Suleicha wird in der alten fensterlosen Kammer der Wassermeister eingesperrt.
Nicht im Kerker: Yusuf ist zu klug, um sie wie eine gewöhnliche Verbrecherin zu behandeln. Man bringt Suleicha dorthin, wo einst Messschalen, vertrocknete Schnüre, zerbrochene Sperren und Tafeln mit den Namen der Meister aufbewahrt worden sind. Alles um sie herum erinnert an die Arbeit eines Wassermeisters, doch über das Wasser verfügen darf sie nicht mehr.
Vor der Tür stehen zwei Wachen.
Der eine sagt zum anderen:
„Das Haus al-Mairi bleibt bis zur Verhandlung am Brunnen geschlossen.“
Die Wachen wiederholen Yusufs Befehl wie ein Gesetz.
Suleicha sitzt auf dem Boden und reibt sich über die Handfläche, auf der noch die Spur des vollständigen Siegels zu sehen ist.
An der Wand vor ihr hängen alte Tafeln. Auf einer steht der Name eines Meisters, der vor ihrer Geburt gestorben ist. Auf einer anderen der Name einer Frau, an die man sich im Haus Khalid nur flüsternd erinnert: Sie hat einst ohne das Siegel des Emirs einem Viertel das Wasser geöffnet und später am Brunnen bewiesen, dass der Durst keinen Schreiber um Erlaubnis fragt.
Suleicha fährt mit dem Finger durch den Staub.
Sie sucht unter den Tafeln nach dem Namen eines Meisters, der schon einmal in derselben Lage gewesen ist. Doch die Inschriften verraten ihr nicht, wie sie das Siegel zurückbekommen, Íñigo retten und Yusuf das Wasser vorenthalten kann.
Khalid ist fortgebracht worden, nachdem Suleicha sich geweigert hat, den Strom zum Graben zu öffnen. Wohin, hat man ihr nicht gesagt. Íñigo soll noch vor der Mittagsstunde zum Nordtor geführt werden. Nura und Elias sind aus den Gängen verschwunden. Fatima zählt wahrscheinlich wieder, wie viele Kinder sich retten lassen, wenn man die richtige Seite wählt.
Irgendwann raschelt es unter der Tür.
Suleicha beugt sich hinunter.
Ein gewachster Faden rollt durch den Spalt. Daran hängt eine kleine Scherbe von einer Schale des Sabils. Drei Worte sind mit Kohle darauf gekratzt:
„Sie sucht uns.“
Suleicha drückt die Scherbe an die Lippen.
Rafiq.
Vor der Tür fragt der eine Wachmann:
„Was ist da?“
„Eine Ratte“, antwortet der andere.
Suleicha lächelt beinahe.
Der gewachste Faden ist nicht nass geworden, doch ein weißer Salzbogen zeichnet sich darauf ab. Rafiq muss ihn also beim Sabil gefunden und quer über den kleinen Abfluss gelegt haben, durch den bereits Wasser sickert.
Sie sucht uns.
Suleicha steht auf und geht an den Wänden entlang. In den alten Kammern der Wassermeister hat man immer Hörschlitze gelassen. Sie fährt mit den Fingern über den Stein und zählt die Fugen: sieben, dann drei und noch einen schmalen Stein direkt am Boden. Dahinter liegt ein Kanal für Rauch und Stimmen.
„Rafiq“, flüstert sie in den Spalt.
Die Antwort kommt nicht sofort.
„Ich bin hier.“
Die Stimme des Jungen ist dünn, aber lebendig.
„Wo ist Nura?“
„Beim Hammam. Die Wachen glauben, sie schimpft wegen des kalten Ofens.“
„Elias?“
„Bei den Kranken. Fatima hat Decken verteilt.“
Suleicha schließt die Augen.
Also hat Fatima sich doch entschieden, die Kinder zu retten, statt für eine der beiden Seiten einzutreten.
„Khalid?“
Eine Pause.
„Man hat ihn in die alte Zählnische unter dem Garten gebracht. Nura sagt, dort gibt es einen Hörgang. Er lebt.“
„Íñigo?“
Noch eine Pause.
„Am Nordtor. Sie führen ihn noch vor der Mittagsstunde fort.“
Beim Gedanken an die gesetzte Frist schnürt es Suleicha die Kehle zu.
Sie betrachtet den gewachsten Faden noch einmal. Wenn das Wasser Salz auf dem Wachs hinterlassen hat, dann hat der Druck der Quelle es bereits bis zum kleinen Abfluss beim Sabil getrieben. Der große Strom zum Graben ist dabei nicht in Gang gekommen.
Die vierte Zeile kennen sie noch nicht, doch der Faden zeigt ihr, dass man das Wasser durch die kleinen Abflüsse leiten kann.
„Hör zu“, sagt Suleicha in den Spalt. „Richte Nura aus: Sie soll den Ofen im Hammam löschen und alles vorbereiten, um die Kranken hinauszutragen. Elias soll alle holen, die nicht selbst gehen können. Fatima soll Decken geben und uns mit ihrem Namen decken, wenn sie die Kinder retten will.“
„Und ich?“
Sie umklammert die Scherbe.
„Öffne den Abfluss der Jungen beim Sabil. Nur drei Fingerbreit. Wenn das Wasser stärker fließt, verschließ ihn mit einem Stein, nicht mit der Hand.“
Rafiq schweigt.
„Bin ich der Zeuge?“, fragt er schließlich.
„Nein“, sagt Suleicha. „Solange ich eingesperrt bin, bist du der Meister.“
Hinter der Wand stößt etwas leise gegen den Stein. Vermutlich hat der Junge die Stirn an die Fuge gelehnt.
„Ich habe Angst“, sagt Rafiq.
Einen Augenblick fehlen Suleicha die Worte. Den ganzen Tag haben die Erwachsenen von Gesetzen, Übergabe, Schlüsseln, Gerichten und Gnade gesprochen, doch keiner von ihnen hat seine Angst so offen eingestanden.
„Ich auch.“
„Haben Meister Angst?“
„Die guten schon. Die schlechten fürchten nur, ihre Macht zu verlieren.“
Rafiq holt zu laut Luft.
„Was, wenn ich einen Fehler mache?“
„Dann verschließ den Abfluss mit einem Stein und ruf Nura. Spiel nicht den Helden. Prüf nach jeder Drehung, ob der Druck stärker geworden ist.“
Er schweigt noch eine Weile.
„Und Íñigo?“
Suleicha schaut zur Tür. Dahinter sind bereits die Schritte der Leute zu hören, die Íñigo zum Nordtor bringen sollen.
„Mit Gewalt können wir ihn nicht rechtzeitig retten“, sagt sie. „Also müssen wir dafür sorgen, dass man ihn nicht ohne Zeugen töten kann.“
Sie bringt den Mund näher an den Spalt.
„Und sag Nura: Sie sollen die Tür nicht öffnen. Hinter den Messschalen muss ein niedriger Gang für Rauch und Stimmen liegen. Sie sollen dort suchen, wo der Stein nach nassem Salz riecht.“
Rafiq verschwindet so leise, wie es nur Kinder können, die daran gewöhnt sind, unbemerkt an Erwachsenen vorbeizuschlüpfen.
Zum ersten Mal an diesem Tag atmet Suleicha tief durch.
Sie hat kein Siegel.
Doch das Siegel ist nicht die einzige Möglichkeit, für das Wasser zu haften.
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