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DIE BRAUT DER LETZTEN QUELLE

Kapitel 21. Die Schale ohne Durst

Khalid bittet darum, nicht mit den Anklagen zu beginnen.

„Nennt zuerst diejenigen, vor denen man die Schalen verborgen hat.“

Der Hof erwartet die Namen Yusufs, Gonzalos und Marwans. Stattdessen nennt Khalid die Kinder am Sabil, die Kranken im Hammam, die Verwundeten beider Seiten, die Frauen am Darro, die Jungen im nördlichen Graben, die Gefangenen, Köche und Fuhrleute – alle, die man für bessere Übergabebedingungen ertränken wollte.

Im Hof stehen Menschen, die für jeden der Genannten sprechen können: Rafiq für Samir, Elias für die Kranken, Nura für die Frauen des Hammams, Íñigo für die Jungen am Graben. Fatima steht für die Kinder ein, um derentwillen sie beinahe den Tod eines anderen gewählt hätte, und Suleicha für ihren Vater, der sich geweigert hat, seinen guten Namen mit fremden Leben zu erkaufen.

Yusuf beginnt, sich zu verteidigen.

„Ohne Härte wäre die Stadt beim Sturm untergegangen. Glaubt ihr, die Könige ziehen friedlich ein, wenn wir bis zuletzt Widerstand leisten? Ich habe das Wasser zurückgehalten, damit sich die Stadt ergibt, bevor das Feuer beginnt.“

Suleicha widerspricht ihm nicht.

„Du hattest Angst vor einem Gemetzel“, sagt sie. „Also hast du beschlossen, die Stadt langsam mit Durst zu quälen und dich dabei hinter Siegeln zu verstecken.“

Yusuf zuckt zusammen.

Boabdil schließt die Augen.

Gonzalo sagt:

„Eine Stadt, die sich aus Durst ergibt, lässt sich leichter ernähren.“

„Leichter gefügig halten“, erwidert Íñigo.

Sein Vater sieht ihn voller Hass an.

„Du bist mein Sohn.“

Íñigo hebt das rechte Handgelenk. Das Zeichen der Wasserwende ist für alle sichtbar.

„Du hast mich wie dein Eigentum behandelt. Meine Mutter hat mich gelehrt, mich zu erinnern. Jetzt entscheide ich selbst, wer ich sein will.“

Er geht zu der Kupferschale des Wasservertrags, die man als Beweis gegen das Haus al-Mairi zum Brunnen gebracht hat. Seit dem ersten Tag des Vertrags ist sie trocken geblieben. Suleicha hält sie unter den dünnen Strahl.

Sie füllt sich nur langsam.

Alle warten.

Als die Schale voll ist, gibt Suleicha sie weder Íñigo noch Boabdil noch Yusuf.

Sie trägt sie an den Rand der Menge, wo der Junge aus dem kastilischen Tross steht, durch den Íñigo sein Zeichen geschickt und dessen Leben er beinahe aufs Spiel gesetzt hat.

Der Junge betrachtet die Schale, wie ein Hungriger Brot betrachtet, das er noch nicht zu nehmen wagt.

„Trink“, sagt Suleicha.

Er trinkt.

Diese Geste wird zur ersten Bedingung der Übergabe, ausgesprochen ohne Papier.

Boabdil begreift es noch vor den Gesandten. Isabel und Fernando sind weit entfernt, doch ihre Leute sehen: Noch bevor die Schlüssel der Stadt übergeben werden, bekommt ein Kind aus dem kastilischen Tross Wasser.

Der Schreiber der königlichen Gesandten tritt vor.

„Die Bedingungen der Übergabe werden nicht an einem Brunnen geschrieben.“

Khalid wendet ihm sein blindes Gesicht zu.

„Aber die Bedingungen des Durstes werden immer dort geschrieben, wo eine Schale steht.“

Der Gesandte will widersprechen, doch dann sieht er die leere Schale in den Händen des Jungen und schweigt.

Suleicha wendet sich an den Emir.

„Bis die königlichen Truppen eintreffen, werden die Sabils für die Viertel und die Kranken geöffnet. Die Wassermeister bleiben als Zeugen bei den Schalen. Niemand wird wegen des Wassers hingerichtet, ohne dass sein Fall am Brunnen verhandelt worden ist. Kein Mensch aus Granada. Kein Kastilier. Kein Gefangener.“

Sie wird nicht lauter, doch man hört sie im ganzen Hof.

„Über Wasser kann man nicht mit dem Schwert richten.“

Fatima fügt hinzu, ohne Suleicha anzusehen:

„Und die Kinder der Häuser, die fortgehen, bekommen Wasser für den Weg. Selbst wenn ihre Väter gestern noch den Tod anderer verlangt haben.“

Khalid sagt:

„Auch die Kinder schuldiger Häuser erben keinen Durst. Das Wasser richtet kein Kind für seinen Vater.“

Marwan reißt den Kopf hoch: Diese Bedingung schützt auch seine Familie. Die Menge liebt ihn deshalb noch lange nicht, und Rafiq verzeiht ihm nicht. Aber Marwans Mutter, seine Schwestern und seine Neffen haben keine Tauben geschickt und keine Lampen gelöscht.

Nura sagt:

„Die Kranken gehen durch das Hammam. Nicht durch die Menge.“

Elias hebt seine Arzttasche.

„Und ich schreibe die Namen derer auf, die es nicht geschafft haben, damit später niemand behaupten kann, es habe sie nie gegeben.“

Yusuf lächelt schwach und spöttisch.

„Jetzt stellst du Bedingungen ohne Siegel?“

Boabdil schaut zum Brunnen.

„Sie hat ihr Recht vor allen bewiesen, bevor ich es anerkennen konnte.“

Yusuf hebt plötzlich den Blick zu den Schreibern.

„Wenn ihr schon rechnet, dann rechnet alles“, sagt er. „Die östliche Zisterne reicht bis zum Frühjahr, wenn die Reihenfolge eingehalten wird. Der Wasservorrat der Gärten ist nach neun Tagen erschöpft, wenn Soldaten dort ihre Krüge füllen dürfen. Der untere Gang muss bis zum dritten Morgengrauen gereinigt sein, sonst gelangt der Kalk wieder in die Schalen.“

Niemand dankt ihm.

Yusuf erwartet auch keinen Dank. Selbst in der Niederlage berechnet er weiter das Wasser. Doch nun werden andere seine Angaben aufschreiben und überprüfen.

Der älteste Meister, der vor einem Jahr bei der falschen Verhandlung gegen Khalid geschwiegen hat, tritt an die Schale und nimmt das hölzerne Gerichtstäfelchen von seinem Gürtel. Seine Hände zittern nicht nur vor Alter.

„Der Eintrag gegen Khalid al-Mairi ist ungültig“, sagt er. „Abu Salim hat ihn unter Drohungen unterzeichnet. Marwan hat gestanden, den Kalk vertauscht zu haben. Yusuf hat eingeräumt, den Meister heimlich am Leben gehalten zu haben. Die Anklage gegen das Haus Khalid wird aufgehoben.“

Boabdil öffnet die Augen. „Schreibt es genau so auf. Vor der Übergabe der Schlüssel und danach. Khalids Name kehrt zum Wasser zurück.“

Gonzalo versucht zu gehen, doch Íñigo sagt:

„Bleib als Zeuge, Vater. Du hast doch immer Beweise geliebt, die sich überprüfen lassen.“

Gonzalo bleibt stehen.

Suleicha tritt zu Íñigo. Messer und Kette liegen hinter ihnen, und die Kupferschale ist endlich mit Wasser gefüllt.

„Ich kann dir deinen guten Namen nicht zurückgeben“, sagt sie.

„Darum bitte ich nicht.“

„Und ich kann dich nicht als Gefangenen festhalten.“

„Ich bin kein Gefangener mehr.“

Sie reicht ihm die Schale. Er berührt ihren Rand, trinkt aber nicht.

„Zeugen?“, fragt er.

Nura sagt:

„Zu viele.“

Khalid lächelt in Richtung des Wassers.

Íñigo trinkt nach dem Jungen aus dem Tross, dem kranken Mädchen aus dem Hammam und Rafiq. Die Kupferschale des Wasservertrags wird zu einem gemeinsamen Schwur: Keiner von ihnen wird allein über das Wasser verfügen.

Suleicha trinkt als Letzte.

Das Wasser ist kalt, ein wenig trüb und schmeckt leicht nach Stein. Gewöhnliches Stadtwasser, das noch gereinigt und gerecht verteilt werden muss.

Die Tore sind noch geschlossen.

Doch zum ersten Mal seit vielen Tagen hört die Stadt bei Nacht das Wasser.

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