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REX WANG UND STYX

Kapitel 16. Vor dem ersten Befehl

Mira findet eine Aufnahme vom letzten Tag der Station.

Auf dem Bildschirm erscheint eine Frau im Laborkittel. Ihr Gesicht ist müde, die Haare sind hastig zusammengebunden. An meine Mutter erinnere ich mich nicht. Nach ihrem Tod sind mir nur ein paar Erzählungen anderer und ein Foto geblieben, das Brutus einmal zum Spaß verbrannt hat.

Jetzt steht sie vor dem Aufnahmekristall und hält ein graues Ei.

„Wenn sich das Archiv geöffnet hat, ist die Königin erwacht. Nennt sie nicht Waffe. Sie hört euch, bevor sie antworten kann.“

Meine Mutter legt die Hand auf die Schale. Von innen kommt schwaches rotes Licht.

„Wir wissen nicht, wer ihr Träger wird. Das Ei weist zugewiesenes Blut zurück und wählt selbst eine kompatible Probe.“

Hinter der Tür spricht mein Vater. Er sagt, die Gilde nähere sich der Station. Meine Mutter schaut zu ihm, dann wieder zum Aufnahmekristall.

„Wenn sie unseren Sohn gewählt hat, sagt ihm nicht, dass wir sie als Erbe hinterlassen haben. Ein lebendes Wesen kann man nicht vererben.“

Die Aufnahme bricht ab.

Lange sehe ich auf den leeren Bildschirm.

In der Gasse habe ich geglaubt, mein Blut hätte das System zufällig gestartet. Jetzt weiß ich: Styx konnte es zurückweisen. Das System hat das Ei nur gewaltsam geweckt, weil ich kurz vor dem Tod war. Die Kompatibilität hat die Königin selbst bestätigt.

„Warum hat das System mich Spieler und sie Starteinheit genannt?“

Mira öffnet eine Codeschicht, die in der Schale gespeichert ist.

„Leute der Gilde haben das System geschrieben. Deine Eltern haben den Steuerkern gestohlen und in das Ei eingebaut, damit die Königin schneller wachsen kann als ihre Verfolger. Sie haben die Grenzen geändert, aber nicht mehr die Sprache. Für die Gilde gibt es nur Herr, Einheit, Ressource und Eigentum.“

Styx erhebt sich vom Käfig und schwebt vor dem Bildschirm.

„Erinnerst du dich an sie?“, frage ich.

Ich spüre Wärme um einen reglosen Körper. Den Rhythmus eines fremden Herzens durch die Schale. Eine Stimme, deren Worte man nicht versteht und die man trotzdem erkennt.

Styx erinnert sich an meine Mutter.

Dann wirft die Bindung eine andere Erinnerung aus: Dunkelheit, Jahre ohne Bewegung, Schritte in der Nähe, die Erweckungszeremonie und mein Blut. Für mich ist zwischen Zeremonie und Gasse ein Tag vergangen. Für sie hat das Warten fast ihr ganzes Leben gedauert.

Danach muss niemand mehr ihre Angst vor Kanes Käfig erklären.

Wir prüfen das Systemprotokoll. Jede Fähigkeit hat zwei Zeilen: den offiziellen Namen und den verborgenen Zweck.

Die Rüstungsdurchdringung ist nicht zum Töten geschaffen worden. Sie soll die Königin durch die Hülle von Steuersiegeln bringen. Die Teilung soll eine Bindung auf viele unabhängige Knoten verteilen. Der Marionettenparasit kann Muskeln übernehmen. Seine ursprüngliche Funktion besteht aber darin, einen Nervenkreis zu erreichen und einen fremden Befehl zu entfernen.

„Styx kann also Bestien befreien?“, fragt Lily.

„Wenn sie lernt, Bindung und Persönlichkeit zu unterscheiden“, antwortet Mira. „Im Moment dringt sie in alles gleichzeitig ein. Deshalb hat Rex die Erinnerungen des Leibwächters bekommen.“

Mira setzt eine Labormaus mit einem einfachen Steuersiegel auf den Tisch. Styx berührt ihren Hals und fliegt sofort zurück. Durch die Bindung spüre ich kurz die Angst des Tiers, den Geruch des Käfigs und den Wunsch, sich zu verstecken.

„Jedes lebende Gehirn hinterlässt eine Spur“, fährt Mira fort. „Abdrücke von Bestien sind einfach. Menschliche kommen mit Erinnerungen, Scham und einem fremden Willen. Töte Menschen für Punkte, und irgendwann weißt du nicht mehr, wessen Hass gerade entscheidet.“

Ich denke an Brutus. Dann an den Leibwächter und an seine Frau, die ich nie mit eigenen Augen gesehen habe.

„Das System gibt Punkte für Menschen.“

„Es zählt biologische Energie. Moral hat niemand eingebaut.“

„Praktisch.“

„Für eine Waffe schon. Für ein lebendes Wesen nicht.“

Styx setzt sich auf meine Hand. Ich spüre ihren Hunger, ihre Wachsamkeit und einen neuen Wunsch, den ich nicht sofort erkenne.

Sie wartet auf eine Antwort.

„Ich werde den Parasiten nicht benutzen, um einen Menschen vollständig zu kontrollieren“, sage ich.

„Nie?“, fragt Lily.

Das Wort bleibt hängen. In einer Welt, in der Kane mit einem Siegelring unseren Tod befehlen kann, klingt das Versprechen, die stärkste Waffe nie zu benutzen, ziemlich dumm.

Ich formuliere es genauer.

„Ich werde keinen fremden Willen auslöschen. Selbst Kane soll mit seinen eigenen Worten antworten.“

Styx legt die Flügel an.

Mira öffnet eine Karte unter der Station. Die Linien führen weit über die Labore hinaus und verbinden sich mit den städtischen Bindungsarchiven.

„Diese Station ist über einem uralten Schwarmnest gebaut worden. Es hat Signale ohne eine einzige Königin übertragen, über verteilte Knoten. Die Familie Li hat das Muster für den zweiten Steuerkreis der Gilde benutzt.“

In der Mitte der Karte ist ein Saal als Krone der Bindung markiert.

Für ihre Aktivierung braucht man drei Dinge: den Donnerkern als Energiequelle, eine Leerenbestie als Leiter und eine freie Königin als Stabilisator für die vielen Bindungen.

Kane hat schon einen Splitter des Kerns und kontrolliert den Reif des Leerendrachen. Ihm fehlt nur Styx.

„Was ist im zentralen Saal?“

„Das Urarchiv und der Zustimmungsschlüssel. Damit lässt sich der zweite Steuerkreis in ganz Skyfall City abschalten.“

Cole prüft seine Waffe.

„Dann holen wir den Schlüssel vor Kane.“

Mira schaut auf die erloschenen Sensoren am äußeren Ring.

„Er ist schon hier.“

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