Siebzehn Minuten reichen, solange sich jede Tür an die Karte hält.
Die erste tut es nicht.
Das Familiensiegel erkennt Leon, zeigt seinen Namen und verweigert den Zutritt. Seit dem Bruch des Vertrags gilt er nicht mehr als Erbe. Der Leerendrache schlägt eine Klaue gegen den Stein, aber Leon hält ihn auf.
„Mein Vater hätte hinter das erste ein zweites Schloss gesetzt.“
Rem findet einen schmalen Spalt am Boden. Die Gilde hat ihrem Sohn das Zutrittsrecht genommen, vertraut aber immer noch dem Mann, der den Inhalt bewertet hat.
Das Siegel nimmt seine Hand nicht an.
„Zugang ausgesetzt“, meldet das Archiv. „Gutachter Rem steht unter interner Prüfung.“
In Rems Gesicht verändert sich nichts. Nur sein Daumen fährt wieder über den Metallrand.
„Kannst du das Eigentum mit dem Familiencode bestätigen?“, fragt er Leon.
„Der Code ist widerrufen.“
„Ein widerrufenes Recht bleibt bei Erbstreitigkeiten dreißig Tage gespeichert.“
Leon legt seine Hand daneben. Die Tür verlangt einen Grund für den gemeinsamen Zugriff.
Rem sagt:
„Anfechtung der Bewertung des Titanenkerns.“
Die alte Lüge öffnet uns den Weg.
Hinter der Tür riecht es nach kaltem Metall und Medizin. Statt der erwarteten Regale voller Verträge sehen wir Reihen gläserner Zellen.
Darin liegen Bestien.
Steinerne Welpen, Kokons, Eier in Salznestern, geblendete Vögel, durchsichtige Geister in Gefäßen. Auf jedem Schild stehen der Name eines Menschen, eine Schuldsumme und das Datum der Beschlagnahmung. Einige Daten sind älter als ich.
Ein Jungtier rammt den Kopf gegen die Scheibe, als Rem vorbeigeht. Der Gutachter wird langsamer, bleibt aber nicht stehen.
„Zuerst der Kontrollraum“, sagt er. „Sonst öffnen wir einen Käfig und verbrennen den Rest.“
Styx schickt zwei Späher los. Der erste führt uns zu den Protokollen, der zweite verschwindet in der Lüftung.
Ich finde die Zelle der Familie Wang.
Leer.
Laut dem obersten Eintrag ist ein Ei unbekannter Art vor achtzehn Jahren bei einem Unfall vernichtet worden. Darunter steht Kanes Unterschrift.
Rem schiebt ein Messer unter den Rand des Schildes. Unter der ersten Schicht liegt ein Übergabeformular. Das Ei ist als totes biologisches Material getarnt und ins städtische Tierheim geschickt worden. Der Empfänger hat keinen Namen angegeben.
An dem Dokument hängt ein schmaler Papierstreifen.
Ich kenne die Handschrift meiner Mutter aus den Laboraufzeichnungen.
„Wenn das Wesen erwacht, schließen Sie keinen Vertrag für es. Wenn es den Jungen wählt, halten Sie es nicht auf.“
Ich lese den Satz zweimal.
Kein Versprechen, dass Styx mich wählt. Nur die Bitte, ihr diese Möglichkeit nicht zu nehmen.
Styx kriecht von meinem Kragen und berührt das Papier mit ihren Beinen.
Der Späher kommt aus der Lüftung zurück. Ein Flügel brennt weiß.
Ein dünner heller Streifen läuft über die Decke.
„Säuberung eingeleitet“, meldet das Archiv. „Vollständige Vernichtung kontaminierter Träger in neun Minuten.“
Die Steintüren schließen sich. Zwischen den Reihen schießen Wände aus weißem Feuer hoch. Die Flammen berühren weder Boden noch Glas. Sie laufen durch die Siegel, Verträge und lebenden Verbindungen in den Zellen.
Rem reißt das Hauptprotokoll aus dem Pult.
„Die Dokumente können wir durch die Leere bringen.“
Aus dem nächsten Käfig kommt der erste Schrei.
Ich sehe vom Protokoll zu den Schlössern.
„Die Dokumente können warten.“
„Das Feuer nicht.“
„Deshalb öffnen wir alle Käfige.“
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