Das Wort „Bildung“ kann vieles heißen. Mein Leben lang hieß es für mich Schule, Prüfungen, Stipendien. In dem Zimmer, in das man uns eine Woche später bat, hieß es: eine Neubildung auf der Aufnahme, so groß wie eine Bohne.
„Sie haben Glück, dass Sie jetzt gekommen sind“, sagte die Ärztin. „Ein frühes Stadium. Operabel, behandelbar, die Prognose ist gut. Hätten wir das in zwei, drei Jahren gefunden – wäre es ein anderes Gespräch.“
Ich wusste, wie dieses Gespräch in zwei oder drei Jahren ausgesehen hätte; aus meinem ersten Leben kannte ich es auswendig: Ich hatte es im ersten Leben gehört, in genau so einem Zimmer, nur hießen die Worte damals „zu spät“, „palliativ“ und „Monate“. Damals hielt Mama meine Hand – meine, die einer Erwachsenen –, weil von uns beiden ich es war, die nicht auf den Beinen bleiben konnte. Jetzt stand alles an seinem Platz, und von dieser Richtigkeit drehte sich mir der Kopf.
Mama hörte der Ärztin gesammelt zu, nickte an den richtigen Stellen und stellte praktische Fragen: wie viele Tage Krankenhaus, was wird aus den Schichten, wer gießt die Blumen, ob man die Operation wenigstens um eine Woche verschieben könne, weil der Laden bereits einen Großauftrag angenommen habe. Die Ärztin sagte: Kann man nicht. Mama seufzte und willigte ein, mit dem Gesicht eines Menschen, der einen Eilzuschlag zähneknirschend akzeptiert. Mama begegnete dem Unglück seit jeher mit einer Inventur.
Ich ging „auf die Toilette“, lief bis ans Ende des Flurs, setzte mich aufs Fensterbrett bei der Feuertreppe und weinte – das eine Mal in beiden Leben, lautlos, in den Ärmel eines fremden Mantels. Es waren seltsame Tränen: In ihnen war ein Leid, das schon geschehen war, und ein Glück, das erst noch geschehen musste, und die beiden konnten sich nicht einigen. Unten, unter dem Fenster, parkten Autos ein, ein Mann trug einen Tannenbaum quer vor sich her – die Stadt lebte weiter, und zum ersten Mal in meinen beiden Leben wollte ich mit ihr leben und nicht anstelle von jemandem. Dann wusch ich mir das Gesicht und kam zurück mit der Miene eines Menschen, der sich nur sehr lange die Hände gewaschen hat.
„Na, Kommandantin“, sagte Mama im Bus. „Zufrieden?“
„Zufrieden bin ich nach der Operation.“
„Der Kuchen geht auf mich“, sagte sie und drehte sich zum Fenster. Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu, ohne sich umzudrehen: „Es war ein guter Traum, Tochter. Ein lästiger, aber ein guter.“
An ihrem Spiegelbild in der Scheibe sah ich, dass sie alles über meinen Traum verstanden hatte. Mütter verstehen Träume besser als jedes Traumbuch.
Die Operation setzten sie für Ende Februar an. Und einen Tag später wäre beinahe mein eigener Antrag geplatzt.
Hanna rief nach neun Uhr abends an – ohne „Hallo“, gleich zur Sache, wie man von einem Brand aus anruft:
„Mach das Reglement auf. Punkt vier-zwei, Anlage zur Projektunterstützung. Lies, wer unterschreibt.“
„Der Betreuer…“ Ich öffnete die Datei und stockte. „Der Schulleiter.“
„Der Schulleiter. Und bei dir steht Hartmanns Unterschrift. Ich habe es zum vierten Mal durchgelesen, beim dritten dachte ich, ich bin verrückt.“
„Bis zur Frist sind es zwei Tage. Der Schulleiter ist in München, auf einer Konferenz.“
„Dann hast du einen Abend für die Panik“, sagte Hanna. „Ich gebe dir zehn Minuten. Danach rufst du Hartmann an.“
Ich brauchte sieben. Hartmann hörte zu, ohne zu unterbrechen, sagte „Warten Sie“ und legte auf. Am nächsten Tag erreichte er den Schulleiter zwischen zwei Vorträgen, diktierte den Text am Telefon, und die Unterschrift kam als Scan, sechs Stunden vor Ablauf. Als wir wieder atmeten, verkündete Hanna:
„Doppelt unterstrichene Daten. Ich habe es immer gesagt: Das ist keine Neurose. Das ist ein Lebensstil.“
Und am Freitag wurde bekannt, dass Julian den Windhagen-Förderpreis nicht bekommen hatte. Nicht wegen meiner nicht eingereichten Erklärung, auch wenn Charlotte sich das vermutlich anders erklärte. Der Beirat hatte eine Schreibprobe und ein unabhängiges Gespräch verlangt. Ohne meine Karten, ohne Charlottes Vater, der die Kanten glättete, irrte Julian umher, stritt, antwortete lang, wo kurz nötig war, und gab am Ende ehrlich zu: Er könne über seine Ziele nicht sprechen, ohne dass es wie eine Klage über das Schicksal klinge.
Dieser Satz erreichte mich über Hartmann, der ihn von einem Beiratsmitglied gehört hatte und mit so etwas wie Respekt wiederholte:
„Immerhin hat er die Wahrheit gesagt.“
„Die Wahrheit bringt keine Stipendien.“
„Nein“, stimmte Hartmann zu. „Aber manchmal bewahrt sie davor, den falschen Wettbewerb zu gewinnen.“
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