Kane sieht nicht mich an.
Er sieht Leon an.
Weiße Platten bedecken die Hälfte seines Gesichts. Seine Stimme ist noch immer menschlich.
„Du hast ihm den Drachen gebracht.“
„Er ist von selbst gekommen.“
„Bestien tun nichts von selbst. Sie suchen Futter, fliehen vor Schmerzen oder gehorchen dem stärkeren Willen.“
Der Leerendrache sinkt neben Leon zu Boden. Seit dem Familiensaal schleift sein verletzter Flügel wieder über den Boden. In seiner Brust leuchtet die schwarze Ader, durch die Kane den alten Vertrag zur Krone zieht.
Styx liegt fast reglos in meinen Händen. Von ihr kommen nur kurze Bilder: das Brennen in der Brust des Drachen, der goldene Reif des Basilisken, die dunkle Leitung unter dem Thron.
Kane berührt die Krone.
Am Hals des Drachen erscheint die Spur seines alten Halsbands.
„Komm zurück.“
Die Bestie macht einen Schritt zum Thron.
Leon wird blass, hebt aber die Hand nicht. Seine Finger kennen noch die Geste für einen Befehl. Er müsste die Bewegung nur beenden, dann könnte sich der zerrissene Vertrag wieder schließen.
Ein zweiter Schritt.
Kane öffnet vor dem Drachen den Titanenkern. Die schwarzen Platten auf dem verletzten Flügel wachsen nach. Der Schmerz verschwindet. Die Bestie hebt den Flügel höher als in den letzten Tagen.
„Für diese Kraft habe ich ihn aufgezogen“, sagt Kane. „Du hast den besten Kern bekommen, die besten Lehrer und einen Platz, von dem aus du die Stadt beschützen konntest. Jetzt führst du ihn in den Tod, weil du Angst hast, so zu werden wie ich.“
Leon antwortet nicht sofort.
„Habe ich.“
Für einen Augenblick ist Kane aus dem Takt.
„Und trotzdem gebe ich ihm keinen Befehl.“
Der Drache erreicht den Thron. Der Titanenkern ist direkt vor ihm. Eine Berührung würde reichen. Seine alte Gestalt käme zurück, und er müsste den gebrochenen Flügel nie wieder hinter sich herschleifen.
Kane streckt eine Hand nach seinem Kopf aus.
Die Bestie lässt seine Finger die Platten berühren.
Leon schließt die Augen, bleibt aber stehen.
Der Drache sieht erst zum offenen Kern, dann auf die schwarze Ader in seiner eigenen Brust. Plötzlich dreht er sich um und schlägt mit dem Schwanz gegen die Leerenleitung.
Der Thron bekommt Risse.
Kane taumelt zurück. Die Heilung auf dem Flügel des Drachen verschwindet. Dafür reißt sein zweiter Schlag den Schacht unter der Krone auf.
„Du hättest zurückkommen können!“, schreit Kane zum ersten Mal.
Der Kettenbasilisk reißt sich aus dem Thron. Goldene Ringe schließen sich um die Flügel des Drachen und ziehen ihn in den Riss. Beide Bestien stürzen in den unteren Steuerkreis.
Leon rennt hinterher.
Kane streckt eine Hand aus.
„Bleib.“
In dem Wort steckt ein Siegel. Darunter klingt aber echte Angst. Nicht die Angst eines Familienoberhaupts, das seinen Erben verliert. Die Angst eines Vaters, der sieht, wie sein Sohn in demselben Schacht verschwindet, in dem seit Jahrzehnten Bestien verbrennen.
Leon bleibt am Rand stehen.
Man könnte glauben, diese Angst mache alles andere ungeschehen.
Dann knackt unten der Flügel des Drachen.
Leon springt.
Ich verstecke Styx unter meinem Kragen und springe hinterher.
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