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MEIN NOTIZBUCH GEHÖRT MIR

Kapitel 10. Kronleuchter

Das Kleid lieh mir Hannas ältere Schwester – schwarz, streng, eine Nummer größer als mein Selbstbewusstsein. Die Schuhe drückten wie fremde Grundsätze. In der Garderobe der Stiftung roch es nach Pelz und Frost; der Spiegel dort war hoch und ehrlich, und das Mädchen darin sah aus wie versehentlich eingeladen. Ich straffte die Schultern. In meinem ersten Leben hätte ich dem Spiegel geglaubt. In diesem wusste ich: Spiegel in solchen Häusern lügen zugunsten der Hausherren.

Der Abend fand im Ostsaal der Stiftung statt: Kronleuchter, gebohnertes Parkett, Erwachsene mit Gläsern voll Mineralwasser, die über Teenager sprachen wie über Wertpapiere. An den Wänden standen Tische mit Häppchen, die niemand ernsthaft anrührte: Essen war hier kein Essen, sondern Kulisse für Gespräche über die Zukunft fremder Kinder.

Mama konnte nicht kommen: Samstag, der Laden, die Bestellungen vor den Feiertagen. Sie bügelte mir das Kleid, zählte die Haarnadeln nach und sagte an der Tür: „Rücken gerade. Und mach dem Namen Mohr keine Schande.“ Den Namen Mohr kannte in diesem Saal niemand. Genau das hatte ich vor zu ändern.

Hanna erschien als mein Gast und begann schon an der Tür zu zählen, wie oft die Stifter das Wort „Resilienz“ sagen würden.

„Schon viermal“, meldete sie nach zehn Minuten. „Das fünfte fällt am Kanapee-Tisch. Fünf Euro.“

„Ich wette nicht gegen jemanden, der Daten doppelt unterstreicht.“

„Sehr vernünftig.“ Sie kniff die Augen zusammen und musterte den Saal. „Schau mal, wie sie mit den Kandidaten reden. Sie beugen sich vor. Wie über ein Aquarium.“

Julian war auch da – an der Treppe, im dunklen Anzug, der schlecht saß und ihm gerade deshalb noch besser stand. Charlotte stand neben ihm in blassblauem Satin und strahlte, als hätte man sie eigens für diese Kronleuchter gezüchtet. Ihre Hand lag auf Julians Arm, doch ihr Blick ruhte auf dem großen Jungen am Fenster.

Am Fenster stand Konstantin Eisenberg vom Moritzberg-Gymnasium – Landesmeister im Debattieren, Sohn eines Reeders und ein Kandidat, dessen Nachname in der Stiftung bereits einen besonderen Tonfall hervorrief. Er stand im Kreis der Erwachsenen so frei, als wäre er zu Hause, und hörte ihnen mit jener höflichen Aufmerksamkeit zu, die keine Zustimmung verspricht. In meinem ersten Leben hatte Charlotte ihn übersehen: Damals hatte Julian das Stipendium schon gewonnen und war die interessantere Geschichte. Jetzt verweilte ihr Blick eine halbe Sekunde zu lang auf Konstantin. Julian sah es. Ich sah, wie er es sah – und wandte die Augen ab, bevor die Geometrie seines Schmerzes mich hineinzog.

Am Buffet stellte mich Frau von Ahlenberg. Sie war von derselben Sorte wie ihre Tochter, nur beherrschter und mit einem teureren Lächeln.

„Klara Mohr“, sagte sie. „Ich habe viel von Ihnen gehört.“

„Guten Abend.“

„Erster Platz bei der Auswahlprüfung. Nationales Finale. Beeindruckend.“

„Danke.“

Ihr Blick wanderte über das geliehene Kleid, die schlichten Schuhe, meinen sorgfältig geraden Rücken. Es war ein professioneller Blick – so prüft ein Gutachter eine Wohnung, die zur Tilgung von Schulden verkauft werden soll.

„Aus welcher Familie kommen Sie noch einmal?“

„Aus der Familie Mohr“, sagte ich. „Meine Mutter arbeitet im Supermarkt. Am Wochenende im Blumenladen in der Großfeldstraße.“

„Wie… bodenständig.“ Die Pause war auf den Millimeter berechnet. „Sie haben doch mit Julian Wolf gelernt, nicht wahr?“

Die Frage war kein Zufall: Solche Frauen geben keine Worte ohne Kostenvoranschlag aus.

„Habe ich. Dann habe ich aufgehört.“

„Und warum?“

„Meine eigene Zukunft brauchte Aufmerksamkeit.“

„Selbstverständlich. Ehrgeiz braucht Rückschnitt, wie Rosen.“

Ich bewunderte die Formulierung beinahe. Sie nippte an ihrem Glas:

„Julian ist begabt, aber ein Talent, dem man zu viel hilft, wird abhängig. Vielleicht haben Sie ihm einen Dienst erwiesen, als Sie sich zurückzogen.“

Da war sie, die Kunst reicher Frauen: meine Erschöpfung in seine nützliche Lektion zu verwandeln. Alles an diesem Satz war makellos gebaut – bis auf eines. Sie bot mir eine Rolle in einer fremden Geschichte an. Ich hatte schon eine eigene.

„Ich habe mir einen Dienst erwiesen“, sagte ich.

Ihr Lächeln erstarrte für genau eine Sekunde – wie der Zeiger einer Waage, der unter einem nicht einkalkulierten Gewicht zittert. Sie sah mich aufmerksamer an, als sie vorgehabt hatte, und ich begriff: Man hatte mich soeben in eine andere Kartei umgetragen: von „Dienstpersonal des Talents“ zu „unklarer Vermögenswert“. Eine Beförderung war das nicht, aber aus dem Keller war ich immerhin heraus.

Neben uns tauchte, wie ein müder Schutzengel, Hartmann auf:

„Frau von Ahlenberg, ich sehe, Sie haben unsere Klassenbeste kennengelernt.“

„Eine sehr direkte junge Person.“

„Das ist ihre Begabung.“

Als sie weiterging – zu anderen Aquarien –, sah Hartmann mich an:

„Vorsicht in solchen Sälen.“

„Ich dachte, für solche Säle gibt es Stipendien.“

„Nein. In solchen Sälen gibt es einen Preis.“

Quer durch den Saal lachte Charlotte über etwas, das Konstantin gesagt hatte. Das Lachen war genau bemessen: laut genug, um nicht Konstantin, sondern Julian zu erreichen. Hanna folgte meinem Blick und fällte ihr Urteil:

„Die Dame wechselt den Kurs wie eine Jacht. Sie fährt dorthin, wo der Wind günstiger steht.“

Der Satz war gehässig, aber treffend.

„Übrigens“, fügte Hanna hinzu. „‚Resilienz‘ – elf. Du schuldest mir fünf Euro.“

„Ich habe nicht gewettet.“

„Das sagen alle.“

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