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DER MANN, DEN SIE NICHT BESUNGEN

Kapitel 4. Korn ohne Ruhm

Einen Tag später führt Ragned die besten Männer auf einen schnellen Beutezug entlang der Nordküste. Er nimmt die leichtesten Boote und will am Ende des Winters zuschlagen, wenn niemand mit einem Angriff rechnet. Er hofft, noch vor den Nachbarn mit Silber zurückzukehren, damit Brand so bald wie möglich ein neues Lied über ihn dichtet.

Hroald stimmt zu. Die Krieger freuen sich. Als die Halle leer ist, fällt umso deutlicher auf, wie wenig Nahrung denen geblieben ist, die nicht mit auf den Beutezug gezogen sind.

Steinar bemerkt die Gefahr noch vor dem Wind. Seit seiner Schande darf er sich nicht mehr dort aufhalten, wo man über Ruhm spricht. Er verbringt seine Tage zwischen dem Schiffshof, der Küche und den Speichern, wo die Leute keine Feinde zählen, sondern Säcke. Dort schimpft Nera die Rauchige mit einem Jungen, der nasses Stroh zum Korn gebracht hat. Dort zeigt ein alter Mann, wo sich das Dach des Speichers unter dem Schnee durchbiegt. Dort bessert Farin, ein ehemaliger Unfreier, schweigend den Strick an der Tür aus, obwohl ihn niemand darum gebeten hat.

„Bis zum Abend läuft es durch“, sagt Nera.

„Bis Mittag“, erwidert Steinar.

Sie kneift die Augen zusammen.

„Zählst du jetzt auch noch den Himmel?“

„Nein. Nur die Faulheit anderer Leute.“

Nera sieht zum Dach. Der nasse Schnee liegt wie eine gleichmäßige weiße Haube darauf. Darunter ist nicht zu erkennen, wie stark sich die Balken bereits durchbiegen.

Gegen Mittag schlägt der Wind vom Meer her zu.

Nera lächelt nicht.

Am Abend bricht der erste Balken.

In der Halle sind genug Leute geblieben, um zu schreien, und zu wenige, um schnell zu arbeiten. Die kräftigen Arme der Krieger sind mit Ragned fort. Die Zurückgebliebenen laufen zuerst zu Hroald, um einen Befehl zu holen. Dann nach den Schlüsseln. Dann zum obersten Speicherwart. Dann zu dem Mann, der weiß, wo die trockenen Stangen liegen.

Steinar läuft nicht.

Er fasst Farin an der Schulter.

„Kennst du die Leute von den Ruderbänken?“

Farin zuckt bei der Berührung zusammen. Unter seinem Kragen ist am Hals die alte Narbe eines Eisenrings zu sehen.

„Früher schon.“

„Dann erinner dich an sie. Wir brauchen Leute, die zusammenarbeiten können und ihre Last nicht fallen lassen, wenn es schwer wird.“

Farin sieht ihn misstrauisch an.

„Bezahlst du uns?“

„Ich gebe allen zu essen. Und morgen nenne ich vor Hroald jeden Einzelnen beim Namen.“

„Und wer wird dem Leeren Becher zuhören?“

Steinar deutet mit dem Kopf auf sich.

„Niemand.“

Farin verzieht fast den Mund zu einem Grinsen.

„Warum willst du uns dann nennen?“

„Neben meinem leeren Namen ist Platz für alle.“

Zum ersten Mal senkt Farin den Blick nicht.

Sie arbeiten bis zum Einbruch der Dunkelheit. Nera führt besser als jeder Heerführer und teilt die Leute nicht nach Verwandtschaft ein, sondern nach Können: Die einen halten, andere schneiden und schleppen, wieder andere geraten selbst dann nicht in Panik, wenn ein Sack schwerer ist als ein Kind. Eska kriecht unter den Balken hindurch und zieht trockene Keile hervor. Modra lässt die Alten Pech erhitzen und sorgt dafür, dass sie nicht im Weg stehen. Borri kommt von selbst, mit seinem steifen Arm und seiner scharfen Stimme, und erkennt sofort, welcher Balken als Nächstes einstürzen wird.

Steinar schleppt Säcke, bis seine Finger ihm nicht mehr gehorchen.

Als das Dach schließlich einstürzt, ist das Korn bereits geborgen.

Schnee, Lehm und gebrochenes Stroh stürzen dorthin, wo bis vor Kurzem sämtliche Wintervorräte des Hofes gelagert waren.

Die Leute stehen im Dunkeln, nass, wütend und lebendig. Der Wind reißt den Rauch zum Meer. Jemand lacht heiser vor Erschöpfung und Erleichterung.

Steinar lehnt sich an die Wand. Der Geruch von nassem Korn bringt einen anderen Tag zurück.

Ein Speicher voller Rauch.

Schreie.

Damals war er fünfzehn, und der Beiname Leerer Becher ist noch nicht an ihm hängen geblieben. Am linken Rand des Schildwalls hat sein Vetter Asmund gestanden, der Sohn der Schwester seiner Mutter. Asmund hat gelacht, als ließe sich jede Angst mit der Schulter wegstoßen, wenn man nur zuerst zuschlägt. An diesem Tag hat er Steinar einen Ersatzriemen für den Schild gegeben und gesagt:

„Lass den Rand nicht los. Wenn er wankt, walzen sie uns platt wie nassen Stoff.“

Dann hat der Wind den Rauch gedreht.

Steinar hat nicht die Feinde gesehen, sondern den Speicher. Die untere Tür war von außen verriegelt, am Dach hat sich das Feuer entlanggefressen, und drinnen haben Kinder geschrien und mit den Fäusten gegen das Holz geschlagen. Dort waren die Wintervorräte des ganzen Hofes gelagert. Dort waren Kinder, die Brand später mit keinem Wort erwähnt hätte.

Asmund hat ihn am Ärmel gepackt.

„Wag es nicht.“

Steinar hat sich losgerissen.

Er erinnert sich an die Hitze im Gesicht, das Pech an seinen Handflächen, die Finger der Kinder, die sich an seinen Gürtel geklammert haben, und an Säcke, die so schwer waren, dass ihm schwarz vor Augen geworden ist. Er erinnert sich, wie er den letzten Jungen herausgetragen hat und erst nach dem Angriff zum Schildwall zurückgekehrt ist.

Asmund hat mit offenen Augen im Schnee gelegen. Der Rand des Schildwalls, den Steinar hätte halten sollen, war durchbrochen.

Später ist im Lied nur dies geblieben: Steinar ist geflohen, Asmund ist gefallen.

Am Morgen betrachtet Hroald das gerettete Korn, als hätten es nicht Menschen hinausgetragen, sondern als wäre es von selbst verschont geblieben.

Brand steht neben ihm.

„Das muss gewürdigt werden“, sagt Nera.

Sie sagt es leise, doch ringsum verstummen alle. Nera bittet den Jarl nur selten um etwas. Meistens bestimmt sie in der Küche, hält die Kinder in Schach und wacht über das Feuer.

Hroald wendet sich Brand zu.

Der Skalde streicht mit den Fingern über die Saiten, ohne einen Ton hervorzubringen.

„Korn blickt dem Tod nicht ins Gesicht“, sagt Brand. „Es hebt keinen Schild und zahlt nicht mit Blut. Man kümmert sich um Korn, damit die Helden etwas zu essen haben. Aber wenn wir anfangen, über jeden Sack zu singen, vergessen wir bald die Männer, die mit der Waffe in der Hand sterben.“

Ragned ist nicht in der Halle, doch Steinar kann sich genau vorstellen, wie sein Bruder über diese Worte gelacht hätte.

Nera presst die Lippen zusammen.

Farin senkt wieder den Blick.

Brand hat keine einzige Tatsache bestritten.

Asmund ist tatsächlich mit der Waffe in der Hand gestorben, und Brand bewahrt die Erinnerung an solche Tode. Doch um Asmunds Größe willen vergisst er wieder diejenigen, die dieser beschützt hat.

Am Abend, als die Leute fort sind, findet Saiva Steinar beim Speicher. Er sitzt auf einem Balken und kratzt dunkles Pech unter seinen Fingernägeln hervor.

„Du hast wieder geschwiegen“, sagt sie.

„Brand spricht besser.“

„Brand versteht sich besser darauf, alle Überflüssigen aus dem Lied herauszuhalten.“

Sie setzt sich auf den Balken neben ihm, aber nicht dicht an ihn.

„Willst du eine Zeile hören?“

„Wenn sie nicht von mir handelt.“

„Dafür ist es zu spät.“

Saiva nimmt die Leier nicht zur Hand. Sie spricht fast im Flüsterton, ohne Musik, damit man sie in der Halle nicht hört.

„Wer den Schildwall verlassen hat, hat seinen Hof nicht im Stich gelassen. Er hat die Kinder aus dem Feuer getragen und das Korn bis zum Frühjahr gerettet.“

Steinar sieht auf seine Hände.

Die Worte sind schlicht, nicht für die große Halle bestimmt und nicht in Brands Art. Doch zum ersten Mal hört Steinar die ganze Wahrheit über sich.

„Sing das nicht“, sagt er.

Saiva lächelt mit einem Mundwinkel.

„Zu spät.“

Hinter der Speicherwand klingt trocken eine Saite auf.

Brand steht im Schatten. Der Schnee beleuchtet sein Gesicht von unten, sodass es besonders bleich und hart wirkt.

„Saiva.“

Sie steht sofort auf, ganz ruhig, als hätte sie längst damit gerechnet, dass Brand sie hört.

„Meister.“

„Ein Lied, das man nicht ans Herdfeuer tragen kann, sollte man nicht im Dreck dichten.“

„Manche entstehen nur dort.“

Brand sieht Steinar an.

In seinem Blick liegen weder Eifersucht noch Bosheit oder Angst. Er betrachtet ihn aufmerksam und kühl, als überlege er bereits, wie er den Ungehorsam unterbinden kann.

„Bis zum Ende des Winters eröffnest du keine Feste mehr“, sagt er zu Saiva. „Du wiederholst hinter den Jüngeren die alten Refrains, bis dir wieder einfällt, dass in der Erinnerung der Sippe kein Platz für Mitleid ist.“

Steinar tritt vor.

Saiva schüttelt kaum merklich den Kopf. Tu es nicht.

Wenn Steinar widerspricht, wird Brand die Strafe verschärfen und behaupten, Saiva habe seinetwegen gegen das Verbot verstoßen. Wenn er schweigt, zeigt er, dass er sie nicht beschützen kann.

Der Skalde geht. Saiva bleibt am dunklen Speicher stehen, und der Wind spielt mit den Haaren an ihren Schläfen.

„Siehst du es jetzt?“, fragt sie.

„Was?“

„Eine einzige Zeile über dich hat mich meinen Platz am Herdfeuer gekostet.“

Er will ihr versprechen, dass er ihr den Platz am Herdfeuer zurückholt, weiß aber nicht, ob er dieses Versprechen halten kann.

Stattdessen hebt Steinar einen Holzspan vom Boden auf und wirft ihn in das erloschene Pech.

„Wenn Brand solche Angst vor einem einzigen unvollendeten Lied hat, hast du ihn härter getroffen, als du glaubst.“

Saiva sieht ihn lange an.

Dann sagt sie leise:

„Oder du weißt selbst noch nicht, wie das alles endet, Leerer Becher.“

Sie geht zuerst.

Steinar bleibt bei dem geretteten Speicher zurück, über den niemand singen will.

Und zum ersten Mal begreift er: Er muss nicht um eine Zeile von Brand kämpfen.

Er braucht ein anderes Lied – eines, das nicht nur die gefallenen Krieger in Erinnerung behält, sondern auch die Menschen, die Kinder und Korn gerettet haben.

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