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MEIN NOTIZBUCH GEHÖRT MIR

Kapitel 9. Abgelehnt

Die Entscheidung über den Einspruch hing hinter Glas, gedruckt auf demselben cremefarbenen Papier, auf dem das Eberwald Triumphe wie Hinrichtungen ausfertigte. Meine Mappe war zur nationalen Auswahl der Stiftung durchgegangen. Julians Mappe war abgelehnt.

Die Formulierung war höflich und vernichtend: „Der Kandidat zeigt erhebliches Potenzial, doch der Mappe fehlen die eigenständige Autorschaft, die tragfähige Argumentationsstruktur und die reflexive Reife, die für eine Revision der Entscheidung erforderlich wären.“

Die Worte „reflexive Reife“ las ich dreimal.

„Schön schreiben können sie“, sagte Hanna hinter meiner Schulter. „Würde mich interessieren, bei wem sie ‚reflexive Reife‘ abgeschrieben haben.“

Ich antwortete nicht. In mir passierte etwas Ungewohntes: Zwei Freuden stritten um den Platz. Die eine – einfach und laut: mein Name auf der Liste der Zugelassenen, meine Bewerbung, meine Unterschrift. Die andere – leise und fremd: Hinter dieser Zeile stand niemand außer mir. In meinem ersten Leben wusste ich nicht, dass ein Sieg sich so schwer in den Händen anfühlen kann – wie etwas, das man endlich nach Hause trägt und nicht in ein fremdes Stockwerk.

Julian trat zwanzig Minuten lang nicht an den Aushang. Ich sah ihn am Ende des Flurs: Er stand am Fenster und tat, als lese er etwas auf seinem Handy, während die Menge vor dem Glas allmählich dünner wurde und sich nach ihm umdrehte – manche mit Mitleid, manche mit Neugier, manche mit schlecht versteckter Erleichterung, dass der fremde Sturz nicht ihnen passiert war. Das Eberwald konnte zusehen. Das lernte man hier gründlicher als Mathematik.

Als er endlich kam, war Charlotte an seiner Seite. Sie nahm seine Hand, bevor er zu Ende gelesen hatte; er ließ es zu – und las weiter, während seine Hand in ihren Fingern allmählich erschlaffte. Charlotte drückte fester:

„Papa kann immer noch ein externes Gutachten besorgen.“

Julian antwortete nicht. Sie sprach hastig weiter:

„Es gibt private Förderpreise, bessere sogar. Das Arnsberg-Stipendium ist angesehen, aber die Welt dreht sich nicht darum.“

Sie hatte leicht reden: Charlottes Leben bestand aus Notausgängen. Julian hob den Blick und fand mich in der Menge. Diesmal klagte er nicht an – und das war fast schlimmer. Er stand einfach vor einer verschlossenen Tür und begriff endlich, dass der Schlüssel nie die Liebe gewesen war. Der Schlüssel war die Arbeit.

Ich ging, bevor das Mitleid sich in eine Bewegung verwandeln konnte.

Und nach dem Unterricht versammelte Hartmann die Finalisten der nationalen Auswahl in einem leeren Klassenzimmer und verteilte den Zeitplan: Forschungsantrag – in drei Wochen, zwei Gespräche – im Januar, öffentliches Essay – im Februar. Vor uns lagen sechs Wochen, in die ein ganzes zweites Leben passen musste. Er verteilte das Reglement – zwanzig Seiten Kleingedrucktes – und riet, es so zu lesen, wie man einen Mietvertrag liest: zweimal und mit Bleistift.

Auf einem eigenen Blatt lag eine Einladung mit Goldschnitt zum winterlichen Stifterabend bei, an dem die Kandidaten teilnehmen mussten. Darunter standen der Dresscode, die Anfahrt und ein Programm mit den Namen jener Menschen, nach denen in der Stadt Krankenhäuser benannt waren und deren Entscheidungen Fabriken geschlossen hatten.

„Das ist kein Fest“, sagte Hartmann und sah dabei ausgerechnet mich an. „Das ist eine Vitrine. Benehmen Sie sich wie Exponate mit Selbstachtung.“

„Und wenn man uns kaufen will?“, fragte jemand aus der letzten Reihe.

„Dann erfahren Sie Ihren Preis“, sagte Hartmann. „Nützliches Wissen. Verwechseln Sie nur den Preis nicht mit dem Wert.“

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