Saiva beginnt zu singen, bevor Steinar Ragned antworten kann. Ihre Stimme setzt leise und tief ein, doch die Menschen am Feuer hören sie. Auch der gefesselte Farin und Eska, die das frische Täfelchen an die Brust presst, hören sie.
„Wer neben uns am Ruder gesessen hat, wird nicht zum Eigentum eines Fremden.“
Die Menschen erstarren.
Ragned fährt zu Brand herum.
Saiva singt weiter:
„Das Mädchen, das das Zeichen des Wassers gefunden hat, wird nicht zur Beute, nur weil es ein Kind ist. Ein vor der Abfahrt eingeschnitzter Schiffsanteil bleibt ihr Schiffsanteil, auch wenn ein alter Skalde Angst hat, das am neuen Ufer anzuerkennen.“
Farin hebt den Kopf.
Eska hört auf, die Zähne zusammenzubeißen.
Steinar begreift Saivas Absicht. Sie gibt den Menschen Worte, die sie sofort wiederholen können. Wenn auch nur zwei Zeilen im Gedächtnis bleiben, wird es schwerer, Farin und Eska als fremdes Eigentum fortzuschaffen.
Brand begreift es ebenfalls.
Langsam geht er zu Saiva und streckt die Hand nach ihrer Leier aus.
„Du hast kein Recht, diesen Streit zu eröffnen.“
Saiva hört nicht auf.
„Wenn das Recht schweigt, sobald ein lebender Mensch wie eine Sache gefesselt wird, braucht keiner darauf zu hören.“
Brand zieht sein Messer.
Steinar fährt zusammen, doch genau darauf hat Ragned gewartet. Die Speerspitzen rücken näher an Farins Kehle.
Saiva sieht das Messer und singt trotzdem weiter.
Brand durchtrennt die erste Saite.
Die Saite gibt einen kläglichen Klang von sich und hängt schlaff herab.
Saiva zuckt zusammen, schweigt aber nicht.
Die zweite Saite reißt an ihrem Finger und hinterlässt eine rote Linie.
Die dritte durchtrennt Brand ebenso ruhig. Die Leier seiner ehemaligen Schülerin verstummt.
„Deine Stimme hat in der alten Weise kein Gewicht“, sagt er.
Saiva sieht ihm ins Gesicht.
„Dann ist es gut, dass wir nicht in der alten Halle sind.“
Steinar wird von Wut gepackt. Am einfachsten wäre es, Ragned zum Zweikampf zu fordern: Bruder gegen Bruder, Schwert gegen Schwert. Diese Antwort würden alle verstehen, und Brand würde den schönen Kampf gewiss besingen. Für einen Zweikampf könnte man Farin und Eska freilassen, und Saiva würde sehen, dass Steinar sich nicht hinter Worten versteckt.
Ragned wartet.
Er zieht sogar den Handschuh aus.
„Nun?“
Steinar erinnert sich an Asmund am Rand des Schildwalls.
Selbst wenn Steinar den Zweikampf gewinnt, wird Brand wieder eine Geschichte von Kriegern, Blut und schönem Tod erzählen. Farin und Eska werden nur der Anlass für den Kampf bleiben, und ihre eigenen Worte wird niemand hören.
Er nimmt die Hand vom Messer.
Ragned lacht.
„Zum zweiten Mal.“
„Ja“, sagt Steinar. „Zum zweiten Mal lasse ich nicht zu, dass du alles in einen heldenhaften Zweikampf verwandelst und die Wahrheit darunter begräbst.“
Das Lachen wird lauter.
Einer von Ragneds Männern spuckt ihm vor die Füße.
Saiva sieht ihn mit Schmerz an, aber ohne die Kälte vom Vortag. Verziehen hat sie ihm noch nicht.
Da tritt Modra ans Feuer.
In den Händen trägt sie den gesprungenen leeren Becher.
In dem einsetzenden Tumult hält niemand die alte Frau für gefährlich. Ketil trägt den Becher, denn Brand will ihn nicht zwischen blanken Waffen aufbewahren. Modra schlägt dem Kaufmann mit ihrem Stock aufs Knie. Er lässt den Becher fallen, und das alte Holz bricht am inneren Rand entzwei.
Brand wird bleich.
„Du hast das Gedächtnis der Sippe zerbrochen.“
Modra hebt einen Splitter auf.
„Nein. Ich habe die Stelle freigelegt, die du ausgelassen hast.“
An der gebrochenen Kante kommt unter dem dunklen Belag vieler Jahre eine tiefe Kerbe zum Vorschein.
Genau die, die Brand nicht genannt hat.
Eska, die einer der Krieger festhält, lächelt plötzlich durch ihre Angst hindurch.
Die Abschrift auf ihrem Ärmel bestätigt die Kerbe, die der alte Skalde verschwiegen hat.
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