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DER MANN, DEN SIE NICHT BESUNGEN

Kapitel 17. Der Preis eines fremden Ufers

Die frische Schnitzerei vom Grünen Ufer liegt am gemeinsamen Feuer auf einem flachen Stein.

Einer nach dem anderen kommt, um das Täfelchen zu betrachten. Manche sehen das Zeichen des Wassers, andere das Blatt oder die Hand mit den gespreizten Fingern. Nera riecht an der Rinde und sagt, im Westen wachse ein Wald, den noch keine Axt aus dem Norden berührt hat. Borri fährt mit dem Nagel über das Harz und runzelt die Stirn: Das gute Holz begeistert und ärgert ihn zugleich, weil es im Grauen Land nichts Vergleichbares gibt.

Ragned sieht in dem Täfelchen etwas anderes: neue Schiffe, hohe Masten, trockene Wände und ein künftiges Lied, in dem sein Name als Erster an einem reichen Ufer erklingt.

„Wir brechen bei Sonnenaufgang auf“, sagt er.

Steinar fragt nicht einmal, wohin.

„Nein.“

Das Wort klingt ruhiger, als er sich fühlt.

Ragned dreht sich langsam um. Hinter ihm lächeln die Männer des alten Nordens bereits. Die ganze Nacht haben sie darauf gewartet, dass der Leere Becher wieder zwischen Zweikampf und Rückzug wählen muss.

„Du verbietest mir, in See zu stechen?“

„Ich verbiete dir, zu diesen Menschen zu ziehen, als wachse an ihrem Ufer nur herrenloser Wald.“

„Du weißt nicht, ob dort Menschen leben.“

Eska, die die Schnitzerei mit beiden Händen hält, sagt:

„Das Zeichen einer Hand schnitzt sich nicht von selbst.“

Zum ersten Mal sieht Ragned sie nicht wie ein Kind an, sondern wie ein Hindernis.

„Kinder hören zu viel, wenn Erwachsene sie neben sich stehen lassen.“

Steinar tritt zwischen ihn und Eska.

„Sie steht hier kraft ihres Schiffsanteils.“

Brand schweigt.

Dann geht er zu Saiva.

Er führt sie drei Schritte zur Seite, zu den nassen Netzen zwischen den Steinen. Steinar sieht ihre Gesichter, hört aber nicht alles.

„Komm zurück“, sagt er.

Saiva hebt nicht einmal die Hände zu den Saiten.

„Wohin?“

„In das Lied, das diesen Schmutz überdauern wird. Ich werde dich die erste Skaldin des Grauen Landes nennen. Nicht Schülerin und nicht Schatten an meinem Feuer, sondern erste Stimme des neuen Ufers.“

Sie sieht ihn aufmerksamer an.

Das Angebot wirkt großzügig, doch Brand schenkt nichts umsonst.

„Und was soll ich dafür tun?“

„Entscheide, wessen Namen bewahrt werden. Sing nicht von jedem, der einen Fisch gebracht hat, von jedem Kratzer eines Kindes oder von der Angst jedes Ruderers. Nenne diejenigen, die Sippe, Land und Winterlager tragen. An die Lebenden sollen sich die Lebenden erinnern.“

Saiva schweigt lange.

Steinar spürt, dass dieses Schweigen ihn tiefer verletzt, als ihre Absage Brand verletzen würde. Das Angebot ist ernst gemeint: Brand gibt Saiva keine Gunst zurück, sondern das Recht, selbst ein Lied anzustimmen, das er ihr genommen hat.

Endlich sagt Saiva:

„Du willst nicht meine Stimme kaufen. Du willst, dass ich über jene schweige, die du nicht nennen willst.“

„Gerade die Fähigkeit zu wählen macht einen Menschen zum Skalden.“

„Dann bin ich eine schlechte Skaldin.“

Brand nickt.

„Nein. Genau deshalb bin ich zu dir gekommen und nicht zu denen, die lauter singen.“

Sie wendet sich als Erste ab.

Saiva hat abgelehnt, doch das Angebot ist zu bedeutend, als dass Steinar einen Sieg empfinden könnte.

Ketil Salz, der bei Ragneds Säcken einen Platz für sich gefunden hat, lacht gezwungen.

„Vielleicht sind dort Wilde ohne Sprache. Vielleicht ist das die Markierung von Fischern und kein Name. Während wir uns hier die Mäuler fusselig reden, holt sich schon eine andere Sippe den Wald.“

Steinar antwortet:

„Deshalb darfst du nicht als Erster vom neuen Ufer erzählen, Ketil. Du verkaufst es, bevor du weißt, wer darauf lebt.“

Ketil wird rot.

Ragned tritt näher.

„Du hast wieder Angst. Im Schildwall hast du dich vor Schwertern gefürchtet, jetzt fürchtest du dich vor Bäumen. Wie oft musst du noch ohne Ruhm ausgehen, bevor du begreifst: Alles fällt dem zu, der zuerst kommt und es sich nimmt?“

Die Erwähnung des Schildwalls trifft Steinar.

Er erinnert sich an den Schnee auf dem alten Feld, an Asmund am Rand der Schilde und an den schwarzen Rauch der Scheune. Dann hört er in seiner Erinnerung die kurze alte Zeile: Steinar ist geflohen, Asmund ist gefallen.

Er stellt sich schon vor, wie Brand eine neue Zeile hinzufügt: Steinar hat sich gefürchtet, Ragned hat das Ufer genommen.

Er könnte verkünden, dass er selbst als Erster zum Grünen Ufer zieht, dabei aber sanfter als Ragned vorgeht und die Menschen dort beschützt. Das klingt freundlicher als eine offene Drohung, macht Steinar jedoch trotzdem zum Eroberer und Herrn über fremdes Land.

Saiva steht neben ihrer Leier und gibt ihm seit gestern auch mit den Augen keinen Rat mehr.

Steinar sagt:

„Dann soll das alte Lied mich ein zweites Mal einen Feigling nennen. Ich werde einem fremden Ufer nicht mit blankem Schwert begegnen.“

Ragned lächelt.

„Dann wirst du gar nicht mitkommen.“

Zwei seiner Männer packen Farin.

Alles geht schnell: Die Krieger haben längst auf das Zeichen gewartet. Farin schafft es noch, einen mit der Schulter zu rammen, zieht aber sein Messer nicht. Sie fesseln ihn nicht wie einen gefährlichen Feind, sondern wie einen Sklaven, über den erst noch gestritten werden soll: Sie binden ihm die Hände vor dem Körper zusammen und schlingen das Seil um seine Hüfte, damit sie den Gefangenen vor aller Augen abführen können.

Ein dritter Krieger greift nach Eska.

Steinar macht einen Schritt, doch Ragneds Speere heben sich bereits.

Eska schreit nicht. Sie presst die Schnitzerei an die Brust und sagt:

„Ich gehöre dir nicht.“

Ragned antwortet:

„Genau das werden wir entscheiden.“

Brand schließt für einen Augenblick die Augen. Dann öffnet er sie wieder und hält die Krieger nicht auf.

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