Im grauen Licht nähern sie sich einer flachen Landzunge. Dort wird die Meerenge schmaler, und eine Stimme vom Ufer ist weit über dem Wasser zu hören.
Brand wartet auf den Felsen.
Hroald steht neben ihm. Ragned ist nirgends zu sehen, doch am Ufer haben sich seine Gefolgsleute mit Schwertern und Speeren versammelt, bereit, beim ersten Zeichen loszulachen.
Der Skalde hält die Leier vor der Brust.
Er schreit nicht. Das hat er nicht nötig. Das Wasser trägt seine Worte von selbst.
Das Lied beginnt ohne Steinars Namen.
Das ist nichts Neues.
Doch dann trifft das Lied noch härter.
Brand singt von denen, die dem Leeren Becher folgen; von Ruderern, die aus freien Stücken ihren Platz am Herd gegen ein nasses Brett tauschen; von Menschen, deren Namen niemand nennen wird, wenn das Meer sie zusammen mit Steinar holt.
Er verspricht ihnen nicht offen den Tod. Er verspricht, dass sich selbst nach ihrem Tod niemand an sie erinnern wird.
Als Erster hält Skardi sein Ruder an, jener Ruderer mit dem erfrorenen Ohr. Nach ihm hören zwei weitere auf zu rudern.
Das Schiff verliert die Fahrt und dreht sich quer zur Welle. Borri flucht so heftig, dass sogar Nera die Brauen hebt.
„Rudert!“, ruft der alte Meister.
„Wenn wir sowieso sterben und sich niemand an uns erinnert, warum sollen wir dann rudern?“, erwidert einer der Ruderer.
Es ist ehrliche Angst.
Steinar könnte sie Feiglinge nennen. Dann wäre er wie diejenigen, die ihn sein Leben lang einen Feigling genannt haben. Er könnte versprechen, dass Saiva von ihnen singen wird. Doch die alte Ordnung hat ihr das Recht genommen, ein Lied anzustimmen, und jeder auf dem Schiff würde die Lüge sofort hören.
Brand singt weiter.
Seine Stimme klingt ruhig, kräftig, fast freundlich. Er ruft die Menschen nicht zurück, sondern macht ihnen Angst davor, nach dem Tod vergessen zu werden.
Steinar hebt ein Ruder und schlägt damit zweimal gegen die Bordwand. Ein grober, völlig unmusikalischer Laut entsteht – einfach Holz, das auf Holz trifft.
„Wer zurückwill, soll jetzt an Land gehen“, sagt Steinar. „Nicht nachts, nicht im Sturm und nicht, nachdem er fremdes Salz gegessen hat. Jetzt.“
Die Ruderer schauen abwechselnd zum Ufer und aufs Wasser.
„Brand wird uns aus den Liedern streichen“, sagt Skardi.
„Ja.“
Bei dieser Ehrlichkeit zucken die Menschen zusammen.
Steinar fährt fort:
„Niemand kann besser streichen als Brand. Also entscheidet, was euch mehr Angst macht: als gesichtslose Ruderer in seinen Liedern zu bleiben oder an einen Ort aufzubrechen, an dem nicht er bestimmt, wer ihr seid.“
Steinar verspricht ihnen nichts. Jetzt kann jeder selbst entscheiden.
Saiva steht auf.
„Tu es nicht“, sagt Steinar leise.
Sie dreht sich nicht einmal um.
„Das hast du schon am Speicher gesagt.“
Sie hat keine Leier. Brand konnte ihr verbieten, bei Festen zu singen, doch hier auf dem Wasser gibt es niemanden, der es ihr verbieten kann. Saiva legt eine Hand an den Mast, holt Luft und singt eine kurze, raue Zeile.
„Die Heimatlosen fürchten nicht das Meer, sondern das Ufer, wo nur die Toten einen Namen bekommen.“
Saivas Stimme trägt über das Wasser und legt sich über Brands Lied.
Der alte Skalde singt unbeirrt weiter, doch die Menschen auf den Felsen neben ihm drehen die Köpfe zum Schiff.
Saiva wiederholt die Zeile. Beim dritten Mal stimmt Nera ein – rau und ohne jede Schönheit. Dann Farin. Dann Eska aus dem Laderaum, viel zu laut und schief. Als Letzter fällt Borri ein, bei dem statt Gesang nur ein Krächzen herauskommt.
Die Ruderer tauchen die Ruder wieder ins Wasser.
Brand bricht sein Lied ab.
Alle hören, dass der Skalde verstummt ist.
In der kurzen Stille wechseln die Menschen am Ufer ratlose Blicke.
„Saiva“, sagt Brand.
In Brands Ton klingt ihr Name nicht wie ein Ruf, sondern wie ein Urteil.
„Von diesem Tag an bist du nicht mehr meine Schülerin. Wer auf dem Wasser gegen die Sippe singt, soll sich bei den Wellen einen Lehrer suchen.“
Saiva steht aufrecht. Ihr Gesicht ist weiß, doch ihre Stimme zittert nicht.
„Wenn die Wellen mehr Namen bewahren als deine Halle, dann sollte man von ihnen lernen.“
Steinar will ihr danken, sie um Verzeihung bitten und eingestehen, dass sie mehr verloren hat, als er je besessen hat.
Doch die Ruderer, die Menschen am Ufer und Brand selbst schauen ihn an. Wenn Steinar jetzt offen spricht, begreifen alle, wie viel Saivas Tat ihm bedeutet, und seine gespielte Dummheit wird niemanden mehr täuschen.
Er sagt:
„Nächstes Mal schreist du lauter. Wegen dieses verdammten Segels hört man dich vom Ufer aus kaum.“
Einige Leute lachen.
Saiva lacht nicht.
Sie sieht ihn kalt an und wendet sich ab.
Farin legt ihm eine Hand auf die Schulter – nicht wie ein Diener oder ein Freund, sondern wie ein Ruderer, der einen anderen vor einer Gefahr warnt.
„Vögel“, sagt er.
Steinar hebt den Kopf.
Links fliegen dunkle Vögel tief und beharrlich über dem Wasser – nicht zur Küste, sondern von ihr fort. Zwischen den Wellen ziehen sich grüne Bänder aus Tang dahin. Das Wasser an der Bordwand wird kälter und dichter, die Ruder stoßen auf ungewohnten Widerstand, und das Schiff wird immer stärker nach Westen gezogen.
„Die Westströmung“, sagt Farin. „Wir sind schon darin. Zurück müssten wir gegen sie anrudern.“
Die Küste hinter dem Heck ist nur noch ein schmaler Streifen.
Die Menschen sehen Brand nicht mehr an.
Die Strömung trägt sie bereits fort, und für eine Entscheidung ist es zu spät.
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