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DER MANN, DEN SIE NICHT BESUNGEN

Kapitel 3. Das schlechte Schiff

Die alte Schiffswerft liegt unterhalb der Halle am schwarzen Wasser, das wegen des Salzes und der Strömung keine geschlossene Eisdecke bildet. Dort riecht es nach Teer, nassen Seilen, Fisch und rostigen Nägeln. Ragneds neue Schiffe stehen weiter oben unter Schutzdächern. Bewacht werden sie von Jungen mit Speeren, die sich für ihre Größe viel zu wichtig nehmen.

Die schlechten Rümpfe liegen weiter entfernt.

Dort knarren die Planken selbst ohne Wind. Die Segel hängen nicht auf Gestellen, sondern liegen auf Haufen, weil man das gute Tuch längst fortgenommen hat. Alte Ruder mit rissigen Blättern lehnen dicht gedrängt an der Wand.

Borri Keil sitzt auf einem Baumstamm und schnitzt mit einer Hand an einem winzigen Keil. Die andere hängt reglos an seinem Gürtel. Borris Gesicht ist schmal, seine Lippen sind hart, seine Augen hell und böse.

Er hebt nicht einmal den Kopf.

„Ich repariere keine Schande.“

Steinar bleibt vor ihm stehen.

„Schade. Mir hat man gesagt, du selbst wärst eine Schande.“

Das Messer in Borris Hand bleibt reglos.

Hinter einem alten Rumpf prustet jemand los. Steinar dreht sich nicht um. Er weiß auch so, dass sich zwischen alten Schiffen immer jemand versteckt.

„Wer hat das gesagt?“

„Das Lied.“

Borri hebt den Blick.

In seinen hellen, bösen Augen regt sich Interesse. Offenbar hat Borri lange darauf gewartet, dass jemand offen ausspricht, was man ihm angetan hat.

„Im Lied heißt es, ich hätte am Ufer des Jarls einen Kiel fallen lassen.“

„Hast du ihn fallen lassen?“

„Ich habe den Kiel fallen lassen, weil drei junge Narren die Stützen zu früh entfernt haben. Einer von ihnen trägt jetzt eine silberne Schließe und nennt sich Ragned.“

Steinar geht vor dem rissigen Rumpf in die Hocke. Von außen sieht das Holz schlecht aus: graue Flecken, schwarze Fugen, eine Planke am Bug ist gekrümmt wie eine Rippe nach einem Schlag. Unter seinen Fingern ist es jedoch fester, als er erwartet hat.

„Wie viel?“

Borri lacht heiser.

„Bist du zum Kaufen gekommen?“

„Nein. Ich bin gekommen, um dir einen Grund zu geben, mich auszurauben.“

„Bei dir gibt es nichts zu holen.“

Steinar nimmt zwei dünne Armreife von seinem Handgelenk. Nicht besonders wertvoll, aber aus echtem Silber. Seine Mutter hat sie ihm vor ihrem Tod gegeben, als er noch glaubte, auch jüngere Söhne bekämen einen Platz, wenn sie nur lange genug schweigen.

Borri sieht erst die Armreife an und dann wieder den Rumpf.

„Dafür kaufst du ein Loch, einen krummen Kiel, drei nasse Ruder und die Flüche aller Seeleute, die je westlich der fernen Schären gefahren sind.“

„Und wenn der Becher dazukommt?“

Borri sieht den leeren Becher und hört auf zu spotten.

Der alte Meister fährt mit den Fingern über den inneren Rand. Seine kranke Hand zuckt.

„Wer hat dir den gegeben?“

„Hroald. Damit alle lachen.“

„Dann hat dein Vater wenigstens einmal etwas Nützliches getan, ohne es zu wissen.“

Borri steht auf und tritt mit der Stiefelspitze gegen den rissigen Rumpf.

„Für einen Überfall ist dieses Schiff schlecht. Ragned hätte recht, wenn er das behaupten würde. Der Rumpf gehorcht dem Ruder schlecht und liegt tief im Wasser. Damit stürmst du nicht in eine fremde Bucht und bringst alle zum Staunen. Aber in den westlichen Gewässern zählt nicht Mut, sondern Ausdauer. Der Kiel ist alt, dafür ist das Holz längst vom Salz durchtränkt und fürchtet das Wasser nicht. Wenn man die Fugen mit Fischleim abdichtet und ein kurzes Segel setzt, wird das Schiff nicht schnell sein, aber es kommt an.“

Steinar betrachtet den grauen Rumpf.

Es kommt an.

Das Wort klingt weder schön noch heldenhaft. In der Halle singt man nicht von so etwas. Doch Steinar braucht jetzt ein Schiff, das ankommt, dringender als jedes Schwert über der Feuerstelle.

Hinter seinem Rücken klatscht jemand in die Hände.

Ragned kommt nicht allein. Bei ihm sind drei junge Krieger und Ketil Salz, ein Händler mit weichen Händen und dem Gesicht eines Mannes, der sich nie umsonst auf die Seite eines anderen schlägt.

„Bruder“, sagt Ragned. „Ich dachte, du suchst dir ein stilleres Grab. Aber du hast dir schon einen Trog ausgesucht.“

Die Krieger lachen. Ketil blickt zuerst zu Ragned und stimmt erst dann in das Lachen ein.

Steinar richtet sich langsam auf.

„Ein Trog kann wenigstens behalten, was man hineinlegt.“

Ragned blickt auf den leeren Becher und grinst.

„Dann leg dich nicht hinein. Sogar der wird dich wieder ausspucken wollen.“

Borri macht einen Schritt nach vorn, doch Steinar hebt kaum merklich die Hand. Der alte Meister bleibt stehen, nun noch wütender.

Steinar antwortet nicht. Es ist zu seinem Vorteil, wenn Ragned den jüngeren Bruder für harmlos hält, Ketil nur einen dummen Kauf sieht und Brand zu hören bekommt, dass der Leere Becher seine letzten Armreife für nassen Schrott ausgegeben hat.

Saiva steht hinter den Kriegern. Diesmal versteckt sie sich nicht. Sie achtet nicht auf die Gesichter, sondern auf das, was die Menschen tun: auf die Armreife, den leeren Becher, Borris Finger auf dem Riss und Steinars kurze Geste, die den alten Meister aufgehalten hat.

Sie sieht zu viel.

Ragned geht fort und lacht noch immer. Ketil bleibt am Rand der Werft zurück und überschlägt mit einem raschen Blick den Rumpf, den alten Meister, die Armreife, den Becher und Saiva. Dann verschwindet er hinter Ragned.

Borri spuckt in den Schnee.

„Morgen weiß es die ganze Halle.“

„Soll sie doch.“

„Begreifst du, was du gekauft hast?“

Steinar fährt mit der Handfläche über den alten Kiel.

„Nein.“

Borri schnaubt.

„Gute Antwort. Wer glaubt, das Meer schon vor dem Auslaufen zu verstehen, geht meistens als Erster über Bord.“

Erst jetzt kommt Saiva näher.

„Du hast nicht nur ein Schiff gekauft“, sagt sie.

Steinar dreht sich zu ihr um.

„Was noch?“

Sie blickt zu Borri, dann auf den Becher.

„Du hast einem Mann, der immer noch wütend auf das Meer ist, seine Arbeit zurückgegeben. Das ist mehr wert als der Rumpf.“

Borri brummt.

„Die Sängerin ist klüger als der Sohn des Jarls.“

„In unserer Halle ist das keine Heldentat“, erwidert Saiva.

Steinar will sagen, dass in ihrer Halle nur ein schöner Tod als Heldentat gilt. Doch er hält sich zurück.

Auch das bemerkt Saiva.

Am Abend sitzt Ketil schon neben Ragned und erzählt ihm leise, was er am alten Ufer gesehen hat.

Der Leere Becher schart um das Schiff Menschen, die man in der Halle längst nicht mehr wahrnimmt.

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