ОттискOriginalromane
REX WANG UND STYX

Kapitel 78. Kein Platz am Kopfende

Am vierten Tag schaffe ich es bis zum Fenster.

Die Stadt sieht schlimmer aus als unter der Krone. Das Wasser kommt in Fässern, die Plattformen stehen still, freie Bestien helfen nur dort, wo sie es wollen. An den Wänden hängen Listen der Vermissten und Dienstpläne.

Lenny sitzt im Hof neben dem Affen, der nicht in den Krankenflügel will.

„Früher hätte ich ihn gezwungen“, sagt er. „Jetzt sitze ich eben hier.“

Der Übergangsrat tagt in der Kantine der Akademie. Am langen Tisch gibt es keinen Platz für ein Oberhaupt. Der Streit über das Wasser dauert zwei Stunden. Die Schutzmauer wird in sieben Abschnitte mit eigener Energieversorgung und offenen Entscheidungsprotokollen geteilt.

Beinahe bricht der südliche Abschnitt als Erster weg. Sein Vertreter verlangt, den Färbern die Pumpen abzunehmen. Dort wohnen Schuldner, im Süden lagert das Getreide. Taya kommt im nassen Mantel herein und legt eine Liste der Häuser auf den Tisch, die für die Nordmauer überflutet worden sind.

„Sie können die Pumpen nehmen“, sagt sie. „Schreiben Sie zuerst auf, welche Straßen dann kein Trinkwasser haben und wer dort mit Eimern hingeht.“

Niemand hebt die Hand.

Mira schlägt einen Plan vor, nach dem die Pumpen alle drei Stunden zwischen Kliniken, Mauer und Wohnvierteln wechseln. Der Vertreter des Südens fordert einen festen Anteil für die Lager.

„Dann nennen Sie die Patienten, die wir abschalten“, sagt Mira.

Der Streit geht weiter. Die Lösung ist schlechter als jeder Befehl der Krone: kompliziert, langsam und abhängig von Menschen, die vielleicht nicht zu ihrer Schicht kommen. Dafür steht neben jeder Zeile der Name dessen, der die Entscheidung getroffen hat.

Cole weigert sich, die Stadtwache zu führen. Er will die Abschnitte ausbilden und Alarme koordinieren. Das Recht, ein Tor zu schließen, sollen aber die Menschen haben, die direkt daneben stehen.

„Sie sehen nicht die ganze Stadt“, wendet der Rektor ein.

„Habe ich auch nicht, als ich Befehle ausgeführt habe.“

Leon übergibt dem Rat die Codes der Familienlager. Mehrere Mitglieder wollen ihm die Kontrolle bis zum Ende des Winters lassen. Niemand sonst kennt das Schutzsystem der Li. Leon ist bereit, seinen Aufbau zu erklären. Ein persönliches Siegel lehnt er ab.

„Wenn ohne mich alles stehen bleibt, hat mein Vater eben doch noch eine Krone gebaut.“

Rem schlägt vor, das Archiv der Beschlagnahmungen zu bewahren. Die Bewohner wollen es zusammen mit den Schulden verbrennen.

„Wenn wir die Namen vernichten, behauptet in zehn Jahren jemand, dass das alles nie passiert ist“, sagt Lily.

Rem legt seine eigene Liste daneben.

Darauf stehen sämtliche Protokolle, die er auf Kanes Befehl umgeschrieben hat. Dreihundertzwölf Zeilen. Bei siebenundzwanzig steht eine Anmerkung: Bestie vor der erneuten Bewertung gestorben.

„Fangen Sie das Archiv mit mir an“, sagt Rem. „Sonst wird es wieder ein Buch über die Schuld anderer.“

Die Frau, deren Tochter der Steinhund gehört hat, fragt, warum der Name des Gutachters bewahrt werden soll, wenn das Tier bereits frei ist.

„Weil ich mich in einem Jahr selbst nur noch an die Unterschriften erinnern werde, die ich korrigiert habe.“

Das Archiv bleibt. Über den Zugriff auf persönliche Erinnerungen entscheiden die Betroffenen. Die Eigentumsdokumente werden öffentlich.

Die Schulden werden gestrichen. Die Aussagen bleiben.

Das Vermögen der Familie Li geht an Fonds der einzelnen Viertel. Rem besteht darauf, dass ich den Wert des gestohlenen Titanenkerns bekomme. Einen Teil nehme ich für die Behandlung, die Erkundung und eine Entschädigung für Arden. Den Rest lasse ich unter öffentlicher Kontrolle im Fonds.

Freiheit befreit die Stadt nicht von Konflikten. Sie nimmt uns nur den Mechanismus, der Gewalt schon im Voraus Ordnung genannt hat.

Vor dem Prozess zeigt mir Cole die Zeugenliste. Mein Name steht weit hinten.

„Kane wollte, dass du der Erste bist“, sagt er. „Dann wäre das Verfahren wieder ein Duell zwischen zwei starken Männern.“

An erster Stelle steht die Frau aus der Färberei. An zweiter Arden. Dann Rem, Leon, Mira und die Familien aus dem lebenden Archiv.

Angefangen hat die Geschichte lange vor dem Versuch, mich festzunehmen.

Im Reader öffnen