem kleinen Siegel an einer Schnur. Nura steht hinter ihr. Rafik hält sich dicht an der Mauer, geht aber nicht fort. Elias hat seine Arzttasche mitgebracht, obwohl niemand ihn gerufen hat.
Íñigo wird ohne Eisenring am Handgelenk hereingeführt.
Die abgenommenen Ketten sollen Yusufs Gnade zeigen, in Wahrheit aber wird Íñigo den Gesandten als Köder vorgeführt.
Der erste Gesandte ist hager und hat das Gesicht eines Schreibers. Der zweite hält ein Stück Holz in den Händen. Der dritte führt zwei Männer in groben Mänteln mit sich. Der eine ist Fuhrmann, der andere hat, seinen Händen nach zu urteilen, sein Leben lang Erde ausgehoben.
Yusuf beginnt mit sanfter Stimme:
„Gonzalo de Mena erneuert sein Gnadenangebot. Sein Sohn kehrt ins Lager zurück. Dafür wird ein Wasserlauf drei Tage lang geöffnet. Lehnt die Stadt ab, gilt das Wasser aus dem Norden als auf Granadas eigenen Wunsch gesperrt.“
Die Menge schweigt. Nach den Schreien am Darro sind drei Tage Wasser den Menschen mehr wert als Gold.
Suleicha betrachtet das Stück Holz in den Händen des zweiten Gesandten.
Ein gesprungener Pfahl.
Auch Íñigo sieht den Pfahl und spannt sich am ganzen Körper an.
Der Gesandte mit dem Schreibergesicht sagt:
„Gestern hat der Gefangene behauptet, der Gnadenbach führe durch eine Grube mit einem verendeten Maultier, das man mit Kalk zugeschüttet hat. Seine Aussage wurde überprüft.“
Er nimmt den Pfahl und hebt ihn über den Kopf.
„Das ist der mittlere Pfahl. Genau der, von dem er gesprochen hat. Der Riss stimmt überein.“
Ein Flüstern geht durch den Hof. Der gefundene Pfahl bestätigt Íñigos Worte.
Der Gesandte wartet, bis das Flüstern verstummt.
„Doch die Grube ist gesäubert worden. Das Maultier wurde samt der Erde entfernt und der alte Kalk durch frischen ersetzt. Das Wasser wird durch einen sauberen Graben fließen. Vor euch stehen zwei Männer, die dort gearbeitet haben.“
Der Fuhrmann bekreuzigt sich. Der Grabenarbeiter hebt die rechte Hand.
„Hast du dich geirrt?“, fragt Yusuf Íñigo.
Mit Ja zu antworten hieße einzugestehen, dass er gestern aus Angst gelogen hat.
Mit Nein zu antworten hieße, die Männer der Lüge zu bezichtigen, die genau diesen Pfahl vorgelegt haben.
Íñigo sagt: „Sie haben den Graben in der Nacht gesäubert.“
Der Gesandte verbeugt sich.
„In der Nacht hat es geregnet. Der Graben wurde bewacht. Unsere Männer sind bereit, es zu beschwören.“
Suleicha hört nicht auf die Männer. Sie hört auf den Holzpfahl.
Aus dem Riss ragt ein frischer heller Span. Weiter unten, am alten Loch, ist ein schmaler dunkler Streifen zu sehen. Kein Schmutz und kein Blut, sondern fettiges Schmiermittel, mit dem man das Holz vor dem Wasser schützt.
Gonzalo hat den Graben gesäubert, aber den von Íñigo bezeichneten Pfahl aufbewahrt. Nun benutzt er ihn, um alles andere, was sein Sohn gesagt hat, als Lüge hinzustellen.
„Wenn der Graben sauber ist, warum habt ihr dann den Pfahl mitgebracht und nicht das Wasser?“, fragt sie.
Der Gesandte lächelt.
„Weil das Wasser nach dem Austausch kommt.“
„Ihr verlangt also von der Stadt, einem trockenen Stück Holz zu glauben, dass sauberes Wasser durch diesen Graben fließen wird.“
Aus der Menge kommt ein zustimmender Ruf.
Yusuf fällt ihr sofort ins Wort: „Und du verlangst von der Stadt, wegen des Wortes eines Gefangenen auf drei Tage Wasser zu verzichten, obwohl er selbst diesen Graben für den Feind berechnet hat.“
Ein Teil der Menschen dreht sich zu Íñigo um.
Íñigo sagt leise zu ihr, ohne die Lippen dabei merklich zu bewegen:
„Ich habe nicht gelogen.“
„Ich weiß.“
Íñigo sieht sie erstaunt an.
„Aber die Stadt weiß es nicht“, sagt Suleicha.
Yusuf hört es.
„Dann sei klüger als die anderen. Gib den Gefangenen heraus und nimm das Wasser. Wenn es schlecht ist, schließen wir den Wasserlauf.“
Elias tritt vor.
„Wenn das Wasser schlecht ist, schließt man nicht mehr den Wasserlauf, sondern den Kindern die Augen.“
Der Gesandte verzieht das Gesicht.
„Ärzte lieben schreckliche Worte.“
„Wir erleben nur, wie sie wahr werden.“
Yusuf hebt eine Hand und beendet den Streit.
„Tochter Khalids, du hast das kleine Siegel. Du kannst Gonzalos Wasserlauf prüfen und der Stadt Wasser geben. Oder du lässt ihn geschlossen und haftest für den Durst.“
Das Kupfersiegel hängt schwer an der Schnur auf Suleichas Brust.
Sie kann nicht beweisen, dass das Wasser vergiftet ist.
Sie kann nicht beweisen, dass der Graben ausgerechnet in dieser Nacht gesäubert worden ist.
Ohne Wasser in einer Schale kann sie die Gesandten nicht der Lüge bezichtigen.
Doch sie sieht, wie gründlich der Feind diesen Graben auf die Prüfung vorbereitet hat.
„Ich liefere keinen Menschen aus, nur weil sein Vater rechtzeitig alle Spuren vernichtet hat“, sagt sie.
Das Flüstern wird lauter.
Plötzlich ruft Rafik:
„Und wenn sie in der Nacht wieder ein totes Tier hineinwerfen?“
Eine Wache stürzt auf ihn zu, aber Nura ist schneller. Sie stellt sich schützend vor den Jungen.
Yusuf lächelt nicht.
„Du entscheidest dich für den Gefangenen.“
„Ich entscheide mich dagegen, aus dem Versprechen eines Fremden zu trinken, ehe ich den Gang selbst gehört habe.“
Der Gesandte wickelt den gesprungenen Pfahl in ein Tuch.
„Dann wird das königliche Lager von deiner Weigerung erfahren.“
Íñigo sieht dem Gesandten nach, der den Pfahl fortträgt. Gerettet wirkt er nicht: Sein Vater hat ihn erneut vor allen dazu gezwungen, zu beweisen, dass er nicht lügt.
In der Nacht fließt das Wasser von selbst aus der unteren Zisterne ab.
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