ОттискOriginalromane
REX WANG UND STYX

Kapitel 3. Königin der Scharlachschwingen

Das Nashorn wird schneller, als sein Gewicht vermuten lässt. Ich schicke ein paar Dutzend Soldaten auf seine Augen, doch die Bestie schließt die Lider und läuft einfach durch die Wolke. Beim ersten Zusammenstoß geht die Hälfte des Köders drauf.

Jeder Tod sticht kurz in meine Schläfen. Solange der Schwarm klein ist, lässt sich der Schmerz aushalten.

Lily erreicht die Felsen. Der Durchgang ist zu eng für das Nashorn, doch die Bestie hat gar nicht vor, ihr in den Durchgang zu folgen. Sie rammt das Horn gegen den Fuß der Felswand.

Von oben regnen Steinbrocken herab.

„Es bringt den Durchgang zum Einsturz!“, schreit Lily.

Ich teile den Schwarm. Eine Gruppe setzt sich auf Lippen und Nüstern, sodass die Bestie die Luft anhalten muss. Die zweite kriecht unter die Hautfalten an den Vorderbeinen. Styx bleibt auf Abstand.

Lily könnte tiefer in Deckung gehen, bleibt aber am Rand. Ihr Lichtgeist antwortet schwach unter den Wurzeln. Sie hebt die Hand, und auf der Schnauze des Nashorns erscheint ein blasser Lichtfleck.

Die Bestie zuckt zum Licht. Ihr Horn trifft den anderen Stützfelsen.

„Noch mal!“, rufe ich.

„Er hat fast keine Kraft mehr.“

„Dann verschwende das Licht nicht für Schaden. Zeig ihm nur ein Ziel.“

Lily setzt einen kleinen Punkt neben das Auge statt eines hellen Blitzes. Das Nashorn dreht den Kopf und öffnet damit das linke Vorderbein. Sie besiegt die Bestie nicht für mich. Aber sie verschafft mir die eine Sekunde, ohne die Styx die Haut nicht erreicht.

Das Nashorn schlägt mit dem Kopf um sich, zerquetscht Mücken an den Felsen und rammt weiter die Wand. Gegen seine Panzerung hilft keine Menge. Aber jeder Stoß legt einen schmalen Streifen Haut unter dem Vorderbein frei.

Ich warte auf den dritten Schlag.

„Jetzt.“

Styx sticht in die verwundbare Stelle und spritzt ihr Gift hinein.

Das Nashorn schafft noch zwei Schritte. Dann knicken die Vorderbeine weg, und sein Horn pflügt durch den Boden. Ein Felsblock löst sich über uns, doch Lily rollt rechtzeitig aus dem Durchgang.

Das System meldet die gewonnene Essenz und bietet einen Aufstieg an.

Diesmal bestätige ich nicht sofort.

Die Soldaten bedecken den Kadaver. Der Hunger des Schwarms ist stärker als zuvor, und gleich daneben liegt Lilys Geist. Sein Licht ist fast erloschen. Ich ziehe die Mücken von ihm weg und lasse sie nur vom Nashorn fressen.

Styx landet auf meiner Handfläche. Durch die Bindung kommt erst Ungeduld, dann ein Bild: vier rote Flügel, große Höhe und ein Ton, der Stein zerreißt.

„Das willst du?“, frage ich.

Sie tippt mit einem Bein auf meinen Finger.

Ich bestätige den Aufstieg.

Eine rote Hülle schließt sich um Styx. Darin knacken die alten Flügel. Sekunden später bricht der Kokon auf. Über meiner Handfläche erhebt sich ein Wesen von der Größe eines kleinen Vogels. Vier scharlachrote Flügel halten es ohne sichtbare Bewegung in der Luft. Den Hinterleib bedeckt ein Blutkristallpanzer.

Königin der Scharlachschwingen.

Sie stößt einen dünnen Ton aus. Der nächste Felsen bekommt Risse, und alle Soldaten sinken gleichzeitig zu Boden.

Lily drückt ihren Geist an die Brust.

„Hast du gewusst, dass sie so aussieht?“

„Heute Morgen war sie noch eine Mücke.“

Lily hält das für einen Witz. Ich kläre sie nicht auf.

Ihr Lichtgeist überlebt, aber die Bindung ist beschädigt. Ich helfe ihr, ihn zum Ausgang des Jagdgebiets zu tragen. Unterwegs schaut Lily mehrmals zu Styx. Nicht ängstlich, eher vorsichtig neugierig.

Styx beobachtet sie genauso.

An der Hauptarena wartet Lenny schon auf uns. Er hat inzwischen jedem erzählt, dass der Besitzer des toten Eis vor dem Treffen davongelaufen ist.

Als ich mit der dreckigen Lily hinter mir auf die Kampffläche komme, glauben die Zuschauer, sie hätte mich gerettet.

Lenny grinst.

„Na endlich. Zeig uns, wofür du uns hast warten lassen.“

Ich lasse Styx hinter meinem Kragen hervorkommen.

Das Lachen auf den Rängen verstummt nicht sofort. Die Leute sehen ihre Flügel und den Panzer, erkennen darin aber immer noch eine Mücke.

Auf dem obersten Rang sitzt Leon Li. Neben ihm liegt der Leerendrache, eine schwarze Bestie mit schmalem Kopf und Augen wie Löcher im Nachthimmel.

Leon sieht nicht mich an. Er sieht Styx an.

Der Drache hebt ebenfalls den Kopf.

Im Reader öffnen