Ins Archiv fuhr ich Ende September, an einem Donnerstag, ohne es jemandem zu sagen.
Die Werkstätten hinter der Brücke waren nicht vollständig umgezogen: die Hälfte des Bestands war weggebracht, aber die Verwaltung und das Archiv waren am alten Ort geblieben, in einem zweistöckigen Gebäude mit einer Eingangstreppe von drei Stufen und einem Schild, auf dem zwei Organisationen durchgestrichen und eine von Hand nachgetragen war.
Die Frau im Archiv war um die fünfzig, füllig, mit einer Brille an einer Kette, und sie hieß Olga Witaljewna. Tüchtig war sie tatsächlich.
„Personalakten? Welches Jahr?“
„Irgendwann in den Siebzigern. Genau weiß ich es nicht.“
„Der Name?“
Ich nannte den Namen, und sie ging und blieb etwa zwanzig Minuten weg.
Ich saß auf einem Stuhl im Flur und sah auf das schwarze Brett, an dem der Urlaubsplan von vorletztem Jahr hing, eine Anordnung über die Ausweiskontrolle und eine Anzeige über den Verkauf einer Garage. Zweimal ging eine Frau mit einem Wasserkessel durch den Flur. Irgendwo hinter der Wand arbeitete ein alter Drucker: Er brauchte lange, um in Gang zu kommen, druckte dann schnell und brauchte wieder lange.
Ich dachte, Igor hätte im April hierherkommen können, wenn ich das Papier weitergegeben hätte, und dass dann alles genauso gewesen wäre: dieser Flur, dieser Urlaubsplan, diese Frau mit dem Wasserkessel. Und nichts wäre geschehen, außer dass er es gewusst hätte.
Dann kam sie mit einer Mappe zurück.
„Bitte. Es ist nur wenig, gerade zwei Blatt.“
Das erste war eben jenes. Dasselbe Formular, derselbe gedruckte Rahmen, dieselbe Unterschrift mit der langen Schleife, und von Hand unten: „Arbeit nicht angetreten“. Die Kopie davon hatte ich fast ein Jahr in Händen gehabt und kannte sie auswendig.
Und das zweite war ein Ausgabeschein.
Ein gewöhnlicher Schein über die Ausgabe von Werkzeug, mit Nummern, mit zwei Unterschriften und mit einem Datum, und das Datum lag vier Tage später als das auf der Einverständniserklärung. In der Spalte stand: Schärfmesser, eins, und die Nummer.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Das heißt, er hat das Werkzeug abgeholt.“ Olga Witaljewna sah über die Brille. „Gegen Unterschrift, wie es sich gehört. Sie wurden damals gleich ausgegeben, damit jeder mit seinem eigenen anfangen konnte.“
Ich saß und sah auf die zwei Unterschriften.
Er hatte nicht einfach aus der Ferne abgesagt. Er war hierhergekommen, über die Brücke, diese drei Stufen hinauf, hatte unterschrieben, das Messer genommen und war gegangen. Und nie wiedergekommen.
„Und warum hat er nicht gearbeitet?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“ Sie zuckte ohne jedes Interesse mit den Schultern. „Hier sind nur die Papiere.“
Nur von dem zweiten Blatt bat ich um eine Kopie; das erste hatte ich bereits. Olga Witaljewna machte sie, nahm das Geld und schrieb eine Quittung.
Schon in der Tür fragte ich nach Safonow.
„Nikolai Arkadjewitsch?“ Olga Witaljewna nahm die Brille ab. „Der ist doch gestorben. Schon im Mai.“
Ich stand da und hielt die Mappe mit den zwei Blättern.
„Woran?“
„Am Herzen. Er war im April zum letzten Mal hier, hat eine Kopie bestellt, ich habe sie gemacht.“ Sie überlegte. „Ein guter Mensch. Gründlich.“
Ich begann, die Blätter in die Mappe zu legen, bekam sie aber nicht hinein, und sie landeten auf dem Tisch. Ich sammelte sie auf, legte sie noch einmal zusammen und bekam sie wieder nicht in die Mappe.
„Setzen Sie sich doch“, sagte Olga Witaljewna.
„Nein, danke.“
Zu Fuß ging ich über die Brücke zurück, und der Weg zog sich hin, weil ich den Bus verpasst hatte und den nächsten nicht abwartete.
Die Kopie, die er versprochen hatte, war im April gemacht worden und lag irgendwo bei ihm zu Hause oder schon nirgends, und niemand wird sie jetzt bringen.
Überhaupt wird jetzt niemand mehr irgendetwas bringen.
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