Das erste Schloss gibt nicht nach.
Cole schlägt mit dem Griff dagegen, Leon verbrennt den Rand mit Leere. Doch das weiße Siegel gräbt sich nur tiefer ins Glas. Hinter der Tür rast ein Steinhund umher. Jedes Mal, wenn das Feuer das Schild mit dem Namen seiner Besitzerin berührt, läuft ein Riss über seinen Rücken.
Unter dem Protokoll findet Rem einen Schlüsselbund.
„Die Zellen haben verschiedene Klassen“, sagt er. „Schulden, Gericht, Erbschaft, Gefahr.“
„Wie viele Schlüssel?“
„Zweiundsiebzig.“
Noch acht Minuten bis zur Säuberung.
Styx schickt ihre beiden Späher los. Einer landet auf dem Schloss, der andere auf dem Schlüsselbund. Durch sie kommen Gerüche nach Metall, Öl und altem Blut. Styx kennt die Zahlen auf den Schlüsseln nicht. Dafür merkt sie, welche häufiger angefasst worden sind.
Rem nimmt einen abgenutzten Schlüssel. Das Schloss springt auf.
Der Steinhund schießt heraus und drückt sich an die Wand. Cole lässt den Weg zwischen ihm und dem Ausgang frei. Die Bestie läuft nicht weg. Sie dreht sich zur nächsten Zelle. Dort windet sich ein kleiner Erdgeist im Feuer.
„Er zeigt es uns“, sagt Leon.
Wir öffnen den zweiten Käfig.
Schon nach den ersten Türen ist klar, dass es hier keine zwei gleichen Käfige gibt. In einem schläft ein Kokon, den man nicht erschüttern darf. In einem anderen stürzt sich ein Vogel auf jedes Licht. Die dritte Zelle ist leer, doch ihr Siegel zieht weiter Energie aus einem Besitzer, der längst im Schuldgefängnis gestorben ist.
Rem ruft im Laufen die Regeln.
„Blaue Schilder mit Wasser löschen. Grüne nicht mit bloßen Händen anfassen. Wenn ein Name zweimal durchgestrichen ist, kann nur ein Zeuge die Tür öffnen.“
Das weiße Feuer sinkt immer schneller.
Leon und der Leerendrache halten eine Feuerwand unter der Decke fest. Die Bestie breitet ihren verletzten Flügel aus und verschlingt das Licht mit dem Rand eines Risses. Mit jedem neuen Aufflammen wird das Loch breiter, doch der Drache selbst schrumpft. Die Leere frisst Kraft, die er ohne Titanenkern nicht zurückholen kann.
„Noch eine Minute“, sagt Leon.
Der Drache dreht den Kopf.
Leon verbessert sich.
„So lange du kannst.“
Die Bestie bleibt.
Aus einer grünen Zelle bricht ein durchsichtiger Geist. Er fliegt an mir vorbei und trifft Rem in die Brust. Der Gutachter sinkt auf die Knie. Auf seinem Mantel bleibt eine schwarze Spur in Form einer Hand.
Cole hebt den Speer.
„Nicht“, keucht Rem.
Der Geist schlägt noch einmal zu. Diesmal schützt Rem sein Gesicht mit dem Arm, aktiviert aber kein Verteidigungssiegel.
„Ich habe seinen Besitzer bewertet. Dann habe ich die Übergabe unterschrieben.“
Rem wehrt sich nicht. Ich werde ihn trotzdem nicht hinrichten lassen. Ich stelle mich zwischen die beiden. Der Geist verbrennt mir die Schulter, weicht zurück und bemerkt den offenen Weg. Einige Sekunden schwebt er vor Rem. Dann fliegt er zum Ausgang.
Der Gutachter steht allein auf.
„Die nächste ist blau.“
Die befreiten Bestien stellen sich nicht brav in einer Reihe auf. Manche laufen zu den Türen, andere verstecken sich unter den Regalen. Ein Vogel mit gebrochenem Flügel drängt sich in eine Ecke. Der Steinhund kehrt immer wieder zu Zellen zurück, in denen er Bewegung hört.
Styx fliegt zu den freien Wesen und zeigt ihnen keinen Befehl, sondern drei Bilder: das Feuer, den Lüftungsknoten und den Ausgang.
Die meisten wählen den Ausgang.
Der Steinhund bleibt. Bei ihm bleiben der Erdgeist und der blinde Vogel, der die Siegel mit seinem Schnabel spürt. Drei von mehreren Dutzend.
Das reicht nicht, um das ganze Archiv zu öffnen. Aber jeder von ihnen übernimmt eine Tür.
Als der Timer vier Minuten anzeigt, findet Rem ein zentrales Gitter.
„Dahinter liegt der Notfallknoten. Wenn wir ihn abschalten, stoppt das Feuer.“
Im Gitter gibt es drei Aufnahmen für Siegel: Gilde, Familie und Stadt.
Rems und Leons Siegel haben wir.
Das Siegel der Stadt gehört einem Mann, der seine Uniform bereits abgelegt hat.
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