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REX WANG UND STYX

Kapitel 15. Die letzte Mitarbeiterin

Die Forschungsstation liegt im Norden der Wildlande, hinter dem alten Aschesumpf.

Offiziell ist der Weg seit einem Ausbruch giftiger Sporen gesperrt. Auf Militärkarten steht an der Stelle nur ein leeres Quadrat. Cole findet ein altes Gütergleis, über das vor achtzehn Jahren die Ausrüstung abtransportiert worden ist, und klaut aus einem Armeelager eine Motordraisine für Reparaturtrupps.

Nach seiner Aussage in der Arena hat er nicht mehr viel zu verlieren. Das Kommando hat seinen Zugang zu den Waffen und seinen Sold gesperrt. Der Befehl zur Degradierung wandert noch durch die Verwaltung, und seine Uniform hat Cole nicht ausgezogen.

„Solange mir die Entlassung nicht persönlich übergeben worden ist, bin ich Sergeant“, erklärt er.

Lily sitzt am Steuerpult und entfernt Störungen aus der Aufnahme des Siegels. Seit der Arena hat sie kaum geschlafen. Tausende Bewohner haben Kopien gespeichert, doch die Stadtkanäle verbreiten pausenlos neue Versionen: Kane soll den Reif aktiviert haben, um einen infizierten Drachen aufzuhalten. Leon soll seine Aussage unter Gift gemacht haben. Der Schwarm soll die Aufnahme ausgetauscht haben.

Am Morgen ist die Wahrheit nicht verschwunden. Sie liegt nur unter hundert bequemen Erklärungen begraben.

Ich stehe auf der vorderen Plattform der Draisine. Styx fliegt nebenher und landet manchmal auf dem Geländer. Die überlebenden Bruten folgen in getrennten Gruppen und bleiben innerhalb von drei Kilometern.

Seit dem ersten Nein fühlt sich die Bindung anders an. Die Befehle gehen noch durch, doch vor jedem liegt eine kurze Pause. Styx prüft ihn selbst. Das nervt und macht den Schwarm gleichzeitig präziser. Die Königin korrigiert meine Befehle, wenn sie die Gefahr früher erkennt als ich.

Der Aschesumpf empfängt uns mit grauem Schnee. Er liegt auf dem Wasser, den Wurzeln und den Skeletten alter Türme. Vor einem Einsturz endet die Fahrt. Den Rest müssen wir zu Fuß gehen.

Die Station steckt in einem Betonhang. Vom Namen ist am Tor nichts mehr übrig. Nur ein Kreis, den drei Linien teilen. Dasselbe Zeichen steht auf dem Kern und auf der Innenseite von Styx’ Ei.

Ich lege die Hand an die Konsole. Nichts passiert.

Styx landet daneben.

Die Tür öffnet sich.

Ein Schwarm weißer Sporen schießt aus der Dunkelheit. Cole hebt einen Filterschirm, Lily schützt ihr Gesicht, und ich lasse die Soldaten die Wolke auseinandertreiben. Die Sporen sind kein Gift, sondern eine Alarmanlage. Sie setzen sich auf uns und beginnen zu leuchten.

Tief im Korridor klickt ein Verschluss.

„Noch einen Schritt, dann verbrenne ich die Königin zusammen mit ihrem Träger.“

Eine Frau hält mit beiden Händen einen alten Flammenwerfer. Ihr Haar ist fast grau, über die linke Wange läuft eine Narbe. Um ihren Hals liegt ein leerer Bindungsring, die Spur eines gewaltsam entfernten Siegels.

„Mira Shen?“, fragt Lily.

Die Frau senkt die Waffe nicht.

„Wer hat euch diesen Namen gegeben?“

Ich zeige ihr den gebrochenen Kern.

Mira sieht das Zeichen, dann Styx. Langsam geht der Flammenwerfer nach unten.

„Ich dachte, das Ei wäre tot.“

„Das dachten alle.“

„Nein. Das sollten alle denken.“

Sie führt uns durch eine luftdichte Schleuse. Dahinter sind die Labore noch erhalten: zerbrochene Brutkammern, Tische mit versteinerten Proben und Wände voller Diagramme von Nervenbindungen. In einem Saal stehen leere Käfige. Statt des Namens einer Bestie trägt jeder die Nummer ihres Besitzers.

Mira bleibt vor einem alten Projektor stehen.

„Deine Eltern haben hier gearbeitet. Deine Mutter hat Schwarmköniginnen erforscht. Dein Vater hat die Verträge der Gilde geprüft und entdeckt, dass die normale Bindung einen zweiten Steuerkreis enthält.“

Sie zeigt ein Diagramm mit zwei Linien. Eine verbindet Mensch und Bestie. Die andere läuft nach oben zum Zeichen der Gilde.

„Der erste Kreis überträgt Gefühle und Befehle. Über den zweiten kann der Besitzer des Siegels eingreifen, Schmerzen verstärken, Fähigkeiten sperren oder das Recht zur Kontrolle weitergeben. Die meisten Bestienbändiger wissen nicht, dass man ihre Bindung überschreiben kann.“

Ich denke an den goldenen Reif des Leerendrachen.

„Kane hat den zweiten Kreis bei Leon benutzt.“

„Die Familie Li hat ihn schon lange vor Leons Geburt benutzt.“

Mira startet eine Archivaufnahme. Bestienbändiger unterschreiben Verträge, ihre Bestien wehren sich, weiße Basilisken drücken sie auf den Boden. In der Ecke jedes Dokuments steht das Siegel der Familie Li.

„Wir wollten eine Bindung ohne äußeren Besitzer schaffen. Die Bestie sollte den Vertrag genauso bestätigen wie der Mensch. Die Gilde hat die Forschung zur Ketzerei des Dämonenkults erklärt.“

„Hat es den Kult wirklich gegeben?“, fragt Cole.

„Es gab Dutzende Gruppen: Wissenschaftler, Schmuggler, Mörder, Bestienbändiger, die ihre Tiere freigelassen haben. Die Gilde hat sie unter einem Namen zusammengefasst. Damit hat sich ihr Eigentum leichter ohne Prozess beschlagnahmen lassen.“

Mira berührt die leere Spur an ihrem Hals.

„Als die Station geschlossen wurde, hat meine Bestie sich gewehrt. Kane hat befohlen, die Bindung zu zerreißen. Ich habe überlebt. Sie nicht.“

In ihrer Stimme sind keine Tränen. In achtzehn Jahren ist der Schmerz zu alt dafür geworden.

Styx fliegt zu einem der Käfige. Darin liegt noch ein kleines Stück graue Schale.

„Sie ist hier geboren“, sagt Mira.

Auf dem Projektor erscheint eine große Schwarmkönigin. Keine Mücke und keine Milbe. Das Wesen mit durchsichtigen Flügeln liegt inmitten vieler Bestien verschiedener Arten. Keine trägt einen Reif.

„Die letzte Königin eines freien Nests“, sagt Mira. „Vor ihrem Tod hat sie ein Ei geschaffen. Es sollte die Fähigkeit bewahren, den äußeren Steuerkreis zu durchtrennen.“

Ich sehe Styx an.

Sie sitzt am Rand des Käfigs und berührt die Schale mit dem Stechrüssel.

Sie ist keine zufällige schwache Bestie.

Kane sucht seit achtzehn Jahren nach ihr.

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