Das Büro der Geldverleiher nimmt das Erdgeschoss einer alten Färberei ein. Als Kind bin ich jeden Tag daran vorbeigegangen und habe jedes Mal das Tempo erhöht. Hinter den trüben Fenstern sitzen Leute, die die Schulden jeder Familie in der Straße kennen.
Jetzt sieht der Wachmann Styx und öffnet von selbst die Tür.
Der Besitzer wartet in seinem Büro. Ein dürrer alter Mann mit silbernen Zähnen hat meinen Vertrag auf den Tisch gelegt und tut so, als würde er die Sirenen draußen nicht hören.
„Rex Wang. Du bist berühmt geworden.“
„Lösch die Schuld.“
Ich lege den dunklen Kern eines Schattenleoparden und eine Platte der Titanenechse vor ihn. Selbst die niedrigste Schätzung reicht.
Der Alte fasst die Beute nicht an.
„Drei Millionen sind nur die Bearbeitungsgebühr.“
Er dreht den Vertrag um. Unter den normalen Zeilen liegt eine zweite Siegelschicht, die erst sichtbar wird, wenn der Erbe erwacht. Mein Blut in der Gasse hat nicht nur das Ei aktiviert.
„Das Eigentum der verstorbenen Eheleute Wang wird bis zur Volljährigkeit des Erben verwahrt“, liest Lily. „Die Kosten werden mit Geld oder der ersten erweckten Bestie von angemessenem Wert beglichen.“
Unter dem Text stehen das Siegel der Gilde und das Zeichen der Familie Li.
Diese Schuld war nie dafür gedacht, bezahlt zu werden. Solange das Ei als tot gilt, können die Geldverleiher mich mit Zinsen quälen. Wäre eine mächtige Bestie erwacht, hätte der Vertrag sie dem Gläubiger überschrieben.
„Wer hat das aufgesetzt?“, fragt Cole.
Der Alte schaut zum roten Fahndungssiegel draußen im Fenster.
„Ich bin nur der Verwahrer. Der Vertrag ist vor achtzehn Jahren zusammen mit einem Kind und einem grauen Ei gebracht worden.“
„Von wem?“
Er öffnet den Mund.
Draußen zerbricht ein Fenster.
Eine Glaskapsel fliegt ins Zimmer. Cole schafft es, sie vor der Explosion mit einem Metallschild abzudecken. Brenngel läuft über den Boden.
Rote Flammen kriechen an den Wänden hoch.
Durch den Haupteingang stürmen maskierte Männer, begleitet von drei Feuerhunden. Auf ihren Halsbändern ist das Zeichen eines Auftragnehmers der Familie Li.
Sie wollen mich nicht festnehmen. Sie sind hier, um das Archiv und jeden zu verbrennen, der den Vertrag lesen kann.
„Lily, die Dokumente! Cole, bring die Leute raus!“
Ich schlage ein Fenster zur nächsten Werkstatt ein. Hinter der Wand arbeiten Färber, dort leben ihre Familien und schlafen die Kinder der Nachtschicht. Das Feuer frisst sich schon durch die alten Holzbalken nach oben.
Die Schwarmkapitäne bekommen drei Befehle: Zünder löschen, die Hunde blenden, Menschen im Rauch finden.
Die Soldaten können kein Feuer löschen, verstopfen aber mit ihren Körpern die Düsen der neuen Kapseln. Sprengmilben zerstören die Fensterschlösser. Styx geht durch die Wand und markiert mit schwachen Entladungen die Stellen, an denen im Rauch noch Menschen liegen.
Einer der Hunde springt den Alten an. Ich fange ihn mit einer Vorhangkette ab, reiße ihn zur Seite, und der Schwarm stößt in sein Maul. Die Bestie röchelt und fällt.
Evolutionspunkte leuchten auf dem Display auf.
Ich sehe die Zahl nicht an.
Kanes Männer sammeln Kisten mit Verträgen und gehen zum Hinterausgang. Ich könnte sie einholen. Zwischen uns liegt nur ein Korridor.
Oben schreit ein Kind.
Ich bleibe stehen.
Der Boden unter meinen Füßen brennt schon. Im ersten Stock presst sich ein Mädchen von etwa zehn Jahren gegen ein Fenster, kommt aber nicht durch das Gitter. Ihre Mutter versucht die Treppe hinaufzukommen und erstickt fast im Rauch.
„Styx, nach oben.“
Die Kisten mit dem Archiv verschwinden durch die Tür.
Styx geht durch das Schloss, gibt eine Entladung ab und sprengt den Mechanismus. Die Soldaten ziehen am Fenster ein lebendes dunkles Band entlang. Es trägt keinen Menschen, zeigt Cole aber einen sicheren Weg über das Gesims.
Der Sergeant klettert hinauf, reißt das Gitter mit einem Hebel los und gibt das Mädchen ihrer Mutter.
Währenddessen holt Lily ein paar verkohlte Seiten und das Original meines Vertrags aus dem Büro. Der Besitzer kriecht hinter ihr her und hält den Ärmel vors Gesicht.
Wir bringen die Menschen über den Färberhof nach draußen, bevor das Dach einstürzt.
Die Angreifer entkommen mit dem größten Teil des Archivs. Ich kann nicht sofort herausfinden, wer mich als Kind in das Büro gebracht hat. Aber auf zwei der Seiten, die Lily gerettet hat, steht immer wieder dieselbe Lagernummer der Stadtgilde.
Der Alte sitzt auf dem nassen Pflaster und sieht seinem Gebäude beim Brennen zu.
„Deine Eltern haben von uns kein Geld genommen“, sagt er. „Die Familie Li hat uns bezahlt, damit die Schuld offen bleibt. Brutus sollte beobachten, ob das Ei aufwacht.“
Die Nachbarn hören es.
Kane will, dass die Slums mich für einen Mörder und den Brandstifter halten. Stattdessen sehen die Leute das Zeichen der Lis auf den Halsbändern der Hunde und einen Schwarm, der Kinder aus dem Rauch führt.
Das Mädchen aus dem oberen Stock nimmt eine Kupferpfeife vom Hals und hält sie mir hin.
„Damit du uns rufen kannst, wenn es wieder brennt.“
Ich weiß nicht, wie man auf so etwas antwortet. Ich nehme die Pfeife und stecke sie neben dem Kern in die Tasche.
Styx landet auf meiner Schulter. Durch die Bindung kommen fremder Husten, Hitze und Erleichterung. Der Schwarm berührt Dutzende Menschen, zum ersten Mal aber nicht, um zu fressen.
Auf dem Stadtbildschirm über der Straße erklärt Kane den Brand zum Beweis für einen Angriff des Dämonenkults.
Keiner im Hof glaubt ihm.
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