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DIE BRAUT DER LETZTEN QUELLE

Kapitel 10. Die nördliche Acequia

Bei Tagesanbruch verkündet Yusuf, der alte Abu Salim sei in der Dunkelheit gestürzt, als die Tauben die Laterne umgestoßen haben. Hätte er eingeräumt, dass es Mord war, hätten sich alle an die letzten Anschuldigungen des Alten erinnert.

Nach Abu Salims Tod zieht Yusuf die Wachen von Íñigo ab.

So drückt er es aus.

„Ein Gefangener unter einem Wasservertrag soll nicht wie ein Verbrecher aussehen, solange Khalids Tochter die Sache untersucht.“

Als Nura das hört, spuckt sie in die Kupferschale für Schmutzwasser.

„Wenn Yusuf dir Freiheit gibt, zähl die Türen.“

Suleicha zählt.

Zwei Wachen haben ihren Posten am Hammam verlassen. Eine davon ist an der hinteren Ecke geblieben, zu weit entfernt, um einzugreifen, aber nah genug, um alles zu sehen. Am unteren Garten steht ein Junge Yusufs mit einem Krug. Besonders beunruhigt Suleicha das leere Dach, auf dem sonst die Tauben sitzen.

Íñigo kommt allein.

Ohne das Eisen an der Hand wirkt er nicht freier, sondern entblößter. Die Brandwunde an seinem Handgelenk liegt offen. Die Markierung für die Wasserwende glüht rot auf seiner Haut wie die Spur der Hand seines Vaters.

„Das ist eine Falle“, sagt er.

„Ja.“

„Und wir gehen trotzdem?“

„Wenn wir nicht gehen, wird Yusuf behaupten, das Wasser sei unter meinem Siegel abgeleitet worden. Wenn wir gehen, erfährt er den Weg.“

„Warum dann überhaupt?“

Suleicha sieht Nura an.

Sie holt den Frauenschlüssel des Hammams hervor.

„Weil er den falschen Gang kennenlernen wird.“

Die Frauentür verbirgt sich hinter einer warmen Wand, an der sich der Dampf länger hält als im Hauptbad. Gewöhnlich lagern dort Öle, alte Stoffe, Kräuter für Gebärende, Essig und gesprungene Kupferschalen. Auf den Karten, die die Männer benutzen, ist hinter dieser Wand massiver Stein eingezeichnet.

Nura steckt den Schlüssel ins Schloss.

Das Schloss dreht sich ohne einen Laut.

Hinter der Tür liegt kein Korridor, sondern ein schmaler, feuchter Abstieg. Der Stein riecht nach Seife, Kalk und altem Eisen. Rafik schlüpft als Erster hinein, weil ein Erwachsener nur seitwärts hindurchkommt.

„Wenn ich sterbe, sagt, dass ich ein Zeuge war“, flüstert er.

Nura gibt ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.

„Wenn du stirbst, bringe ich dich selbst um.“

Rafik schnaubt, doch Nura lässt ihre Hand noch lange auf seiner Schulter liegen.

Sie steigen lange hinab. Zunächst hören sie durch die Wand Tropfen und die Stimmen der Frauen im Hammam. Je tiefer sie gelangen, desto stiller wird es. Schließlich bleibt nur ein schwacher Wind, kalt wie Schnee in den Bergen.

Íñigo bleibt an einer Biegung stehen.

„Hier ist kein Wasser.“

„Der Stein erinnert sich, wo das Wasser geflossen ist“, sagt Suleicha.

„Bei euch spricht sogar die Leere wie ein Meister.“

„Bei euch kommt sogar die Wahrheit als Falle.“

Er antwortet nicht.

Rafik, der vorausgeht, geht plötzlich in die Hocke.

„Eine Markierung.“

In eine von der Feuchtigkeit geschwärzte Holzstütze ist dasselbe Zeichen gebrannt wie auf Íñigos Handgelenk: ein Kreis, eine kurze Linie und seitlich eine Kerbe. Daneben leuchtet ein frischer Kratzer. Vor Kurzem hat jemand diese Stelle mit einem Messer geprüft.

Íñigo berührt sein Handgelenk.

„Im Graben war dieselbe Markierung.“

„Kannte dein Vater dieses Zeichen?“

„Er hat gesagt, Zeichen sind für Menschen, die Angst haben zu vergessen. Und dann hat er sie in Dinge gebrannt, an die er sich selbst erinnern wollte.“

„Und auf dir.“

Íñigo senkt die Hand.

„Ich war länger sein Besitz als sein Sohn.“

Nura, die vor ihnen geht, flüstert: „Leise.“

Hinter der Wand beginnt jemand mit kaum hörbarer Stimme zu sprechen:

„Dreht den oberen Zahn nicht.“

Suleicha hält den Atem an.

Rafik presst die Laterne an seine Brust.

Die Stimme wiederholt:

„Der obere Zahn führt zum Graben.“

Suleicha geht auf die Stimme zu. Nura versucht, sie zurückzuhalten, doch als sie begreift, wen Suleicha zu finden hofft, lässt sie los.

Hinter der Biegung liegt ein trockener Seitenarm der Acequia. Der Stein ist weiß vom Kalk. An der Wand hängt ein angebranntes Seil, ähnlich dem, das sie bei Abu Salim gefunden haben, doch hier sind mehr Knoten hineingeknüpft.

Sieben.

Dann drei.

Dann ein langer, schwarz verschmorter.

Hinter dem Gitter eines Horchgangs sitzt Khalid al-Mairi.

Er ist mager und grauhaarig. Suleicha hat dieses Gesicht oft im Traum gesehen und sich davor gefürchtet, es in Wirklichkeit zu sehen. Khalids Augen sind geöffnet, doch milchige Flecken bedecken die Pupillen: Er ist erblindet.

Suleicha bringt das Wort „Vater“ nicht heraus. Ein ganzes Jahr lang hat sie sich für seinen Tod die Schuld gegeben.

Khalid dreht den Kopf nach dem Geräusch ihres Atems.

„Suleicha?“

Da fällt sie auf die Knie.

Íñigo steht reglos hinter ihr. Nura schlägt eine Hand vor den Mund. Rafik weint stumm.

Khalid streckt seine Hand durch das Gitter, findet das Gesicht seiner Tochter aber nicht. Suleicha legt selbst die Wange an seine Finger.

Vorsichtig streicht er mit den Fingern über ihre Wange.

„Du bist groß geworden“, sagt er.

„Du lebst.“

„Auch Lebende kann man verstecken.“

Sie will tausend Dinge fragen. Warum er nicht nach ihr gerufen hat. Warum er nicht zurückgekommen ist. Warum er ihr den Namen eines Verräters hinterlassen hat. Warum er in jener Nacht allein gegangen ist. Warum sie das Tor geöffnet und ihm damit nicht bei der Rettung, sondern beim Verschwinden geholfen hat.

Doch Khalid hebt das Gesicht und lauscht auf das Wasser hinter den Wänden.

„Wer ist bei dir?“

„Nura. Rafik. Der Gefangene unter dem Wasservertrag.“

Íñigo tritt näher.

Khalid erstarrt.

„Sag irgendetwas“, bittet er.

Íñigo findet keine Antwort.

„Das Lied“, flüstert Suleicha.

Íñigo sagt leise:

„Schneewasser liebt keine stolze Hand.“

Khalid schließt seine blinden Augen.

„Amina“, sagt er.

Der Name hallt durch die trockene Acequia.

„Du hast sie gekannt?“, fragt Íñigo.

Khalid antwortet nicht sofort.

Irgendwo weit über ihnen fällt eine Tür ins Schloss.

Yusuf oder seine Leute könnten bereits die verlassenen Räume des Hammams durchsuchen.

Khalid drückt Suleichas Finger.

„Hört mir zu. Der unterirdische Weg ist nicht verschlossen: Man kann ihn von der anderen Seite öffnen. Doch wenn man den oberen Zahn dreht, stürzt das Wasser in den Graben und reißt alle fort, die sich unten befinden. Nicht nur die Truppen. Alle.“

Suleicha umfasst seine Hand fester.

„Wer hat die Acequia verschlossen?“

Khalid wendet ihr das Gesicht zu.

„Ich.“

Sie kann nicht einatmen.

„Nicht für den Feind“, sagt er. „Vor dem Feind. Und vor uns.“

„Hört ihr das?“, flüstert Nura.

Jetzt hören es alle.

Von oben dringen feste Schritte auf Stein zu ihnen herab.

Yusuf hat die Wachen abgezogen, damit sie ihn selbst zum lebenden Khalid führen.

Khalid spricht hastig weiter:

„Tochter, wenn Yusuf hier hereinkommt, zwingt er mich, zu seinen Gunsten auszusagen. Wenn Gonzalo erfährt, dass du mich gefunden hast, holt er den Jungen mit dem Lied. Ihr müsst auf verschiedenen Wegen gehen.“

„Ich lasse dich nicht zurück.“

„Du hast mir schon einmal das Tor geöffnet, weil du mir vertraut hast. Jetzt schließ die Tür, weil du dem Wasser vertraust.“

Íñigo tritt an das Gitter.

„Die äußere Sperre. Wo ist sie?“

Khalid lauscht aufmerksam auf seine Stimme.

„In deiner Mutter.“

Die Schritte kommen näher.

Nura packt Suleicha an den Schultern.

„Wir gehen.“

Khalid hebt die Hand.

„Suleicha.“

Sie dreht sich um.

„Über Wasser darf man nicht mit dem Schwert richten.“

Suleicha kennt diesen Satz schon ihr ganzes Leben.

Erst jetzt versteht sie: Ihr Vater hat nicht nur zu ihr gesprochen, sondern zur ganzen Stadt.

Hinter der Biegung flammt eine fremde Laterne auf.

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